Buchtipp: Der Prokurist vom Wedding

Was für Amerikaner der Weg des Tellerwäschers zum Millionär ist, ist in Deutschland der Weg vom Wedding nach Hermsdorf. Rainer Drews hat in „Der Prokurist vom Wedding“ anhand von Originaldokumenten die scheinbar alltägliche Lebensgeschichte des sozialen Aufsteigers Erwin Koerfgen aufgeschrieben. Ungewöhnlich daran ist, dass sie nicht in den 1960er Jahren ereignet hat, sondern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Erschreckend daran ist, wie sich das Geschichtsbild verändert, wenn es konsequent aus privatem Blickwinkel wahrgenommen wird.

Cover "Der Prokurist vom Wedding". Grafik: Verlag
Cover „Der Prokurist vom Wedding“. Grafik: Verlag

Menschen, die etwas leisten, bekommen Biographien (manche sogar Autobiographien). Manchmal bekommen auch Menschen, die geliebt wurden, einen Lebensbericht. Zum Beispiel wenn sich Angehörige schöne Erinnerungen an den Verstorbenen wünschen. Doch beide Varianten sind nicht das, was das Buch „Der Prokurist vom Wedding“ ist. Ob der von Rainer Drews porträtierte Erwin Koerfgen ein geliebter Vater, Ehemann oder Opa war, erfährt der Leser nicht. Dafür ist zu lesen, wie sich der Angestellte Erwin Koerfgen (1892 – in1947) ein Haus gekauft hat. Das war seine Lebensleistung.

Sollte man das lesen? Ja. Hier die Erklärung warum: Der Lebensbericht gibt einen unmittelbaren Einblick in eine Welt, in der das Private alles bestimmt und in der das Öffentliche lästig ist. Nach der Lektüre hat man möglicherweise mehr über das Menschsein gelernt, als einem lieb ist.

Der Prokurist vom Wedding: Über einen sozialen Aufstieg

Zunächst muss man die Dinge einordnen. In Deutschland ist es seit den 1960er Jahren immer alltäglicher geworden, dass das eigene Haus zur Lebensplanung gehört. Nach dem Ersten Weltkrieg konnten dagegen nicht alle vom eigenen Haus träumen. Erst recht nicht, wenn sie im Wedding geboren waren wie Erwin Koerfgen. Standesgrenzen waren stark, Arbeiter blieben unter sich genauso wie Unternehmer. Doch Erwin Koerfgen gelang der soziale Aufstieg.

Heute scheint „Karriere für alle“ normal zu sein. Damals war es ungewöhnlich und hat damit zu tun, dass eine neue soziale Schicht heranwuchs, die uns heute ebenfalls allgegenwärtig ist: die Angestellten. Als Angestellter konnte sich Erwin Koerfgen ohne Beziehungen, die ihm seine Herkunft schenkte, ohne Studium, ohne Erbe nach oben durchbeißen. Als kaufmännischer Lehrling beginnt er 1907 in der Firma Loeser & Wolff Cigarrenfabriken. Im Jahr 1930 wird er in der Firma zum Prokuristen, zum Handlungsbevollmächtigten, ernannt und bezieht nachweislich ein hohes Gehalt.

Das Buch beginnt mit Erwin Koerfgens Kindheit. Er wächst im sogenannten Tiefen Wedding in der Gartenstraße auf. Früh stirbt der Vater, seine Mutter zieht mehrmals im Wedding um. Ein Erkennungsmal dieser sozial prekären Herkunft wird er sein Leben lang behalten: die Folgen einer im Armenviertel häufig auftretenden Tuberkulose schwächen ihn bis ins Alter.

Wie im Beruf hebt der Kaufmann Erwin Koerfgen auch zu Hause alle Akten, Belege und Korrespondenzen auf. Ein Glück für Autor Rainer Drews. Nur weil kaum etwas in den Unterlagen fehlt (auch Erwin Koerfgens Kinder scheinen nichts weggeworfen zu haben), lässt sich dieses Leben aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Jahr 2024 nachzeichnen.

Lücken in der Ordnerliebe

Gleichzeitig sorgt die Quellenlage dafür, dass vieles nicht beschrieben werden kann. Wenn man es positiv sieht. So gibt es laut Rainer Drews keine Belege über Erwin Koerfgens Verhalten während der Arisierung der Firma Loeser & Wolff Cigarrenfabriken. Dazu muss man wissen, dass das Unternehmen nicht irgendeines ist, sondern zeitweilig Europas größter Zigarrenproduzent war. In der NS-Zeit durften die jüdischen Eigentümer die Firma nicht weiterführen. Deshalb übertragen sie das Unternehmen an Walter Beyer. Der ist seit Jugendtagen ein Freund Erwin Koerfgens.

Wenn man die Dinge negativ sieht, fragt man sich, warum der Sammler Erwin Koerfgen über diesen Vorgang der geräuschlosen Enteignung keine Unterlagen in seinen Ordnern aufbewahrt hat. Denn zeitgleich hat er über die Angelegenheiten und Gerichtsprozesse rund um sein Anfang der 1920er Jahre gekauftes Haus in Hermsdorf bis zu seinem Lebensende fast alle Papiere abgeheftet. Auch über seine Kuren finden sich Belege. Die Schul- und Gesundheitsprobleme eines seiner Kinder in den 1930er Jahren sind ebenfalls belegt. Es ist nicht so, dass Erwin Koerfgen gar keine Unterlagen aus den NS-Jahren aufbewahrt hätte. So ist dokumentiert, wie er überlegt, ober er seine Korrespondenz mit Behörden weiterhin mit dem üblichen Hochachtungsvoll oder Mit deutschem Gruß unterzeichnen soll.

Zerrbild des Historikers oder des Einzelnen?

Für den Historiker wirkt es wie ein Zerrbild, wie der Blick eines Goldfisches aus dem Kugelaquarium, wenn historische Ereignisse aus der privaten Perspektive aufgezeichnet werden. Zum Beispiel schlägt sich die das deutsche kollektive Gedächtnis stark prägende Hyperinflation lediglich nieder in Rechtsstreite um die Konsequenzen des Aufwertungsgesetzes. Zum Verständnis: Die Weimarer Regierung hatte gesetzlich beschlossen, dass Kreditschulden nicht mit plötzlich wertlosem Geld beglichen werden konnten. Für Erwin Koerfgen ergaben sich daraus Nachforderungen seiner Geldgeber. Unabhängig davon, ob diese Aufwertung seiner Hypothek falsch oder korrekt berechnet wurde – das ist der Niederschlag dieses historischen Ereignisses in Erwin Koerfgens Archiv. Die Weltwirtschaftskrise mit ihren dramatischen Folgen für die gesamte Menscheit (ist das wirklich zu hoch gegriffen?), dringt in Erwin Koerfgens Leben quasi nicht vor. Sein Job ist nicht in Gefahr. Oder ist das Bild, dass die Historiker von den Ereignissen schaffen das Zerrbild? Wer sitzt im Kugelglas?

Rainer Drews schreibt selbst, dass er kein wissenschaftliches Werkt verfasst habe. Übersetzt heißt das, er hat bewusst eine behutsame und wohlwollende Lebensbeschreibung verfasst. Das bedeutet im Umkehrschluss: Der Leser darf sich den kritischen Teil hinzudenken – und gern erschrecken. Über die Beschränktheit des Privaten.

„Der Prokurist vom Wedding“ kostet 18 Euro und ist vor Kurzem im Vergangenheitsverlag erschienen.

Autor Rainer Drews hat das Leben des Aufsteigers Erwin Koerfgen aufgeschrieben. Foto: Verlag
Autor Rainer Drews hat das Leben des Aufsteigers Erwin Koerfgen aufgeschrieben. Foto: Verlag

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