Für die Synagoge Ohel Jizchak stünde bald eine Feier zum 150-jährigen Bestehen an. Doch die Menschen, die die deutsche Geschichte gemacht haben, haben in der NS-Zeit das religiöse jüdische Leben auch dieser Gemeinde zerstört. Carsten Schmidt hat nun das Buch „Synagoge Feuerland“ geschrieben. Es ist eine Art stellvertretende Festschrift, die die Wege des Religionsvereins in der Liesenstraße nachzeichnet.

In der Liesenstraße grenzt heute der Ortsteil Alt-Mitte an den Ortsteil Gesundbrunnen (und eine Querstraße weiter beginnt der Ortsteil Wedding). Wobei die Grenze so verläuft, dass die Liesenstraße zum Gesundbrunnen gehört, die Gebäude mit den Hausnummern 1 bis 8 aber zu Mitte. Spitzfindigkeiten sind das. Vor 150 Jahren waren sie nicht möglich, denn das Gebiet zwischen heutiger Torstraße (damals Elsasser Straße), Berlin-Spandauer-Schifffahrtkanal, Brunnenstraße und Panke war einfach die Oranienburger Vorstadt. Also das Gebiet vor dem Oranienburger Tor.
Geschichte des Religionsvereins Ohel Jizchak
Carsten Schmidt nimmt sich in „Synagoge Feuerland“ Zeit, diese Umstände genau zu beschreiben. Er beginnt seine Geschichte des Religionsvereins nicht einfach mit Tag 1 von Ohel Jizchak, sondern er führt dem Leser zunächst Ort und Zeit ausführlich vor Augen. Er will, dass man sich vorstellen kann, wie die Zahl der Menschen in der Vorstadt wächst, wie die Industrien kommen und auch wie nach Berlin ziehende Jüdinnen und Juden sich unter anderem in der Oranienburger Vorstadt zusammenfinden.
Die Oranienburger Vorstadt und insbesondere die Chausseestraße waren eine widersprüchliche Gegend. Die Kreuzung Chausseestraße/Oranienburger Straße galt als Chansonetteneck, weil sich hier ein Amüsierviertel befand. Die Kreuzung Chausseestraße/Liesenstraße war wie heute eher eine triste Ecke. Hier gab es einen Friedhof und einen Exerzierplatz nebst Kaserne. Auch gesellschaftlich war die Gegend entlang der Chausseestraße widersprüchlich. Arbeiter, die sich zu organisieren begannen, Propagandisten antisemitischer Parteien und jüdische Religionsvereine stießen hier nicht nur aufeinander, sondern mieten teilweise die gleichen Festsäle für ihre Veranstaltungen.
Verein wäre bald 150 Jahre alt
1899 wurde die Synagoge in der Liesenstraße 3 eingeweiht. Der Religionsverein als Träger und Erbauer der Synagoge wurde 1879 gegründet, erste Ansätze muss es schon vorher gegeben haben. 150 Jahre könnte der Verein nun bald alt werden, wenn nicht die Nazizeit und die nachfolgende Zeit der Verdrängung das Synagogenleben beendet hätten. Dabei ist das Schicksal der Hinterhofsynagoge, schon damals im Stadtbild versteckt, ein typisches. Die nahe gelegene Beth Zion in der Brunnenstraße und die heute vergessene Synagoge in der Prinzenallee vermieden es ebenfalls, sich auf der Straße deutlich zu präsentieren.

Carsten Schmidt zeichnet die sechs Jahrzehnte lange lebendige Geschichte des Religionsvereins Ohel Jizchak nach. Sehr genau. Wie das Lesen einer Vereinsfestschrift fühlt sich die Lektüre an. Der Autor greift nach jedem Detail, dass entgegen aller Wahrscheinlichkeit die Zeiten überdauert hat. „Aufgrund kaum vorhandener Quellen nähern wir uns diesem wenig bekannten Kapitel Berliner Geschichte über die jüdischen Tageszeitungen“, schreibt Carsten Schmidt in der Einleitung. Ein Verfahren, das er bereits für sein Buch „Bittersweet. Jüdisches Leben im Roten Wedding 1871–1933“ genutzt hat. Ein gelungener Weg, um fehlende Zeitzeugen, fehlende Tagebücher und fehlende Akten auszugleichen. Diese Herangehensweise bringt Neues hervor – wie auch die Zuhörer bei der Buchpräsentation im Mitte Museum Mitte Oktober bemerkten.
Aufgefangen wird die Armut an Quellen durch historische Ansichtskarten und alte Fotos, die Sammler Ralf Schmiedecke zum Buch beisteuert. Sie helfen dem Leser, sich in die Zeit zurückzuversetzen. Aber auch das beinahe unerschöpfliche Archiv des umtriebigen Sammlers Ralf Schmiedecke muss passen, wenn es um Ansichten der Hinterhofsynagoge geht.
An das Verschwundene erinnern
Und dennoch: Obwohl überraschend viel zu notieren ist, rinnt in „Synagoge Feuerland“ die Vergangenheit zwischen den Buchstaben hin wie im Sprichwort die Zeit zwischen den Fingern. Der Verlust des jüdischen Lebens lässt sich nicht ungeschehen machen; das macht das Buch auf bittere Weise deutlich. Das letzte Kapitel ist mit „Zerstörung, Todesstreifen, Neugestaltung“ überschrieben. (Wobei Neugestaltung negativ gemeint ist im Sinne von Überbauung, Geschichtslosigkeit und Umwandlung.) Das Abreißen der Entwicklung wirkt endgültig, wie die Überschrift. Was bleiben könnte, ist die Erinnerung in Buchform. Ihr widmen sich die anderen Kapitel. Sie halten mit Worten und Kopien von Dokumenten fest, was nicht mehr ist. „Verschwunden sind die Torarollen und die religiösen Gegenstände“, hält Carsten Schmidt beim Anblick einer Tankstelle fest, die beinahe dort steht, wo einst die Hinterhofsynagoge stand. „Wir erinnern uns trotzdem!“

Über den Autor Carsten Schmidt
Autor Carsten Schmidt ist 1977 in Potsdam-Babelsberg geboren, hat Neuere Geschichte und Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin studiert und über die architektonische Transformation Manhattans 1929–1969 promoviert. Er beschäftigt sich mit Stadtgeschichte und veröffentlicht seit einigen Jahren Artikel zur jüdischen Geschichte Berlins.
„Synagoge Feuerland. Der zerstörte Tempel von Berlin-Mitte“ erschien 2025 im Verlag Hentrich&Hentrich, hat rund 100 Seiten und kostet 15 Euro. Es kann im gut sortierten Buchhandel sowie online gekauft werden.
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