Von den stillen und bescheidenen Ehrenamtspraktiken in der Türkei bis hin zur transparenten, strukturierten und öffentlich gelebten Freiwilligenkultur in Deutschland. Eine persönliche Geschichte von Elif Koç über gesellschaftliche Teilhabe und kulturelle Unterschiede im Ehrenamt.

Ehrenamt als stille Pflicht in der Türkei
Während meiner Jahre in der Türkei war das Ehrenamt für mich ein ganz natürlicher Teil des Lebens. Sowohl meine kulturellen Prägungen als auch das soziale Umfeld, in dem ich aufwuchs – eine Art kollektive Solidaritätskultur – machten freiwilliges Engagement zu einer selbstverständlichen Handlung. Wenn irgendwo etwas fehlte, jemand Unterstützung brauchte oder eine Aufgabe anstand, packte man einfach mit an. Dass man dabei offen über sein Engagement sprach, sich sichtbar zeigte oder gar erzählte, was man tat, war eher unüblich.
Ehrenamt war eine Art stille Pflicht. Diese Stille wirkte einerseits wie ein Ausdruck von Bescheidenheit. Andererseits führte sie zu einer bemerkenswerten Konsequenz: Ein großer Teil der Gesellschaft bekam vom freiwilligen Engagement vieler Menschen kaum etwas mit. Ehrenamt blieb unsichtbar – und konnte dadurch keine Vorbilder schaffen, keine neuen Freiwilligen inspirieren. Ein Teil der Menschen engagierte sich; ein anderer Teil lebte sein Leben weiter, ohne überhaupt zu wissen, dass es so etwas wie ehrenamtliche Arbeit oder gesellschaftliche Verantwortung außerhalb der eigenen Familie gab.

Der Teufelskreis unsichtbarer Hilfe
Mit der Zeit erkannte ich, dass daraus ein Teufelskreis entstand: Unsichtbare Hilfen können sich nicht vermehren. Wie eng dieser Kreis in sich geschlossen war, wurde mir erst bewusst, als ich nach Deutschland kam. Hier hatte das Ehrenamt beinahe den Charakter einer bürgerlichen Pflicht. Sich in Vereinen, Jugendprojekten, Migrantenorganisationen, Seniorenzentren oder Nachbarschaftsinitiativen zu engagieren, war nicht nur erwünscht, sondern ein sichtbarer Bestandteil des öffentlichen Lebens. Menschen erzählten offen von ihrem Engagement, luden andere ein und machten damit das Ehrenamt zu einem gesellschaftlichen Wert, der im Alltag präsent war.
Dahinter stand ein einfacher, aber kraftvoller Gedanke: Was sichtbar ist, inspiriert. Was inspiriert, wächst. Und was wächst, verändert die Gesellschaft.
Ehrenamt in Deutschland: Strukturiert und wertschätzend
In meinen ersten Jahren in Deutschland war ich überrascht, wie systematisch und wertschätzend das Ehrenamt hier organisiert ist. Fast wie eine zivile Pflicht: Es gibt Förderprogramme, Budgets, Strukturen, Ausbildungen, Zertifikate – und für junge Menschen sogar Vorteile auf ihrem Bildungs- und Berufsweg. Und mit der Zeit verstand ich: Dieses Verständnis stärkt nicht nur das Ehrenamt selbst, sondern auch die sozialen Bindungen innerhalb der Gesellschaft.

Vom Stillen zum Sichtbaren: Zwei Perspektiven vereint
Wenn ich heute zurückblicke, erkenne ich den klaren Unterschied zwischen der „stillen Freiwilligkeit” in der Türkei und der „sichtbaren Freiwilligkeit” in Deutschland. Beide Formen tragen eine eigene Bedeutung in sich. Die eine entspringt einer bescheidenen Tradition; die andere ist auf gesellschaftliche Teilhabe ausgerichtet. Für mich ist Ehrenamt inzwischen eine Verbindung aus beiden Perspektiven: Es ist sowohl ein Wert, der aus meinen eigenen kulturellen Erfahrungen gewachsen ist, als auch eine Haltung, die ich in diesem Land neu gelernt habe.
Text: Elif Koç
Die Autorin hat sich im Rahmen des Projekts „Mehr Teilhabe in der Stadtgesellschaft“ im Jahr 2025 mit der Rolle des Ehrenamts in Deutschland und in der Türkei befasst. Das Projekt wurde vom Kubik e.V. durchgeführt, das Brunnenmagazin war Medienpartner.
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