Das Geheimnis der Putten im Brunnenviertel

Vor den Wohnhäusern der Wolliner Straße 31–33 stehen vier Kleinplastiken, die in der modernen Umgebung etwas fremdartig wirken. Was stellen sie dar und wie sind die Putten dort hingekommen? Alexander Dowe ging auf Spurensuche. Teil 1 unserer neuen Serie „Kunstspaziergänge im Brunnenviertel“.

Putten von Georg Wrba
Die Putten in der Wolliner Straße. Links oben: Johannes mit Drache, rechts oben: Lucas mit Stier, links unten: Marcus mit Löwe und Matthäus mit Adler. Fotos: Alexander Dowe

Fast kann man sie übersehen, so sehr sind sie von Bäumen und sonstigem Grün verborgen: vier bronzene, mit reichlich Patina und Schmutz bedeckte Skulpturen, die – und das fällt sofort ins Auge – gestalterisch und zeitlich in deutlichem Kontrast zu den dahinter liegenden Neubaufassaden stehen. Die überaus kunstvoll und filigran gearbeiteten Figuren wirken vor der nüchternen Backsteinkulisse aus den 1980er-Jahren geradezu (neo-)barock verspielt, und nicht nur auf den ersten Blick sind sie mindestens hundert Jahre alt. Auch die schlichten Sockel, auf denen die Putten stehen, wirken, als würden sie nicht zu den Figuren gehören. So ergeben sich für den interessierten Betrachter gleich zwei Fragen: Was sind das für eigenartige Skulpturen und wie kamen sie an diesen Ort, der offensichtlich nicht ihr ursprünglicher Aufstellungsplatz ist?

Seehund-Brunnen
Seehund-Brunnen im Rudolf-Virchow-Klinikum, Foto: A. Dowe

Jeder Putte ist eine Tiergestalt beigestellt

Sehen wir uns nun die vier Knaben aus der Nähe an und gehen dabei von rechts nach links. Bei dreien von ihnen ist ein aufgeschlagenes Buch zu sehen, mit dem sie sich gewissermaßen vorstellen: EVANG. IOHAN[N]ES;​ EVANG. LUCAS; EVANG. MARCUS. Damit ist klar, dass es sich um allegorische Darstellungen der Evangelisten handelt, jener vier Urchristen also, die im Neuen Testament – jeder für sich und durchaus unterschiedlich – über das Leben des Jesus von Nazareth berichten. Die ganz links stehende Figur müsste demnach der vierte Evangelist Matthäus sein, jedoch finden wir hier keine „Visitenkarte“, und das Buch der Bücher, die Bibel, ist nicht nur geschlossen, sondern die Figur setzt sogar ihren Fuß darauf.

Weiterhin fällt auf, dass allen vier Skulpturen jeweils eine Tiergestalt beigesellt ist, nämlich Drache, Stier, Löwe und Adler. Das entspricht allerdings nur teilweise der biblischen Symbolik. Zwar gehört der Löwe zu Marcus und der Stier zu Lucas, aber der Adler ist eigentlich Johannes zugeordnet und Matthäus symbolisiert den Menschen. Tritt hier etwa Matthäus alias der Mensch die Heilige Schrift mit Füßen? Doch lassen wir diese heiklen theologischen Erörterungen und wenden uns einer anderen Frage zu: Wer schuf diese Figuren?

Ein bedeutender deutscher Bildhauer: Georg Wrba

Die Antwort darauf ist leicht zu finden, denn drei der vier Sockelplatten verraten nicht nur den Namen des Künstlers, sondern in zwei Fällen sogar das Entstehungsjahr: WRBA 06. Was wie eine technische Abkürzung anmutet, ist in Wirklichkeit der Name eines bedeutenden deutschen Bildhauers: Georg Wrba, 1873 in München geboren, 1939 in Dresden gestorben. Neben Brunnen und Porträtbüsten gehören vor allem zahlreiche Kleinplastiken zu seinem umfangreichen Werk. Von 1906, dem Entstehungsjahr der Putten, bis 1908 hielt sich Georg Wrba in Berlin auf, wo er vor allem mit der künstlerischen Ausgestaltung des zu dieser Zeit errichteten Rudolf-Virchow-Krankenhauses beschäftigt war.

Georg Wrba bei der Arbeit
Georg Wrba bei der Arbeit (Ausschnitt), um 1910, Scan Velhagen & Klasings Monatshefte, 23. Jg., 1908/09 (Fotograf unbekannt)

Folgt man dieser Spur und begibt sich auf das Gelände des heutigen Klinikums, so entdeckt man den von Georg Wrba gestalteten Seehund-Brunnen, dessen Figur eine auffallende Ähnlichkeit zu den Putten in der Wolliner Straße aufweist. Doch wo haben diese selbst einmal gestanden? Ein Foto aus einem Architekturführer von 1907 gibt Aufschluss: Sie stammen aus der nicht mehr existierenden Kapelle des Klinikums, in der sie von der Empore auf die Besucher hinabblickten – bis das Gotteshaus im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff zerstört wurde.

Später ließ man die Ruine abtragen, aus der man unversehrt gebliebene Kunstobjekte zuvor geborgen hatte. Zu diesen zählten auch die Putten, die – und nun wird es spekulativ – vermutlich mehrere Jahrzehnte in einem Depot verbrachten, ehe sie um 1985 in der Wolliner Straße ihren neuen Aufstellungsort fanden. Mögen sie uns an dieser Stelle noch lange unversehrt erhalten bleiben!

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Der Text ist auch im gedruckten Kiezmagazin „Kunstspaziergang“ enthalten, das im vierten Quartal 2020 erschienen ist. Weitere Artikel dieser Ausgabe sind im Beitrag Neues Kiezmagazin: Kunstspaziergang im Brunnenviertel gesammelt und verlinkt.

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