Efeu – cooler Kletterer in der kalten Jahreszeit

Er rankt an Zäunen und Bäumen, Hauswänden und Ruinen. Auf Friedhöfen ist er als immergrüne Pflanze allgegenwärtig. Wenn im Herbst kaum noch etwas blüht, bietet er Nahrung für Insekten. Die Rede ist vom Efeu. Höchste Zeit, sich genauer mit dem vielseitigen Kletterer zu beschäftigen.

Mit Efeu begrünte Hoffassade in der Graunstraße. Foto: Corinna Neinaß

An der begrünten roten Hauswand bewegt sich etwas, summt. Ich stehe Anfang Oktober in der Swinemünder Straße gegenüber dem ehemaligen Gymnasium. Die Sonne scheint, Insekten fliegen von Blüte zu Blüte. Sind es Wespen, sind es Schwebfliegen? Füllen Honigbienen noch ihre Futtervorräte auf? Oder könnte hier, an dieser Efeuwand, auch eine spezialisierte Wildbienenart nach Pollen und Nektar suchen, die Efeu-Seidenbiene? Durch nähere Beschäftigung mit Wildbienen Anfang des Jahres erfuhr ich von den wertvollen Blüten des Efeus, und im September beginne ich, die eher unscheinbaren gelb-grünen Blüten zu sichten.

Meine Insektenbeobachtung starte ich direkt vor der Haustür, rund um meinen Müllstellplatz. Der Metallzaun, der ihn umgibt, dient dem Efeu als Kletterhilfe. Nie zuvor entsorgte ich so gern den Abfall. Denn nun kann ich ganz aus der Nähe beobachten, wie die Insekten sich aus den zarten Efeublüten Nektar holen. Etwa zwanzig Blüten sind in einer Dolde angeordnet, und tolle Nahaufnahmen finde ich bei Paul Westrich auf http://www.wildbienen.info. Dort erfahre ich in einem Video mehr über die Lebensweise der Colletes hederae, der Efeu-Seidenbiene, deren Spezialisierung auf Efeu erst 1993 beschrieben wurde.

Efeu: Immergrün und ewig treu

Das Griechische „hedra“, „das, womit oder worauf man sitzt“, bestimmt den botanischen Name für Hedera helix, den Gewöhnlichen Efeu. Mit „helix“ ist möglicherweise die Wulst gemeint, die sich mit der Wurzel zum Beispiel an Bäumen bildet. Dem ausgewählten Baum bleibt der Efeu ein Leben lang treu. Es kommt aber vor, dass ein Baum unter der Last des Efeus umstürzt, wie kürzlich am Dorotheenfriedhof II. Hier hatte der Efeu mit seinem Gewicht eine morsche Birke zu Fall gebracht. Dabei wurde der Friedhofszaun beschädigt und der Birkenstamm mit den blühenden Efeuzweigen blockierte einige Tage den Gehweg. Den Efeu deshalb aber als Totenranke oder Baumtod zu bezeichnen, wäre nicht korrekt, denn die Nährstoffe zieht er mit seinen Wurzeln aus dem Boden, und nicht aus dem Baum.

Der Efeu verdient Respekt, denn er hat wechselnde klimatische Verhältnisse überlebt. Er wuchs bereits in der Zeit der Dinosaurier, überstand die Eiszeit, und hat sich allmählich an die Bedingungen in unseren Breiten angepasst. Die ursprünglich tropische Efeupflanze kann auch an Hauswänden emporklettern und schafft dabei locker zwanzig Meter. Ich gehe in der Swinemünder Straße durch die Toreinfahrt und finde an der Rückseite des Hauses ein wahres Efeuparadies.

Die in Dolden angeordneten Efeublüten bieten im Herbst Nahrung für Insekten. Foto: Corinna Neinaß

Gute Luft für unseren Kiez

Als ich zwischen den kleinen Gärten näher an die Hauswand trete, um die Haftwurzeln zu fotografieren, spricht mich eine Frau an. Ich berichte von meinem Efeuinteresse, und wir kommen ins Gespräch: über die Vögel, die im Efeu Schutz suchen, den klimatisierenden Effekt einer Hausbegrünung, die luftreinigenden Eigenschaften des Efeus und wie schön es sei, im Grünen zu wohnen, auch im Winter. Sie zeigt mir eine kahle Stelle an der Hauswand: Als der Schnee hier taute, sei der vereiste Efeu abgebrochen. Wir überlegen, ob die milderen Winter dazu führen, dass der Efeu derzeit besonders gut gedeiht.

Ich hatte gelesen, dass der Efeu bei Frost besonders viel Gift entwickelt, um sich so vor Kälte zu schützen. Ob er sich bei gemäßigteren Temperaturen entspannen und auf sein Wachstum konzentrieren kann? Die freundliche Frau, die sich wie ich Gedanken um Umwelt und Natur macht, schwärmt noch von einem Haus in der Graunstraße, wo der Efeu sich an der Hoffassade entfalten darf. Wir sind uns bewusst, dass nicht alle Menschen die Vorteile einer Hausbegrünung schätzen, sich an lautem Vogelgezwitscher oder ungeliebtem Insektenbesuch stören. Efeu kann, wie beim Zisterzienserinnenkloster in Zehdenick, über 400 Jahre alt werden. Je nach Alter verändern sich die Blattformen: Sind sie zunächst drei- oder fünflappig, haben ältere Efeublätter Lanzetten- oder Rautenform. Aus den Blüten bilden sich ab Januar schwarze Beeren, die Amseln, Drosseln und Staren als Nahrung dienen. Doch Achtung: Für uns sind sie giftig, wie auch alle anderen Bestandteile des Efeus.

Efeuwurzeln auf dem St. Hedwig-Friedhof in der Liesenstraße. Foto: Corinna Neinaß

Giftige Blätter gegen Schmutz und Schleim

Dennoch: Allein die Dosis macht ja, laut Paracelsus, dass ein Ding kein Gift ist, und bereits in der antiken Literatur wird Efeu als Heilpflanze erwähnt. In der Homöopathie behandelt man mit seiner Hilfe eine Überfunktion der Schilddrüse oder Schleimhautkatarrhe, und nutzt die Wirkstoffe Jod und Saponin. Die wohltuende Wirkung von Hustensaft aus Efeu habe ich bei Erkältungen schon oft geschätzt.

So wie Schleim im menschlichen Körper löst Efeu offenbar auch Schmutz aus unserer Kleidung. Im Internet gibt es vielfältige Anleitungen zur Herstellung eines Waschmittels aus zerkleinerten und überbrühten Efeublättern, und in Hamburg haben Schülerinnen und Schüler mit ihrem Waschmittel aus Efeu sogar einen Wettbewerb gewonnen. Für mich ist Hedera helix eine der interessantesten Gewächse in unserer Flora und wird mich weiter beschäftigen. Und vielleicht finden bald auch Sie Gefallen an dieser coolen Pflanze.

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Der Text ist im gedruckten Kiezmagazin „Der weiße Stier vom Humboldthain“ enthalten, das im November 2021 erschienen ist. Weitere Beiträge dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neue Ausgabe: Der weiße Stier vom Humboldthain“ gesammelt und verlinkt.

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