Ehrenamt statt Feierabend: Eine Serientäterin erzählt

Für manche Menschen ist Ehrenamt genauso wichtig wie die Erwerbsarbeit. Bei unserer Autorin und Redaktionsleiterin Dominique Hensel ist das seit der Schulzeit so. Neben dem bezahlten Job hat sie immer viel Zeit für Engagement gefunden.

Im Sonntagskrimi gibt es den Serienmörder. Er bringt eine arme Seele nach der anderen um die Ecke. Alle rätseln, warum er das macht. Auch ich tue eine Sache immer wieder, doch die Polizei muss danach nicht zum Einsatz kommen. Ich engagiere mich, immer wieder und immer weiter. Vielleicht bin ich so etwas wie eine unverbesserliche ehrenamtliche Serientäterin.

Dominique Hensel redet in Strausberg mit dem brandenburgischen Bildungsminister, dem Bürgermeister und unseren Architekten, die gerade ein Haus für die Freie Schule umgebaut haben. Die Aufnahme entstand 2004. Foto: Barnimer Alternative e.V.
Dominique Hensel redet in Strausberg mit dem brandenburgischen Bildungsminister, dem Bürgermeister und unseren Architekten, die gerade ein Haus für die Freie Schule umgebaut haben. Die Aufnahme entstand 2004. Foto: Barnimer Alternative e.V.

Wie alles begann: Partys, Plakate und eine Autowaschanlage

Warum ich das mache, wurde ich schon sehr oft gefragt, seitdem ich irgendwann Anfang der 1990er Jahre mit meiner Serientäterei begann. Es fing eigentlich harmlos an. Ich war mit drei DJs befreundet, die keine Lust hatten, die Techno- oder Darkwave-Partys selbst zu organisieren, die Plakate zu gestalten oder die Dekoration in der alten Autowaschanlage zu machen. Also tat ich das. Ich ging noch zur Schule, ich hatte Zeit. Sie drehten die Platten, ich machte den Rest. Was hätte ich auch sonst tun sollen? Ich hätte nur rumgestanden oder die DJs angehimmelt. Beides liegt mir nicht.

Strausberg: Der Anfang einer langen Täterinnenspur

Wer meine Täterinnenspur sucht, findet den Anfang in Strausberg, am Ende der S5. Da habe ich meine ersten Taten begangen. Einen Jugendklub mit Leben gefüllt, später eines der größten soziokulturellen Zentren in Brandenburg als Vereinsvorsitzende geführt. Das erste Biorestaurant im Land eröffnet und mitgeholfen, drei freie Schulen zu gründen. Ich habe Personal eingestellt, Webseiten mit Inhalten gefüllt, Kredite beantragt, Grundbucheinträge unterzeichnet, den Verein bei Gerichtsverhandlungen vertreten, mit Ministern gestritten und viel Beratungs-Milchkaffee getrunken.

Später habe ich, noch immer ehrenamtlich, gelernt, was eine Bilanz ist und wie man sie liest. Aus dem Verein wurde eine gGmbH, ich Gesellschafterin. Weiter ehrenamtlich und bis heute. Doch eine Täterin macht immer weiter, wenn sie nicht gestoppt wird und mich hat bisher niemand gestoppt.

Umzug ins Brunnenviertel: Es ging sofort weiter

Nach meinem Umzug ins Brunnenviertel war ich nach gefühlten drei Minuten Quartiersrätin (ehrenamtlich), dann findet sich meine Täterspur plötzlich im Soldiner Kiez wieder. Ich wurde Vorständin in der Fabrik Osloer Straße. Ob ich schuld daran bin, dass die jetzt auch eine gGmbH ist und ich ein zweites Mal Gesellschafterin wurde, dazu verweigere ich die Aussage.

Einräumen will ich aber, dass ich nun seit anderthalb Jahren auch Vorständin im Brunnenviertel e.V. bin. Und dass ich in den letzten zehn Jahren viele hundert hyperlokale Texte ganz ohne Bezahlung geschrieben habe. Manchmal mache ich, das gebe ich zu, auch etwas halb ehrenamtlich. Einzelheiten will ich nicht nennen.

Ich trenne Job und Ehrenamt nicht

Und warum mache ich das nun? Die Antwort klingt für die meisten Menschen seltsam: Weil ich nicht zwischen Ehrenamt und Bezahljob trenne. Ich mache, was ich gut, wichtig und richtig finde und betrachte Ehrenamt dabei nicht als Freizeitbeschäftigung. So wie ich Bezahljob nicht als Nicht-Freizeitbeschäftigung betrachte. Solange das Geld irgendwie für die Miete reicht (oder der Mitweddinger genug verdient), mache ich weiter. Das Gute daran: Ich schleppe mich niemals zum Job und ich fiebere niemals dem nächsten Brückentag entgegen. Ich arbeite praktisch immer – oder ich ehrenamte immer. Das gestehe ich.

Was mache ich als nächstes? Dazu mache ich natürlich keine Angaben. Sicher ist: Ich werde es tun. Ich mache es gern und ich kann einfach nicht anders. ;)

Kurzer Nachtrag: Und wovon lebe ich eigentlich?

Nach Veröffentlichung dieses Text im gedruckten Kiezmagazin „Anpacken im Kiez“ wurde ich gefragt, wie ich denn nun wirklich Geld verdiene. Hier die Antwort: Ich arbeite als freie Journalistin. Damals, als ich die Schulen in Strausberg mitgründete, war ich festangestellte Redakteurin bei einer Lokalzeitung. Heute arbeite ich freiberuflich für verschiedene Medien und Auftraggeber. Hat man da nicht schon genug zu tun? Ja, hat man. Doch fürs Ehrenamt muss einfach auch Zeit sein. Grund: siehe oben.

Kommentare

  1. Avatar von Renate

    Braavoo! – Unsere Städte benötigen so viel „Soziales Kapital“!

    1. Avatar von Dominique Hensel

      Nicht nur die Städte, Renate, vor allem die kleinen Orte brauchen Engagement. Deshalb ist meine größte Bewunderung bei allen, die sich in kleinen Orten engagieren, vor allem in Ostdeutschland. Ich bin da nicht mehr, ich hab es leicht hier im Wedding.

  2. Avatar von Reinhard
    Reinhard

    Morjen

    na dit is ja mal n‘ fettet Jeständniss, entweder kommt jetze doch die jrüne Minna oder dir wird een dicker Orden ans Revers jeheftet !!??
    Wat is eijentlich aus die andere Sache jeworden?

    Na denn schöne Ostern noch

    Ps hier im Afrikanischen Kiez is allet jut

    1. Avatar von Dominique Hensel

      Moin zurück, Orden brauch ich nicht, mein Ego ist auch so stabil genug, etwas Geld brauche ich aber schon. Manchmal klappt auch was und manchmal klappt auch alles. Wenn Du also fragst, ob ich weitermachen kann: Ja, das kann ich. Sogar mit starkem Rückenwind.

      Frohe Ostern noch! Dominique

  3. Avatar von Rolf

    Liebe Dominique, ein beeindruckendes Credo. Irgendwann wirst du erwischt werden und dann heftet dir irgendein*e Regierende*r ein Kreuz an die Heldenbrust.
    Übrigens: Arme Seelen kann man nicht umbringen, Seelen sind ja unsterblich. Aber gute Seelen wie du sind auch noch unersetzlich. Dein Kiez kann sich freuen, dass er dich hat.

    1. Avatar von Dominique Hensel

      Lieber Rolf, vielen Dank für die Einordnung hinsichtlich der armen Seelen. Ich bin da auf dünnem Eis, wo Du entspannt Pirouetten drehen kannst. Was das Kreuz angeht, da halte ich es mit „Wir sind Helden“. Ich bin ein optimistischer und sehr zufriedener Mensch. Und weil ich will, dass das so bleibt, sollte mir lieber niemand ein Denkmal bauen: „Sie haben uns ein Denkmal gebaut und jeder Vollidiot weiß, dass das die Liebe versaut…“

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