Tunnel 57: Unter der Erde in die Freiheit

In der Zeit direkt nach dem Bau der Berliner Mauer hat es viele Versuche gegeben, die Grenze zu überwinden. Auch zahlreiche Fluchttunnel wurden gegraben, um Menschen den Weg in die Freiheit zu ermöglichen. Besonders viele Tunnel befanden sich an der Bernauer Straße. Mit einer Veranstaltungswoche haben der Verein Berliner Unterwelten und die Stiftung Berliner Mauer kürzlich an den „Tunnel 57“ erinnert. Am Tag der Deutschen Einheit gab es nur wenig Meter vom Fluchttunnel entfernt in der Brunnenstraße eine Lesung mit anschließendem Zeitzeugengespräch. Dabei wurde klar: die Erinnerungen an die Ereignisse vor genau 60 Jahren sind bei den Beteiligten noch hellwach.

Im Gespräch über Fluchttunnel an der Berliner Mauer (von links): Christian Hardinghaus und die Zeitzeugen Winfried Schweizer und Boris Franzke. Foto: Hensel
Im Gespräch über Fluchttunnel an der Berliner Mauer (von links): Christian Hardinghaus und die Zeitzeugen Winfried Schweizer und Boris Franzke. Foto: Hensel

Zwei Fluchthelfer erinnern sich

Einer der Tunnelbauer war Boris Franzke, seine Motivation für das gefährliche Unterfangen Tunnelbau war ebenso einfach wie einleuchtend: „Wir wollten unser Familie wiederhaben. Das was der Grund, warum wir Tunnel gebaut haben“. Als die frisch errichtete Mauer Familien, Freunde und Bekannte in Ost und West plötzlich trennte, wollte sich Boris Franzke nicht damit abfinden. Er selbst, so erzählte er beim Zeitzeugengespräch, hat an sieben Tunnelprojekten mitgearbeitet. „Bei den letzten zwei-drei Tunneln waren wir bewaffnet“, erzählte er im mit 25 Personen voll besetzten Seminarraum des Berliner Unterwelten e.V. sowie vor den online teilnehmenden Menschen. Denn gefährlich war es, Wege unter der Mauer anzulegen: Beim Ausstieg aus dem Tunnel drohte schließlich eine Konfrontation mit der Staatssicherheit oder den Grenzsoldaten der DDR.

Winfried Schweizer war ebenfalls am Bau des „Tunnel 57“ beteiligt. „Ich war mit dieser ganzen DDR-Geschichte gar nicht einverstanden. Ich wollte etwas dagegen tun“, erzählte der Mann, der vor 60 Jahren angehender Bauingenieur war. Er war „engagiert worden, um etwas einzumessen. Der war damals als ich kam, schon 60 Meter lang“. Vierzehn Tage war er aktiv dabei bei dem Projekt. „Wir haben pro Tag einen Meter bis 1,50 Meter geschafft. 145 Meter war der Tunnel am Ende; das war ein ganz schönes Stück Arbeit“, berichtete Winfried Schweizer. 14 Tage arbeitete er mit anderen Menschen am „Tunnel 57“, Menschen, die er nicht kannte. „Man redete nichts Privates, kannte die anderen nicht beim Namen. Das war aus Sicherheitsgründen nötig“, sagte Schweizer.

Realistisch: Roman über eine Tunnelflucht

Viele weitere Geschichten hätten die beiden Zeitzeugen erzählen können. Auch 60 Jahre nach dem Bau des Tunnels (am 3. und 4. Oktober 1964 flüchteten 57 mutige Menschen durch den Tunnel nach Westberlin) ist die Erinnerung noch hellwach. In vielen Details schilderten die Zeitzeugen von ihren Erlebnissen als wäre es gestern gewesen. Doch die Veranstaltung war zweigeteilt, die Zeit begrenzt. Denn auch der Autor Christian Hardinghaus hatte einen Beitrag an diesem Abend: Er las aus seinem neuen Roman „Tunnel der Mutigen“. Darin wird auf 400 Seiten die fiktive Geschichte von Lotte erzählt, die am Ende des Zweiten Weltkriegs mit 16 Jahren aus Breslau nach Berlin-Staaken kommt. Hier lebt sie, später mit ihrem Mann Peter zwischen den beiden Welten Berlins, bis 1961 die Mauer gebaut wird und es dabei zu einem tragischen Vorfall kommt. Schließlich gerät Lotte an eine Gruppe Fluchttunnelbauer und ihr Schicksal nimmt seinen Lauf.

Der Roman „Tunnel der Mutigen“ ist fiktiv, basiert aber auf Erinnerungen und Erlebnissen von echten Fluchthelfern wie Boris Franzke und Winfried Schweizer. Beide nickten dementsprechend zustimmend, als Autor Christian Hardinghaus sie bei der Veranstaltung am Tag der Deutschen Einheit fragte, ob sein Roman eine realistische Darstellung der Ereignisse enthält. Ihr Nicken sagte: Ja, so könnte es gewesen sein.

Die Platte im Boden ist Teil der Fluchttunnel-Markierung an der Gedenkstätte Berliner Mauer. Foto: Hensel
Die Platte im Boden ist Teil der Fluchttunnel-Markierung an der Gedenkstätte Berliner Mauer. Foto: Hensel

Mitschnitt: Veranstaltungen zum digitalen Nachschauen

Wer die Lesung mit Zeitzeugengespräch im Rahmen der Veranstaltungswoche zu 60 Jahre „Tunnel 57“ verpasst hat, kann die Veranstaltung auch online anschauen. Der Verein Berliner Unterwelten hat sie aufgezeichnet und im Internet veröffentlicht. Ebenfalls eins Aufzeichnung gibt es von einem Vortrag von Dietmar Arnold über den Tod des Grenzsoldaten Egon Schultz. Der Vortrag fand ebenfalls in der Erinnerungswoche statt.

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