„Ich bin zwar anderer Meinung als Sie, aber ich würde mein Leben dafür geben, daß Sie Ihre Meinung frei aussprechen dürfen.“ Wann haben Sie diesen Satz, der Voltaire in den Mund gelegt wurde, das letzte Mal in einer Gesprächsrunde gehört? Ich vermute, das ist lange her.

Wenn Debatten zu Kampfzonen werden
Wer um vieler Menschenleben Willen keine Waffen an die Ukraine liefern und auf Gebiete (also auf fremde Gebiete, nicht etwa auf ein Zimmer der eigenen Wohnung) verzichten würde; wer ein heute tabuisiertes rassistisches Wort im Zitat nennt, anstatt N-Wort zu sagen (und sei es nur um nachzuzählen, wie viele Sozialarbeiter im Raum spontane Schnappatmung bekommen); wer das private Autofahren und den Fleischkonsum am liebsten verbieten würde; wer keine weiteren Flüchtlinge in Deutschland aufnehmen möchte; wer die Verschleierung von Frauen befürwortet; wer Schalke Fan ist – Pfui bäh!
Man wird schnell in eines der gängigen Schimpf-Schubladen gesteckt, ist ein Putinversteher und Vaterlandsverräter, unverbesserlicher Rassist, links-grün versiffter Spinner, Nazi, Islamist oder kommt aus Herne-West. Der ist als Mensch moralisch unten durch. Mit so einem redet man nicht. Geschweige denn, dass man ihm zuhört. Lieber niederschreien.
Die Komfortzone der eigenen Blase
Der gute Mensch bleibt in seiner Blase und versichert sich dort gegenseitig seiner richtigen Meinung und sittlichen Überlegenheit. Leider kann man in der realen Welt dem Anderen nicht entkommen (er ist einfach überall, quetscht sich in volle U-Bahnen, lärmt in der Nachbarwohnung, fährt einen mit dem E-Roller über den Haufen) und man muss sich irgendwie auf ein Zusammenleben einigen. Auf Dauer hilft Niederschreien nicht.
Denn der Andere ist ja da. Ist genauso Mensch. Nur mit einer anderen Meinung. Und eine Meinung darf man haben. Besser jedoch, man bildet sich eine Meinung. Aufgrund von Wissen, Erkenntnissen und Erfahrungen, woraus sich Argumente herleiten für eine eigenen Meinung. Der Andere mag anderes Wissen, andere Erkenntnisse und andere Erfahrungen haben und hat sich daraus andere Argumente hergeleitet.
Die Kunst des Zuhörens
Um eine Einigung zu erzielen muss man dem Anderen zuhören, auch wenn nicht gefällt was man hört, man muss miteinander reden, auch wenn nicht gefällt, was der Andere sagt. Und wenn man sich streitet, dann streitet man sich halt. Man muss Argumente austauschen und sich Zeit nehmen, darüber nachzudenken. Und versuchen zu verstehen, warum der Andere so denkt, wie er denkt. Das Leben in einer Gemeinschaft kann nur ein Kompromiss sein.
(Wer je in einer WG gelebt hat, weiß das schmerzlich. Wer später heiratet und blind vor Liebe denkt, mit der einen Person komme er schon klar, merkt erst, wenn die Liebe gegangen und die Kinder gekommen sind, dass WG so schlecht nicht war.)
Einladung zum Gespräch
Deswegen: Reden Sie mit anderen und hören Sie zu, auch und gerade wenn Sie wissen, dass Sie nicht einer Meinung sind. Sie lernen einen anderen Menschen kennen und ein bisschen auch sich selbst! Wenn Sie sich und Ihre Meinung nicht gehört fühlen, dann kommen Sie zu mir, Ihrem Stadtteilkoordinator – ich gebe zwar nicht mein Leben dafür, aber auf alle Fälle meine Aufmerksamkeit.
Ihr Stadtteilkoordinator Jochen Uhländer
E-Mail: stk-brunnenstraße-nord@berlin.de
Telefon: (0159) 04 62 50 98
Dieser Text wurde von einem Menschen geschrieben, nämlich von Jochen Uhländer. Die Grafik hat Dominique Hensel gemacht.

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