Musketier-Traum und Nazifackel

„Die Musketiere vom Wedding“ ist ein Roman, der von einem Paradies erzählt – und das ausgerechnet in der Zeit der Machtaneignung der Nationalsozialisten. Orlando Stein verlegt eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern in eine Epoche, in der Menschenrechte abgeschafft werden und Gewalt zum Alltag gehört. Kurz gesagt: Diese queere Geschichte ist ein Lesevergnügen.

Das Buch "Die Musketiere vom Wedding" - es spielt in der Burgsdorfstraße. Foto: Hensel
Das Buch „Die Musketiere vom Wedding“ – es spielt in der Burgsdorfstraße. Foto: Hensel

Drei Teenager gehen durch dick und dünn

„Einer für alle, alle für einen“ – der Schwur der vier Musketiere aus dem Roman „Die drei Musketiere“ ist weltberühmt. Doch was passiert, wenn aus dem Spruch tatsächlich eine Leitlinie fürs Handeln wird? Dann können Teenager den starken und gewalttätigen Hausmeister besiegen. Diese Eingangsszene setzt den Ton für den gesamten Roman „Die Musketiere vom Wedding“. Man denke: Wie schön wäre es, wenn die Menschen zusammenhalten würden – durch dick und dünn! Was wäre alles möglich, wenn nicht Ängstlichkeit und Kurzsinn die Wesensmerkmale der Menschen wären.

Nach der Eingangsszene startet der Roman im Jahr 1933. Die Geschichte ereignet sich innerhalb einer Woche im Leben der vier Teenager, die nunmehr junge Männer geworden sind. Die vier leben zusammen in einer WG in der Burgsdorfstraße im Wedding, kümmern sich um ein Kind, schlagen sich durch, teilen Freud und Leid.

Eine Liebesgeschichte ohne Warnschild

Einer der vier Freunde verliebt sich in einen reichen amerikanischen Journalisten. Dieser Teil ist eine klassische Liebesgeschichte, die Orlando Stein klassisch im Dreischritt von Begegnung zum mehr oder weniger heftigen Problem und endgültiges Zusammenkommen erzählt. Bemerkenswert ist dabei vor allem, dass dieses bekannte Muster ohne jedes große Aufhebens auf eine Liebe zwischen zwei Männern übertragen wird. Wer sich fragt, wie sich schwule Liebe als normale Liebe darstellen lässt, kann sich bei Orlando Stein Anregungen holen.

Zusammenleben als Utopie

Bemerkenswert, und im Grunde das eigentlich Bemerkenswerte an dem Roman ist zudem die Art, wie die vier jungen Männer zusammenleben. Das liest sich stellenweise wie ein utopischer Roman, wenn von der Selbstverständlichkeit erzählt wird, mit der vier Männer mit Gemeinschaftskasse, abwechselnder Babybetreuung und Beistand leben. Sie leben selbstverständlich offen, nackt und zugetan.

Aber wer schon mal in einer WG gelebt hat, weiß, dass das Zusammenleben oft am eigenen Unvermögen scheitert. Am Unvermögen, die eigenen Bedürfnisse auszusprechen und gleichzeitig die anderen zu respektieren. Doch den Musketieren vom Wedding gelingt dieses Kunststück. Und so ist der Roman ein gutes Stück Herzerwärmung, was für die Leser und Leserinnen heute, die ebenfalls in bedrohlichen Zeiten leben, durchaus wichtig sein kann.

Über den Autor: Orlando Stein

Geschrieben hat den Roman Orlando Stein. Das Pseudonym nimmt Bezug auf die Figur Orlando aus dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf. In dem Klassiker wandelt die Figur Orlando durch die Jahrhunderte und wechselt sein Geschlecht. Orlando Stein sagt über sich, er habe ebenfalls verschiedenen Leben gelebt. „Ich war Schauwerbegestalter, Innenarchitekt und Buchhändler. Nun leite ich eine öffentliche Bibliothek und organisiere kulturelle Veranstaltungen in Teilzeit.“ Den eigenen Anspruch, nicht nur tragisch und nicht nur komisch zu schreiben („Im wahren Leben kommt ja auch alles zusammen und oft dann, wenn man es gerade nicht braucht.“), erfüllt „Die Musketiere vom Wedding“ mit Leichtigkeit.

„Die Musketiere vom Wedding“ von Orlando Stein kostet 14,95 Euro und ist als Print-on-Demand bei bod.de erschienen.

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Etwas Persönliches über sich verrät Orlando Stein auf wir-schreiben-queer.de.

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Kommentar

  1. Avatar von Ulrich Davids
    Ulrich Davids

    Lieber Andrei,
    mal wieder eine schöne Sonntagmorgenlektüre die sofort Lust auf das Lesen dieses Romans macht. Gleich am Montag werde ich es bestellen. Danke und vielleicht schreibe ich wie das „Gesamtwerk“ mir / uns gefallen hat.

    Grüße
    Uli & Hardy

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