Wenn es mit den Kindern in Kita und Schule nicht klappt, dann liegt der Verdacht nah, dass das an den Eltern liegt. Hajo Lange spricht sich dafür aus, genauer hinzuschauen. Denn manchmal ist es ganz anders als es auf den ersten Blick scheint.

Das liegt alles an der Erziehung! Dieser Satz ist leicht gesagt. Aber ist das wirklich immer so einfach? Aus eigener Erfahrung weiß ich, es ist eher nicht so. Die Einflussname auf ein Kind oder einen Erwachsenen kann sich sehr schwierig darstellen, wenn der Mensch vom Standard abweicht. Ich habe sechs Kinder großgezogen und bin Großvater von zehn Enkelkindern und keiner entspricht der Norm.
Ein Beispiel aus meiner Familie: Autismus-Spektrum-Störung ist ein genetischer Defekt, der vor allem Probleme im Sozialverhalten auslöst. Autismus zieht sich wie ein roter Faden durch meine ganze Familie. Im Laufe der Jahre wurde das immer klarer und es betrifft nicht nur meine Familie. Dieses Phänomen ist viel weiter verbreitet, als man glaubt.
Eltern, die davon betroffen sind, wissen was es bedeutet, wenn das Kind eingeschult wird und nicht dem Standard entspricht. Es beginnt oft ein Spießrutenlauf für die Familie. Dann kommen solche Sätze wie: Ihr Kind braucht Regeln und Struktur, geregelte Zeiten und Ordnung! Als ob die Probleme meines Kindes an einer schlechten Erziehung liegen würden. Oder das: Wenige Wochen nach der Einschulung bekam ich gesagt, dass das mit meinem Kind nichts wird, dass es die Schule nicht packen werde. Nach ein paar Monaten hieß es: Ich sehe ihr Kind schon in einer Behindertenwerkstatt. Da kann man als Vater schon mal die Fassung verlieren.
Aber es gibt auch Pädagogen, die sehr gut mit solchen besonderen Kindern umgehen können. In Zusammenarbeit mit Erziehern, Lehrern und Eltern kann sehr viel erreicht werden, das weiß ich aus Erfahrung. So sind vier meiner Kinder heute dringend gesuchte Fachkräfte, auch einige meiner Enkelkinder sind in einer Ausbildung.
Kinder, die anders sind und von der Norm abweichen, haben nicht nur Schwächen. Diese Kinder haben manchmal sogar auch überdurchschnittliche Stärken in Kunst, Technik und anderen Bereichen. Damit sie sich entfalten können, muss man an ihren Schwächen mit viel Zeit und Geduld arbeiten. Leider ist das nach meiner Erfahrung oft nicht die Realität: Es gibt immer weniger Zeit zum Lernen, immer weniger Ruhe in der Familie und immer mehr Druck überall.
Eine weitere Entwicklung ist, dass immer mehr Kinder einen Förderstatus haben, aus verschiedenen Gründen mehr Unterstützung brauchen. In einer großen Kita in unserem Kiez, mit deren Leiterin ich gesprochen habe, ist jedes dritte Kind davon betroffen und hat eine Besonderheit, die eigentlich Aufmerksamkeit erfordert. Die Tendenz ist steigend. Gleichzeitig fehlen überall Fachkräfte, um allen Kindern gerecht zu werden. Doch dieser Aufwand würde sich lohnen, denn diese Menschen können eine Bereicherung für unsere Gesellschaft sein und sie sind es wert, gefördert zu werden.
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Der Text ist auch im Kiezmagazin „Mit Über-Blick“ enthalten, das im März 2024 erschienen ist. Weitere Beiträge aus dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neues Kiezmagazin: Mit Über-Blick“ gesammelt und verlinkt.

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