Ein rätselhaftes Gebilde

Zwischen Brunnenstraße und Putbusser Straße steht eine große, kubusartige Metallkonstruktion: Was hat dieses rätselhafte Gebilde zu bedeuten? Alexander Dowe begibt sich im zweiten Teil unserer Serie „Kunstspaziergänge im Brunnenviertel“ auf die Suche nach Antworten.

Ein rätselhaftes Gebilde nahe der Brunnenstraße. Foto: Alexander Dowe
Ein rätselhaftes Gebilde nahe der Brunnenstraße. Foto: Alexander Dowe

Am Haus Brunnenstraße Nr. 80 zweigt ein Durchgang zur Putbusser Straße ab, der über eine von Neubauten umrahmte Grünfläche führt. Inmitten der Passage erhebt sich eine sogenannte Kunst-am-Bau-Installation, deren Sinnhaftigkeit – zumal an diesem Ort – sich dem Betrachter auf den ersten Blick nur schwer erschließt. Von einem etwa vier Meter hohen Stahlgerüst auf quadratischem Grundriss hängen vier blaugraue Metalltafeln von 100 Zentimeter Breite und 160 Zentimeter Höhe herab. Mit ihrer rechteckigen Form und dem teilweise genoppten Grundmuster erinnern sie an Abdeckungen von Kellerluken, wie man sie an alten Häusern findet. Zwei der Platten scheinen – vermutlich korrosionsbedingt – stark beschädigt zu sein, denn sie sind mit Löchern und Rissen übersät. 

Auf den Tafeln sind ganz unterschiedliche Objekte und Formen zu erkennen – Fenster, Zaungitter, Verpackungen, Vögel, Blumen und Pflanzenteile, Kreise und Rhomben – die zum Teil plastisch und verfremdet hervortreten. Damit erweist sich die offenbar namenlose Installation als ein typisches Werk von Paul Pfarr (1938–2020), was zudem eine Signatur bestätigt. Der in Stuttgart geborene Bildhauer hat im öffentlichen Stadtraum Berlins zahlreiche Arbeiten hinterlassen, zum Beispiel die Windharfen auf dem Buga-Gelände in Britz oder das „Prototyp“-Denkmal am Flughafen Tegel.

Zwei Signaturen geben Auskunft über den Künstler sowie Datum, Ort und Technologie der Tafelherstellung. Foto: Alexander Dowe
Zwei Signaturen geben Auskunft über den Künstler sowie Datum, Ort und Technologie der Tafelherstellung. Foto: Alexander Dowe

Pfarr verwendete verschiedene Werkstoffe

Pfarr arbeitete mit verschiedenen Werkstoffen wie Holz, Stein, Wachs, Gummi, Leder, doch das Material Blei (in verschiedenen Legierungen) spielte wegen seiner entgegenkommenden Eigenschaften in seinem Œuvre eine besondere Rolle: Es ist weich und leicht verformbar, kann sehr dünn ausgewalzt und schon bei geringem Aufdruck beschrieben werden. Neben der ausdrucksvollen Färbung ist Blei zudem äußerst säure- und oxidationsbeständig.

In sein bildhauerisches Schaffen bezog Paul Pfarr oft scheinbar bedeutungslose Alltagsgegenstände ein, auf die er mehr oder weniger zufällig gestoßen war. Wichtig war ihm dabei die Veränderung: „Mich interessieren die Fundstücke nicht als Sammelobjekt, sondern als Ausgangsmaterial, das ich durch meine Arbeit verändere: durch Reduzieren, Hinzufügen und Umformen in anderes Material schaffe ich einen neuen Zusammenhang“, bekannte er in einem Ausstellungskatalog („Die Nähe der Dinge“, 1998).

Nicht selten fand Pfarr seine Objekte an verlassenen Orten oder auf Müllplätzen, und so ist es durchaus möglich, dass er im vorliegenden Fall Gegenstände verwendete, die er aus Abrisshäusern der Umgebung geborgen hatte. Die Fundstücke transformierte Pfarr – gemäß seiner künstlerischen Auffassung und Arbeitsweise – in neue Materialien und verdichtete sie zu einer Art Brennglas, das einerseits Zerstörung und Verwüstung dokumentiert, andererseits die Erinnerung an das Vergangene bewahrt. So wird denn auch der Aufstellungsort mitten im Brunnenviertel nicht zufällig gewählt worden sein.

Ein rätselhaftes Gebilde: Wie lange kann es noch bestehen?

Auf den Herstellungsort der Tafeln und die verwendete Technologie weist eine italienischsprachige Gravur hin: GOGARTE S.A. CERA PERSA RANCATE. Frei übersetzt: [Hergestellt von der] Gogarte AG mit flüssigem Wachs [in] Rancate [Schweiz]. Auf das extrem aufwendige und wohl auch teure Verfahren, mit dem die Platten produziert wurden, soll hier aus Platzgründen nicht näher eingegangen werden. Laut Signatur waren die Platten 1985 fertig und vermutlich wurden sie im Jahr darauf aufgestellt. Inzwischen gibt es das Gesamtkunstwerk also schon dreieinhalb Jahrzehnte – ob es in seinem gegenwärtigen kritischen Zustand noch einmal so lange bestehen wird, ist allerdings zu bezweifeln.

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Autor Alexander Dowe hat noch weitere Kunstspazieränge im Brunnenviertel unternommen. Folgende Beiträge sind dazu erschienen: Fassaden, Plastiken und das versunkene Vineta, Wo nur manche Brünnlein fließen, Das Geheimnis der Putten.

Der Text ist auch im gedruckten Kiezmagazin „Fit für den Frühling“ enthalten, das im März 2021 erschienen ist. Weitere Beiträge aus dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neues Heft: Fit für den Frühling“ gesammelt und verlinkt.

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