Werner Lenz hat 1986 in der DDR den Band „Die Millionenbrücke und andere Geschichten“ veröffentlicht. Für heutige Leser interessant ist die Beschreibung eines Alltags in einer Gesellschaft, die sich spaltet.

„Unsere Gesellschaft spaltet sich immer mehr“ ist ein Satz, den man heute oft hört. Das klingt manchmal, als ob so etwas in anderen Zeiten nicht gegeben hätte. DDR-Autor Werner Lenz schildert in seinem Buch „Die Millionenbrücke und andere Geschichten“, dass sich die Menschen auch schon früher schwer damit taten, zueinander zu finden.
Sein Buch erschien 1986 in der DDR im Mitteldeutschen Verlag. Auf dem Klappentext wird der humoristische Text „Die Ferien des Mister L.“ als Kabinettstück hervorgehoben. In Wahrheit ist sie eher eine der schwächeren der elf Geschichten. Dagegen setzt die erste Kurzerzählung „Die ungemalten Bilder des Paul Scholz“ jenen Ton, der in der DDR aufgewachsene Menschen sofort berührt: ein Hauch Wehmut, viele leise Worte um doch ungesagt Bleibendes und eine unbestimmbare Sehnsucht nach richtigem Leben.

Die letzte Geschichte, gewissermaßen der Höhepunkt, heißt schlicht „Die Millionenbrücke“. Sie beginnt mit einem Leitspruch: „Die Zeit bindet unsere Füße stärker als die Erde“. Ein geheimnisvoller Satz, der nicht recht zu deuten ist, aber darauf einstimmt, dass es um eine Erinnerung geht, die in den 1980er Jahren gut 40 Jahre zurückliegt. Um etwas, das einerseits längst vorbei ist und andererseits eben alles andere als längst vorbei ist, weil es sonst nach so langer Zeit nicht wert wäre, erzählt zu werden. Vordergründig wird eine Familiengeschichte erzählt. Doch im Kern geht es um Menschen, die zusammenleben und sich doch wegen ihrer Ansichten spalten lassen, sich aus den Augen verlieren, das Verbindende nicht finden. Spaltung der Gesellschaft sagt man heute. Zwei Systeme in einer Stadt, sagte man 1949.
Der heutige Leser, der unter um die 30 Jahre alt ist, wird sich unweigerlich die Frage stellen: Wie werde ich über die heutige Zeit des zunehmenden Extremismus in 40 Jahren denken? Wie werde ich davon erzählen (oder schreiben)? Welche Rolle werde ich in diesem Spiel dann eingenommen haben?
Die Swinemünder Brücke über die Gleise hinter dem Bahnhof Gesundbrunnen sieht die Hauptfigur in der Erzählung als ein Schiff, ein Heimkehrerschiff, das Menschen wiederbringt. Aber Schiffe kommen nicht nur, sie fahren auch fort. Was nehmen sie mit? Die Hoffnung ist zu allen Zeiten, dass diese geheimnisvollen Seelenschiffe nicht das Wichtigste mitnehmen, was die Menschen für ein Zusammenleben brauchen.

Über den Autor Werner Lenz ist wenig herauszubekommen. Seine Kurzgeschichten sind gut, wenn auch nicht Meisterwerke der Weltliteratur. In einschlägigen Autorenlexika ist er nicht eingetragen. Offenbar hatte er auch Talent zum Malen, sein Buch ist mit eigenen Zeichnungen und einem Ölbild verziert. Wobei das Wort „verziert“ falsch ist. Denn seine Gemälde enthalten die gleiche melancholische Stimmung wie seine Texte. Sie verstärken beim Leser das bedrückende Gefühl, dass es den Menschen offenbar nicht gegeben ist, am gegenseitigen Glück zu arbeiten, wohl aber am gegenseitigen Unglück.
Hinweis: Das Buch „Die Millionenbrücke“ von Werner Lenz findet man gebraucht zum Kauf, wenn man eine Internetsuchmaschine befragt. Es kostet zwischen 3 und 5 Euro.
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