Endstation Paradies – so heißt ein sozialkritischer Fernsehfilm des Sender Freies Berlin (SFB) von 1977, den der beliebte RBB-Reporter Ulli Zelle 2024 für das Samstagabendprogramm wiederentdeckte. Inge Meysel spielt in der Hauptrolle Frau Riedel, eine stets sehr freundliche Verkäuferin im Spielzeugfachgeschäft „Paradies“ in der Gleimstraße 5, die mit ihren beiden Chefinnen permanent böse Überraschungen erlebt. Ralf Schmiedecke beschreibt hier auch die Drehorte im Arbeiterbezirk Wedding während der Sanierung des Brunnenviertels.


Ernie Riedel (Charlotte Witthauer) und rechts Frau Riedel (Inge Meysel). Foto: Filmstill
Drama über Altersarmut und Diskriminierung
Nach dem Drehbuch von Gerda Thiele-Malwitz entstand durch Regisseur Thomas Engel das 81-minütige Drama über brisante Themen wie Angst vor Altersarmut und Diskriminierung. Im Zentrum stehen die beiden schikanierenden Ladeninhaberinnen: die verwitwete 40-jährige „Dorchen“ Wagenknecht (Maria Sebaldt) und die 78-jährige geschäftstüchtige Stiefmutter als „Kasse“ Wagenknecht (Erna Sellmer), die nach ihren bösartigen Übertreibungen immer in einen Schwächeanfall fällt. Schon beim ersten persönlichen Kontakt im Geschäft beginnen sie, die 64-jährige Frau Riedel mit Untertönen wie ungelernt, zu alt, zu klein zu vergrämen. Sie erhält monatlich nur 800 DM (Arbeitszeit: Montag bis Samstag) und hat keinen Anspruch auf eine Pause. Allein ihre 2-Zimmer-Wohnung kostet schon 180 DM kalt. Später zieht ihre Schwester zu ihr.
Endstation Paradies: Der Wedding als Kulisse
Im Vorspann wird die Fahrt zum eigens für den Film hergerichteten Geschäft mit der damaligen BVG-Buslinie 61 in Richtung Gartenplatz auf ungewöhnlicher Route gezeigt. Frau (Fränze) Riedel und ihre Schwester Ernie Riedel (Charlotte Witthauer), die nahe am Gleimtunnel in einer Fischhandlung arbeitet, haben von nun an den gleichen Weg. Sie sitzen nebeneinander im Bus, der aus der Pankstraße kommend an der St.-Paul-Kirche links in die Badstraße einbiegt. Nach nicht gezeigter Wendung fahren sie auf der gegenüberliegenden Seite zurück in Richtung Bahnhof Gesundbrunnen. Erst jetzt beginnt ein Dialog über die ersten Zweifel an der langersehnten neuen Arbeitsstätte. Der Bus hält an der ehemaligen Haltestelle vor dem Neubau Graunstraße 27 und 27a/Ecke Gleimstraße. Sie steigen aus und trennen sich. Frau Riedel geht über die noch nicht ampelgesteuerte Kreuzung. Die Ecke gilt als Unfallschwerpunkt.

(heute eine Wohnung), im Vordergrund die Schwestern Riedel. Foto: Filmstill

Spielzeugwaren in der Gleimstraße
Im Laufe des Films werden verschiedene Kunden präsentiert: zuerst zwei türkische Kleinkinder ohne deutsche Sprachkenntnisse, zwei Jungs, die Spielzeugwasserpistolen erwerben, drei Damen, die das Eisbär-Kuscheltier nur aus dem eng dekorierten Schaufenster haben wollen. Oder auch eine Frau mit Sohn, der einen Spielzeug-Rettungswagen für einen gerade Verletzten möchte. Kurz zuvor wurde zum dritten Mal in diesem Jahr das Schaufenster von Nachbarladen Elektro Schöppke, Gleimstraße 6, durch einen Porsche demoliert.
Zum Weihnachtsgeschäft wird die aus München stammende jüngere und leistungsfähige Verkaufsfachkraft Frau Nünani (Vérénice Rudolph) zu besseren Konditionen eingestellt. Frau Riedel sieht in ihr zunächst eine Konkurrentin, jedoch stellt sich schnell heraus, dass sich beide Frauen sehr gut verstehen. Als Heiligabend der Laden schließt, erhalten beide einen Briefumschlag mit 100 DM Weihnachtsgeld. Nach den Feiertagen treffen sie sich zufällig im Kaufhaus „bilka“, einst in der Brunnen-/Ecke Ramlerstraße, wo Frau Nünani jetzt tätig ist. Als Vorwand behauptete sie, ihre kleine Tochter in die Türkei zu bringen. Klar war: Sie wollte sich das Arbeitsklima im „Paradies“ nicht mehr antun.

Eine Laufpuppe für 198 DM
Beliebte Berliner Boulevard-Schauspieler wie Puppenstammkundin Frau Blisse (Inge Wolffberg), Gerhard Wollner (Kostümkauf) und der Modelleisenbahn-Dieb Peter Schiff erheitern die unterkühlte Stimmung im Paradies. Auch kuriose Kunden finden sich: Gesucht wird eine Tasche mit Sichtfenster, damit die Puppe herausschauen kann sowie zwei arme Rentnerinnen aus dem „Osten“. Drei Mädchen mit arg beschädigten Puppen möchten neue Kleidchen haben und eine Kundin erwirbt nach Ladenschluss noch eine teure Laufpuppe für 198 DM.
Nach Feierabend gehen die Geschwister Riedel noch zu einem Stehimbiss in der Swinemünder Straße/Ecke Ramlerstraße und reden darüber, dass, wenn „Mutter“ nicht im Laden ist, alles besser läuft und sie auch mal Lob erhält. Kurz darauf fährt „Dorchen“ zur Spielwarenmesse nach Nürnberg. Die drei Tage allein mit der Mutter sind der reinste Horror. Aber auch nach der Rückkehr werden ihr Missgeschick und Unfähigkeit an den Kopf geworfen, sie sei nicht belastbar, ließe sich bestehlen und lasse die Kunden aus den Augen. Zuerst weint Frau Riedel, später hat sie innerlich schon gekündigt und ist bewusstseinsverändert hart. Sie sagt zu Muttern: „Ich würde für den Laden ein Stückchen Leben geben, wenn es nur einen Sinn hätte.“

Dramatisches Ende
Ein paar Tage darauf verpasst sie ihren Bus und kommt zu Fuß auf den Laden zu. Mit Entsetzen erfährt sie, dass ein Lastkraftwagen dieses Mal ihr „Paradies“ getroffen hat und die beiden Chefinnen beim Aufschließen tödlich verletzt worden sind. Frau Riedel mit bleichem Gesicht sagt zuletzt: Was mache ich jetzt? Im Abspann werden vom Geschäft ausgehend mit hochgezogener Kamera die Fassaden der unsanierten Häuser Gleimstraße und der Blick zur Swinemünder Straße gezeigt.
Der Film ist durch die drei Hauptdarstellerinnen, besonders in der Paraderolle von Inge Meysel, sehr sehenswert, jedoch nur für starke Nerven geeignet. Der
Begriff Mobbing war in den 1970er Jahren noch unbekannt.
Endstation Paradies: Den Film anschauen
Der Film „Endstation Paradies“ kann auf der Videoplattform Youtube jederzeit angeschaut werden: www.youtube.com/watch?v=f75UDE-4nrg

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