Das Gedenken an historische Ereignisse verblasst mit der Zeit. So ist es in den allermeisten Fällen. Daher ist es etwas Besonderes, dass der Blutmai im Wedding nicht nur nicht vergessen ist. Die Erinnerung wird seit zehn Jahren unter anderem von einer Arbeitsgemeinschaft zur Geschichte des Wedding wachgehalten. Bei der Gedenkveranstaltung am Samstag (3.5.) berichtete AG-Leiterin Katrin Schäfer nun sogar von einer Ausweitung des Interesses an den gewaltsam niedergeschlagenen Arbeiterprotesten 1929.

Als sich die Gruppe von etwa 40 Menschen am Gedenkstein für den Blutmai an der Panke versammelte, waren die Spuren der vorherigen Veranstaltung noch deutlich zu sehen. Auf dem riesigen Findling, der aus Schweden stammt und seit 27 Jahren auf dem Pankebalkon an der Wiesenstraße liegt, lagen viele rote Nelken und ein Gedenkkranz. Auf den daran angebrachten Bändern steht: „Der herrschenden Klasse blutiges Gesicht. Der rote Wedding vergisst es nicht“.
„Als wir angefangen haben vor zehn Jahren, waren wir noch ganz allein. Es wird hier nun jedes Jahr mehr mit dem Gedenken“, sagte Katrin Schäfer vom Tageszentrum Wiese, bei dem die AG Gedenkstein angesiedelt ist. Nun sei es sehr groß geworden, insbesondere seit die linke Gruppe „Hände weg vom Wedding“ hier ebenfalls des Ereignisses gedenkt. Auch der Kranz mit der Aufschrift stamme von der Gruppe von der Veranstaltung am 1. Mai mit sehr vielen Teilnehmer:innen.

Doch auch zu der Veranstaltung der AG Gedenkstein am 3. Mai sind viele Menschen gekommen. Die Leiterin des August-Bebel-Instituts war dabei, Bezirksverordnete und Nachbar:innen. Auch der Weddinger Verleger Walter Frey. Dieser hatte im Tageszentrum Wiese schräg gegenüber des Gedenksteins einen Bücherstand mit Weddingliteratur aufgebaut. Mit seinen Büchern ist er ebenfalls ein aktiver und fleißiger Bewahrer von Erinnerungen an lokale Ereignisse und Persönlichkeiten der Vergangenheit.

Nach dem Gedenken am Findling führte Andreas Szagun die interessierten Teilnehmer:innen zur Kösliner Straße. Dort wurden die Namen von acht Personen aus der unmittelbaren Nachbarschaft verlesen, die Opfer der Blutmai-Ereignisse wurden.
Die Namen sind: Albert Heider, Louis Fröbus, Max Gemeinhardt, Karl Felsch, Bruno Seidler, Klara Kowalewski, Otto Granowski, Erna Rosenberg.
Das Interesse an den Lebensumständen und dem genauen Hergang der Ereignisse im Mai 1929 war groß. Andreas Szagun gab eine historische Einordnung und beantwortete im Anschluss viele Fragen zur Wohnsituation der Menschen, zur Strategie der Polizei, zu Reaktionen der linken Parteien auf den Blutmai und zu vielem mehr. Wichtig war ihm, zu sagen: „Die Opfer, das waren Unbeteiligte, sie hatten nichts mit dem Protest zu tun“.

Der Blutmai 1929
Seit über 30 Jahren liegt auf der Walter-Röber-Brücke an der Panke ein großer Findling. Der Gedenkstein hat dort 1991 auf Initiative des Weddinger Heimatvereins seinen Platz gefunden. Er erinnert an die Ereignisse Anfang Mai 1929, als Arbeiterproteste gewaltsam niedergeschlagen wurden. Hintergrund war ein Verbot von Versammlungen unter freiem Himmel, das der sozialdemokratische Polizeipräsident ausgesprochen hatte. Dieses richtete sich vor allem gegen Provokationen und Veranstaltungen der Nazis, schloss aber die Demonstrationen der Arbeiterbewegung zum 1. Mai mit ein.
Während das Verbot für den 1. Mai in anderen Städten schließlich zurückgenommen wurde, blieb es in Berlin bestehen. Das löste massive Proteste aus, die von der Polizei gewaltvoll niedergeschlagen wurden. In dem Gebiet rund um den Weddinger Gedenkstein wurden dabei 19 Menschen getötet, 250 wurden verletzt. Die Ereignisse gingen unter dem Begriff Blutmai in die Geschichte ein. Mehr Details dazu stehen auf der Webseite, die den Gedenkstein an der Panke erklärt.

Führung: Der rote Wedding
Die AG Gedenkstein im Tageszentrum Wiese beschäftigt sich seit zehn Jahren mit diesem Teil der Weddinger Geschichte. Sie hat eine Begleittafel mit einem QR-Code aufstellen lassen, die zu einer Webseite mit vielen Informationen zum Blutmai führt. Sie hat mehrere Broschüren herausgegeben und bietet Führungen zu historischen Wedding-Themen an. Die nächste Führung unter dem Titel „Der rote Wedding“ findet am 17. Mai von 11 bis 13 Uhr statt. Treffpunkt ist vor dem Amtsgericht Wedding am Brunnenplatz 1.


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