Hugo Heimann, der gute Milliardär

Im Moment scheint es ein Gesetz zu sein, dass mit dem Geld die Verantwortungslosigkeit kommt. Ob Elon Musk oder Peter Thiel, Superreiche haben wenig mit Gemeinsinn am Hut. Ganz anders der jüdische Milliardär Hugo Heimann. An ihn erinnert jetzt ein Buch, das im Verlag Walter Frey erschienen ist. Es erzählt auch von seinen Wohltaten, in deren Genuss der Wedding kam.

Mit Geld Gutes bewirken – oder nicht

Peter Thiel fing relativ bescheiden an. „Thiel investierte 280.000 US-Dollar und wurde Chief Executive Officer (CEO) des Unternehmens PayPal“, schreibt Wikipedia über die Anfänge des in Deutschland geborenen, aber in Südafrika und den USA aufgewachsenen Peter Thiel. Heute ist er ein Milliardär, der laut Handelsblatt den Sturz der Demokratie herbeiredet und laut Deutschlandfunk als „Strippenzieher hinter dem kulturellen Rechtsruck in den USA“ gilt.

Ordnen Superreiche aufgrund ihres Reichtums alles andere ihrem Streben nach noch mehr Geld unter? Das Buch „Hugo Heimann und die ‚Roten Häuser‘. Verleger, Mäzen, Sozialdemokrat“ von Ulrich Horb zeigt, dass Geld nicht zwangsläufig den Charakter verdirbt. Auch Hugo Heimann kam – wie Peter Thiel – durch einen Glücksgriff zu Geld. Zu viel Geld. Sein Verlag hatte sich nach der deutschen Reichsgründung 1871 auf die Publikation der Reichsgesetze spezialisiert. Zusammen mit juristischen Kommentaren erwies sich dieses Geschäftsfeld als äußerst ertragreich. Er entschied sich, sein Unternehmen zu verkaufen. Und damit stand Hugo Heimann 1898 vor der Frage: Wohin mit dem ganzen Geld?

Das neue Buch an der Brück, die Hugo Heimanns Namen trägt. Foto: Andrei Schnell
Das neue Buch an der Brück, die Hugo Heimanns Namen trägt. Foto: Andrei Schnell

Heimanns Verdienst um die Bibliotheken

Anders als heutige Tech-Milliardäre, die als Herrscher über meinungsmachende Algorithmen nur wenig zur Aufklärung der Menschheit beitragen, ist Hugo Heimanns Ziel genau das: Bildung. Er gründet in Berlin eine öffentliche Bibliothek und Lesehalle. Die Gründung fiel in eine Zeit, in der sich fortschrittliche Kräfte in Deutschland für eine Reform der kommunalen Bibliotheken einsetzten. Vorbild waren die amerikanischen Public Libraries, in denen es Lesesäle gab und die damit keine reinen Ausleihorte waren. Außerdem waren sie für jedermann zugänglich und hatten lange Öffnungszeiten.

Indem Wert auf jedermann gelegt wurde, wurde natürlich betont, dass auch die – wie man heute sagen würde – Bildungsfernen Zugang erhalten sollten. Mit seinem Vermögen gründete Hugo Heimann eine „Arbeiterbibliothek“ und verstand diese als Vorbildbibliothek in der Debatte um eine Reform der öffentlichen Bibliotheken. Geöffnet waren Lesehalle und Ausleihstation von 5.30 Uhr bis 22 Uhr. Auch an Sonn- und Feiertagen öffnet seine Bibliothek, wenn auch nicht den ganzen Tag. Eine Buchleihe war ohne Pfand und Bürgschaft möglich. Es ist leicht vorstellbar, dass der Bau einer Bibliothek und der Betrieb einer solchen über viele Jahre hinweg enorme Summen verschlang.

Hugo Heimanns „Rote Häuser“

Im alten Wedding wirkte Hugo Heimann, der aus einer bürgerlichen jüdischen Familie stammte, im Verwaltungsrat der Wiesenburg, der Obdachlosenunterkunft „Männer-Asyl“ in der Wiesenstraße, mit (heute Gesundbrunnen). Vor allem wurde er bekannt als Immobilientrickser. Aber anders als heutige Investoren hatte er nicht seinen Vorteil auf Kosten anderer im Sinn.

Vielmehr wollte Hugo Heimann das preußische Wahlrecht überlisten. Weil damals nur Hausbesitzer ins Berliner Stadtparlament (das hieß damals Stadtverordnetenversammlung) gewählt werden konnten, hatte er eine simple, wenn auch teure Idee. Um auch Arbeitervertreter ohne Grundbesitz wählbar zu machen, ließ er in der Prinzenallee eine Zeile mit mehreren Häusern bauen. Die berühmten „Roten Häuser“. Diese übertrug er grundbuchamtlich auf SPD-Parteifreunde, die somit doch den Sprung auf den Wahlzettel schafften.

Perspektivzeichnung der Roten Häuser. Foto: gemeinfrei
Perspektivzeichnung der Roten Häuser. Foto: gemeinfrei

Erst vor kurzem vergessen

Dieses Leben, das Hugo Heimann dem Kampf um die Rechte der Arbeiter widmete, erzählt das jüngst neu erschienene Buch „Hugo Heimann und die ‚Roten Häuser‘ – Verleger, Mäzen, Sozialdemokrat“ nach. Es ist Band 11 der Reihe Wedding-Bücher im Verlag Walter Frey. Hugo Heimanns Biographie recherchiert und aufgeschrieben hat der Journalist Ulrich Horb.

Das Haus der Volksbildung in der Badstraße. Foto: Andrei Schnell
Das Haus der Volksbildung in der Badstraße. Foto: Andrei Schnell

Dabei ist das Nacherzählen von Hugo Heimanns Wirken in dem Buch nicht als überraschende Entdeckung eines Unbekannten angelegt. Wohl aber als eine Wiedererinnerung. Schließlich ist es noch nicht lange her, dass der Name Hugo Heimann aus der Öffentlichkeit verschwunden ist. Zu Lebzeiten und noch lange nach seinem Tod war Hugo Heimann in Berlin berühmt. So hieß viele Jahrzehnte lang die Bibliothek in dem imposanten Schulbau Badstraße 10 (Haus der Volksbildung) nach ihm. Später trug eine Kinderbibliothek in der Swinemünder Straße seinen Namen.

Heute braucht es dagegen schon aufmerksame Stadtspaziergänger, um die Hugo-Heimann-Brücke zwischen Kühnemann- und Nordbahnstraße zu entdecken, die an den Großspender erinnert. Die Algorithmen der sozialen Medien könnten hier ein gutes Werk tun und Posts über das Leben und die Handlungen von Hugo Heimann nach oben heben.

Kompakte Buchinfos

Das neu erschienene Buch über den Verleger, Mäzen und engagierten Berliner Politiker kostet 15 Euro. Verlagsinfos zum Buch auf www.wedding-buecher.de.

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Weitere Beiträge über jüdische Menschen in Vergangenheit und Gegenwart im Wedding und in Gesundbrunnen gibt es in der Kategorie Jüdisches Leben.

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