Noch vor wenigen Jahren mussten Eltern ganz brav und lieb sein, wenn sie einen Kitaplatz bekommen wollten. Jetzt sind immer öfter Werbeschilder zu sehen, auf denen Kitas freie Plätze anbieten, das heißt Kinder suchen. Ein Erfolg des Kitaausbauprogramms. Und eine Folge sinkender Geburtenraten. Stadtrat Christoph Keller hofft auf steigende Qualität der Betreuung und auf besser Arbeitsbedingungen für die Erzieher.
Es ist noch ungewohnt zu lesen, dass Kitas Kinder suchen. Per Aushang. Großer Plane. Im Internet. Mit Aufklebern auf dem Bürgersteig. Gab es da nicht Wartelisten? Ist es wirklich so, dass nun die Eltern den Kitaleitern sagen können: „Ich setze Sie mal auf die Warteliste“?


Mehr als Chance auf idealen Kitaplatz
Bezirksstadtrat Christoph Keller (Linke), zuständig fürs Jugendamt, bestätigt, dass im Bezirk Mitte seit dem Jahr 2015 über 2500 neue Kitaplätze entstanden sind. Mitte habe jetzt statt 17.703 Plätze genau 20.266 Plätze. Die Folge: Für Familien bestehe heute eine bessere Chance, einen Platz in der Wunsch-Kita zu bekommen. Und es könne ihren Wünschen nach kurzen Wegen, bedarfsgerechten Öffnungszeiten oder pädagogischem Angebot besser entsprochen werden kann, so der Stadtrat.
Doch die Situation bedeutet aus Sicht des Stadtrats mehr als endlich große Auswahl für Eltern: „Gesellschaftliches Ziel muss es sein, die zahlenmäßig entspanntere Situation zur Qualitätssteigerung zu nutzen und auch langfristig in unsere Kinder zu investieren. Gleichzeitig ist es Chance, die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten in Kitas zu verbessern“, sagt Christoph Keller. Das heißt, statt Kita am Limit könne jetzt das Ziel Kita mit Anspruch sein. Und auch Erzieher sollten profitieren, zum Beispiel bei der Frage, um wie viel Kinder sich ein Erzieher kümmern muss.


Und der Stadtrat erinnert daran, dass der mehrjährige Kitabesuch zur Integration beitrage, weil dort Sozial- und Sprachkompetenzen erworben werden. Das ist eine nicht direkt ausgesprochene Botschaft an Familien, die bislang im Konkurrenzkampf um die raren Plätze möglicherweise aufstecken mussten. Für sie könnten sich nun die Chancen verbessern. Christoph Keller drückt das so aus: „Mitte ist ein sehr diverser Bezirk und aus meiner Sicht ist es eine Bereicherung, soziale und kulturelle Vielfältigkeit schon im Kindesalter kennen und schätzen zu lernen.“
Was Kitas zur Situation sagen
Für die Kitas ist die Situation neu. „Wir sehen einen Nachfragerückgang deutlich seit Beginn des Kitajahres 2024/2025, dieser ist allerdings nicht in allen Regionen unserer Bezirke gleich und unterscheidet sich von Standort zu Standort“, teilt die Kindergärten City, ein Eigenbetrieb von Berlin für die Bezirke Mitte und Friedrichshain, auf Anfrage des Brunnenmagazins mit.


An die Substanz kann es gehen, wenn eine Kita nicht genügend Kinder findet, denn die Finanzierung aller Kitas ist in Berlin direkt an die Anzahl der Kinder geknüpft. Gegensteuern könne man, indem Erzieher von weniger ausgelasteten Kitas an gut nachgefragte Standorte verlegt werden, teilt die Kindergärten City mit. Und Berlin habe indirekt mehr Geld in Aussicht gestellt: „Die vom Senat geplanten Verbesserungen des Betreuungsschlüssels für Kinder unter 3 Jahren im Jahr 2026 ist aus unserer Sicht auch vor diesem Hintergrund ein richtiger Schritt für die Zukunft.“ Der Betreuungsschlüssel ist das Verhältnis von Kindern pro Erzieher, das Berlin bei der Berechnung der Zahlungen für jedes Kind an die Kitas zugrundelegt.


Blick in die Kita-Zahlen
2012 hatte Berlin ein Förderprogramm mit dem Titel „Auf die Kitas, fertig, los“ gestartet. Ein putziger Name für eine Sache mit ernstem Hintergrund. Kitaplätze waren Mangelware. Sehr viel Geld hat die Stadt investiert, um neue Kitas zu bauen und um alte Gebäude zu erneuern. Mehrere zehntausend neue Plätze wurden geschaffen, bei über 200.000 Kindern im Alter von 0 bis 6 Jahren in der ganzen Stadt. Sagen wir über den Daumen gepeilt, es wurde für jedes zehnte Kind in den vergangenen Jahren ein eigener, zusätzlicher Kitaplatz geschaffen. Beeindruckend.

In der gleichen Zeit wurden es immer weniger dieser Kinder. Rund 11.500 kleine Leute im Alter von 0 bis 6 Jahren lebten im Jahr 2018 in den Ortsteilen Wedding und Gesundbrunnen. Jetzt sind es nur noch knapp 9700. Damit gibt es einfach deutlich weniger von den Menschen, für die ein Kitaplatz gedacht ist. Der Grund für den Rückgang liegt daran, dass einfach weniger Kinder geboren werden. Hinzu kommt, dass laut Statistik der Kitabesuch erst mit drei Jahren beginnt. Denn die Zahlen sagen, nur jedes zweite Kind im Alter von 0 bis 3 verbringt den Tag in der Kita. Dafür sind es in der Altersgruppe über 3 fast alle Kinder.


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