Buch über verlorenes jüdisches Leben

Der aufmerksame Stadtspaziergänger kann noch so genau hinschauen: Es gibt im Wedding und Gesundbrunnen (fast) keine Spuren des einstigen jüdischen Lebens mehr. Deshalb ist das Buch „Bittersweet. Jüdisches Leben im Roten Wedding 1871-1933“ von Carsten Schmidt keine Spurenlese, sondern eine detektivische Rekonstruktion des jüdischen Alltags. Es handelt vom Unsichtbaren, von dem, was dem Straßenbild entnommen wurde.

Das Krankenhaus ist eine von ehemals zahlreichen jüdischen Einrichtungen. Foto: Andrei Schnell

Vermutlich ist es ein Klischee, aber es erscheint als eine typisch jüdische Haltung, ausgerechnet im größten anzunehmenden Verbrechen ein Funken Glück ausmachen zu wollen. Dr. Carsten Schmidt formuliert es so: “Die Geschichte der jüdischen Bürger im Berliner Wedding hatte weder einen leichten Anfang noch ein Happy End, aber schöne Momente, an die es sich lohnt zu erinnern”. Damit ist auch erklärt, warum die Wahl für den Titel auf Bittersweet fiel. Der Untertitel umreißt den Inhalt des Buches: “Jüdisches Leben im Roten Wedding 1871 – 1933”. Es geht also nicht um die Jahre der NS-Zeit, es geht um die Jahre davor, als jüdisches Leben zum Alltag gehörte. Und damit geht es in dem Buch um die Beschreibung dessen, was heute nicht mehr gegenwärtig ist.

Historische Ansichtskarte des jüdischen Altersheims in der Iranischen Straße. Karte: Archiv annoerzählt

Lebendiger Einblick trotz mangelnder Spuren

Was die Recherche nach Erinnerungsstücken schwer macht, das ist die Armut des Weddings, die hier vor einem Jahrhundert herrschte. Juden lebten hier wie die anderen Arbeiter und Tagelöhner des Weddings am Rande der Gesellschaft. Persönliche Nachlässe mit Briefen, Fotos und Tagebüchern fehlen. Die soziale Schicht, die solche Traditionen pflegte, lebte nicht im Armenbezirk Berlins. “Daher sind ihr Spuren fast ausgelöscht”, schreibt Dr. Carsten Schmidt.

Auch Ansichtskarten und Zeitungsfotos sind anders als bei christlichen Vorzeigebauten wie der Dankeskirche am Weddingplatz rar. Dennoch ist es Dr. Carsten Schmidt gelungen, die jüdische Gemeinschaft und ihre Orte in fünf Kapiteln zu beschreiben. Er stützt sich auf jüdische Zeitungen, die damals erschienen sind und heute digitalisiert und online verfügbar sind.

Viele Platz für soziale Einrichtungen

Die fünf Kapitel in Bittersweet beschäftigen sich mit Kaufleuten, mit sozialen Einrichtungen wie dem jüdischen Krankenhaus, der Welt der Schule, den Rabbinern und der Armenfürsorge. Das sind für Dr. Carsten Schmidt Anknüpfungspunkte, aus denen er ein Netz knüpft, mit dem er (beinahe) aus dem Nichts Einblicke in den jüdischen Alltag einfängt.

Der Wedding war nie ein Hotspot jüdischen Lebens in Berlin. Das belegen historische Bevölkerungsstatistiken. Der Berliner Norden war wenig attraktiv, hier lebten im 19. Jahrhundert anders als in den Städten Charlottenburg und Schöneberg nur wenige Juden. Doch dann erwies sich die Randlage überraschenderweise als förderlich, denn hier waren Bodenpreise niedrig. Damit wurden Neubauten von Krankenhaus bis Altersheim und Synagoge möglich.

Jüdische Gemeinde nutzte die Wiesenburg

Übrig geblieben sind von diesen Gebäuden im Wedding und Gesundbrunnen nur wenige. Eines davon ist das Obdachlosenasyl Wiesenburg, auch wenn diese kein jüdischer Bau ist. Aber die jüdische Gemeinde hat die Wiesenburg zu Beginn der 1920er Jahre von der Stadt Berlin gemietet, um Vertriebene aus Osteuropa unterzubringen. Schlafkarten beweisen dies. Andere bauliche Zeugnisse, wie das jüdische Altersheim, sind erst vor kurzem so saniert worden, dass ihre Geschichte unkenntlich ist.

160 Seiten über Fehlstellen

Dr. Carsten Schmidt zeigt dem Leser das, was nicht mehr zu sehen ist. Und das auf eine lesefreundliche Art. Der Autor schreibt für ein breites Publikum, trotz der Materialfülle wendet sich das Buch nicht ausschließlich an Auskenner, sondern an neugierige Menschen aller Interessensgebiete.

Es sind 160 Seiten, für die Dr. Carsten Schmidt Material gefunden hat. Andere historische Darstellungen sind umfangreicher, doch die Dichte an Informationen ist in Bittersweet hoch. Nicht viele Historiker dürften so detailliert zum jüdischen Leben im Wedding und Gesundbrunnen geforscht haben.

Buch schiebt den Schleier des Vergessens weg

Insgesamt übernimmt das Buch eine Funktion, die vergleichbar mit einer Therapie ist. Wer es durchliest, sieht den Wedding und Gesundbrunnen plötzlich so, wie er die Ortsteile schon immer hätte sehen können. Wenn da nicht dieser Schleier gewesen wäre, den das Buch zur Seite schiebt. Denn natürlich weiß jeder, dass es Spuren jüdischen Lebens geben müsste; doch im Alltag wundert man sich selten, sie nicht zu sehen. Bittersweet zeigt, wo die Fehlstellen sind.

Der Autor Carsten Schmidt. Foto: Schnell
Der Autor Carsten Schmidt. Foto: Schnell

Über den Autor Carsten Schmidt

Carsten Schmidt ist 1977 in Potsdam-Babelsberg geboren. Studiert hat Dr. Carsten Schmidt Kunstgeschichte, BWL und Geschichte an der FU und der TU. In seiner Doktorarbeit interessierte er sich für die architektonische und städtebauliche Transformation New Yorks von 1929 bis 1969. “Architektur als Gesellschaftsauftrag und Aushandlungsprozess” heißt die 2024 erschienene Arbeit. Er promovierte am Friedrich-Meinecke-Institut bei Prof. Dr. Paul Nolte. Heute beschäftigt sich neben seiner Festanstellung mit der Architektur und Stadtentwicklung Berlins und veröffentlicht Aufsätze und hält Vorträge.

Bestellangaben

“Bittersweet. Jüdisches Leben im Roten Wedding 1871 – 1933” von Carsten Schmidt kostet 18 Euro. Der Verkauf im Verlag Hentrich Hentrich ist im Sommer 2023 gestartet. Das Buch hat 168 Seiten und enthält 40 Abbildungen.

Buchcover: Bittersweet
Buchcover: Bittersweet

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Mehr Beiträge über jüdisches Leben im Wedding und in Gesundbrunnen gibt es hier: Jüdisches Leben

Kommentar

  1. […] wollt schon vorab etwas über das Buch wissen? Dann lest meine Besprechung: „Buch über verlorenes jüdisches Leben“ auf/im […]

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