Warum die Erika-Mann-Grundschule auf die Straße geht

Die jüngsten Wahlergebnisse und die zunehmende Zustimmung zu rechten Parteien bereiten Eltern und Lehrkräften der Erika-Mann-Grundschule im Wedding Sorgen. Mit einer Demonstration am 9. November will die Schulgemeinschaft nun ein Zeichen für Menschenwürde und Vielfalt setzen.

Gebäude der Erika-Mann-Grundschule in der Utrechter Straße im Wedding mit herbstlich gelbem Baum
Die Erika-Mann-Grundschule in der Utrechter Straße ruft für den 9. November zu einer Demonstration für Menschenwürde und Vielfalt auf. Foto: Dominique Hensel

Manche Eltern an der Erika-Mann-Grundschule im Wedding bemühen sich inzwischen verstärkt darum, dass ihre Kinder die deutsche Staatsangehörigkeit bekommen. Das berichtet Mareen Raymond, deren Kind die Schule im Malplaquekiez besucht. Die politischen Entwicklungen in Deutschland verunsichern viele Familien. Auch unter den Lehrkräften wächst die Sorge. Besonders die jüngsten Wahlergebnisse beschäftigen die Schulgemeinschaft.

Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September erreichte die AfD 43,8 Prozent der Zweitstimmen. Gegenüber der Wahl 2021 hat sie ihren Stimmenanteil damit mehr als verdoppelt. Bei der Berlin-Wahl im September kam die AfD in Wedding und Gesundbrunnen dagegen auf 9,5 Prozent.

Mareen Raymond erschrecken solche Ergebnisse. Sie könne kaum verstehen, warum so viele Menschen die AfD wählen. Es fühle sich für sie an wie eine Parallelwelt, erzählt sie im Gespräch mit dem Brunnenmagazin. In ihrem eigenen Umfeld erlebe sie eine ganz andere Entwicklung.

„Multikulti funktioniert halt doch“

Denn an der Erika-Mann-Grundschule erlebt sie einen ganz anderen Alltag. „Das Zusammenleben läuft eigentlich ganz gut in der Schule. Es ist multikulti im besten Sinn. Es gibt super viele Sprachen und Religionen“, sagt sie. Die kulturelle Vielfalt werde von den Familien und dem Schulpersonal als Bereicherung erlebt. „Und das soll auch so bleiben.“

Wie vielfältig die Schulgemeinschaft ist, zeigen auch die Zahlen der Senatsbildungsverwaltung. Im Schuljahr 2025/26 besuchen 527 Kinder die Erika-Mann-Grundschule. 269 von ihnen, also gut die Hälfte, sind nichtdeutscher Herkunftssprache. 119 Kinder haben keine deutsche Staatsangehörigkeit.

„Wir wollen Haltung zeigen. Wir sind ein Gegenbeispiel, das zeigt: Multikulti funktioniert halt doch“, sagt Mareen Raymond. Deshalb wollen Eltern, Kinder und Lehrkräfte am Montag, 9. November, gemeinsam auf die Straße gehen.

Demokratie im Schulalltag

Die Beschäftigung mit Gleichberechtigung und demokratischer Mitbestimmung hat an der Erika-Mann-Grundschule eine lange Tradition. Die Schule bezeichnet sich selbst als diskriminierungssensibel. Seit 2019 beschäftigt sich die Arbeitsgruppe „MACHT sichtbar“ mit Fragen der Macht, der Diskriminierung und des gleichberechtigten Miteinanders.

Auch die Theaterarbeit spielt dabei eine Rolle. Bereits 1999 wurde die Erika-Mann-Grundschule nach eigenen Angaben die erste theaterbetonte Grundschule Berlins. Jedes Jahr kurz vor den Sommerferien findet ein Theaterfestival statt. Bei der Entwicklung der Theaterstücke werde gemeinsam entschieden, erzählt Mareen Raymond. Alle seien gleichberechtigt, jede Stimme werde gehört.

Auf ihrer Internetseite beschreibt die Schule ihr Selbstverständnis so: „Diese Vielfalt begreifen wir als Reichtum, den wir wertschätzen.“

Demonstration am Geburtstag von Erika Mann

Dass die Demonstration am 9. November stattfindet, ist kein Zufall. An diesem Tag wäre die Namensgeberin der Schule, Erika Mann, 121 Jahre alt geworden. Die Schriftstellerin, Schauspielerin und politische Publizistin engagierte sich gegen den Nationalsozialismus und setzte sich für Menschenrechte ein.

Im Schulkalender ist der 9. November als „Erika-Mann-Demokratietag“ eingetragen. In diesem Jahr soll die Haltung der Schule auch außerhalb des Schulgebäudes sichtbar werden.

Gelb-schwarzes Plakat der Erika-Mann-Grundschule mit der Aufschrift „Menschenwürde ist unantastbar“ und dem Aufruf zur Demonstration am 9. November 2026
Mit diesem Plakat ruft die Schulgemeinschaft der Erika-Mann-Grundschule zur Demonstration am 9. November um 15 Uhr auf. Plakat: Erika-Mann-Grundschul

„WÜRDE – und damit der Artikel 1 – werden bei uns großgeschrieben!“, heißt es in einem Aufruf aus dem Lehrerkollegium. Darin erinnert die Schule an den ersten Artikel des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Diesen Satz wolle man nicht nur kennen, sondern auch leben.

„Nicht, weil wir alle gleich sind. Sondern weil wir verschieden sein können und trotzdem zusammengehören“, heißt es in dem Aufruf weiter.

Auch die Nachbarschaft ist eingeladen

Mit der Demonstration möchte die Schulgemeinschaft ein Zeichen gegen rechtskonservative Haltungen setzen. Gleichzeitig richtet sich ihr Anliegen an die politische Mitte. Mareen Raymond wünscht sich, dass sich mehr Menschen deutlich positionieren und für Menschenwürde und ein respektvolles Zusammenleben eintreten.

Deshalb sind nicht nur die Kinder, Eltern und Beschäftigten der Schule eingeladen, sondern ausdrücklich auch Nachbarinnen und Nachbarn sowie Politikerinnen und Politiker aus dem Kiez.

„Umso mehr kommen, desto besser“, sagt Mareen Raymond.

Organisatorisches zur Demo

Die Demonstration für Menschenwürde beginnt am Montag, 9. November 2026, um 15 Uhr an der Erika-Mann-Grundschule, Utrechter Straße 25–27 im Wedding. Die Schulgemeinschaft bittet die Teilnehmenden, etwas Gelbes zu tragen. Die Demo zieht durch den Kiez zum Rathausvorplatz in der Müllerstraße. Dort sind verschiedene Redebeiträge geplant.

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