Er ist nüchtern, sehr bürokratisch und für den Normalmenschen eigentlich unverständlich. Der Doppelhaushalt 2026/27 für den Bezirk Mitte, der kürzlich in der Bezirksverordnetenversammlung beschlossen wurde, ist ein Zahlenwerk mit 564 Seiten. Doch hinter jeder tabellarisch dargestellten Position stehen sehr konkrete Dinge. Hinter dem Haushaltstitel mit der Nummer 68466 verstecken sich zum Beispiel die Zuschüsse an freie Träger für das Betreiben von Schulstationen. Aber was ist das überhaupt? Ein Blick in die Schulstation in der Humboldthain-Grundschule.

Zu Besuch in der Schulstation
Es ist auf den ersten Blick nur ein kleiner Büroraum im Erdgeschoss der Schule in der Grenzstraße 7-8: ein großer Tisch, zwei Schreibtische, große Wandschränke, eine Tafel mit allerlei Plakaten und festgehaltenen Notizen. Doch die Schulstation in der Humboldthain-Grundschule ist mehr als ein Büro. „Wir sind hier ein Ort, an den sich alle Menschen, die in der Schule unterwegs sind, mit Fragen und Problemen wenden können“, sagt Roy Schijen. Roy Shijen ist wie seine Kollegin Tiziana Tinelli beim tjfbg angestellt, der Technischen Jugendfreizeit- und Bildungsgesellschaft gGmbH. Die beiden sind sowas wie zwei Vertrauenspersonen für alle an der Schule.
Die Schulstation ist ein Rückzugsort im Schulalltag. An die Tür können zum Beispiel Schüler:innen klopfen, wenn sie Probleme haben. „Vielleicht habe ich gerade richtig Stress mit meinem Vater und dann kommt das Zeugnis …“, erklärt Ulrike Kunert einen Gesprächsanlass. Ulrike Kunert ist Regionalleitung beim Träger tjfbg. „Das Team bietet aber auch Anti-Mobbing-Training an und hilft, Strategien zu vermitteln, mit denen Kinder ihre Konflikte selbst lösen können“, sagt Kunert.

Das Schulklima verbessern
Bei der Konfliktlösung gehe es zunächst um das Formulieren der Bedürfnisse. „Gefühle zu benennen, das haben die Kinder zu Hause oft nicht gelernt. Das einzige Gefühl, das viele gut ausdrücken können, ist Wut“, sagt Ulrike Kunert. Um das zu ändern und damit das Schulklima zu verbessern, dafür sind die beiden Kolleg:innen der Schulstation da. Aber auch, wenn es darum geht, Förderbescheide zu verstehen, Unterstützung zu beantragen oder das Deutschlernen zu organisieren, ist die Schulstation ein Ansprechpartner. Lehrkräfte und Eltern gehören aber auch zur Gruppe derer, die sich an die Fachkräfte wenden können.
Eine Aufgabe der Schulstation ist das Schlichten von Streits unter den Schüler:innen. Das Team ist aber auch für weitergehende Themen da. „Ein Kind, das zu Hause viele Probleme hatte, sagte mir mal: ,Mein Kopf ist zu voll. Ich krieg da nichts rein’“, erzählt Tiziana Tinelli. Das bedeutet: Nur wenn es den Kindern gut gehe, könne der Schulstoff gelernt werden. Die Schulstationen machen also präventive Arbeit und bereiten den Boden für den Schulerfolg. Das ist umso wichtiger, weil die Schule eine Ganztagsschule ist. „Die Kinder verbringen hier die meiste Zeit des Tages. Was früher vielleicht die Eltern zu Hause gemacht und gelöst haben, das muss heute in der Schule aufgefangen werden“, erklärt Tiziana Tinelli.
Aufgaben: Gespräche und Vernetzung
Wenn Konflikte entstehen, dann kann manchmal ein Gespräch in dem kleinen Raum der Schulstation helfen. Ein anderes Mal ist es vielleicht ein Gespräch in einer Klasse. Manchmal sind für die Lösung von Problemen auch Partner nötig und deshalb vernetzt sich die Schulstation auch mit Akteuren im Sozialraum, zum Beispiel mit Sportvereinen, mit anderen oder weiterführenden Schulen oder mit Beratungsstellen. Genau für diese Vernetzung ist das kleine Team da.
Dass das Angebot wichtig ist, sehen nicht nur die Mitarbeitenden des freien Trägers so. Auch das Schulteam, die Eltern und auch die Schüler:innen finden die Schulstation wichtig. Als im Sommer die Schließung aller Schulstationen in Mitte im Raum stand, wurde das viel diskutiert an der Humboldthain-Grundschule. Beim Sommerfest hat die Gesamtelternvertretung ein Plakat gestaltet, das den Erhalt der Schulstation an der Schule fordert. Viele Schülerinnen und Schüler haben es unterschrieben, aber auch Eltern und Mitglieder des Kollegiums.

Die Humboldthain-Grundschule
Die Humboldthain-Grundschule ist eine musikbetonte Ganztagsschule. Sie ist 140 Jahre alt und liegt in Sichtweite zum Volkspark Humboldthain, nahe am Parkeingang, der zum Sommerbad führt. Für circa 400 Schülerinnen und Schüler aus über 60 Nationen ist das große Gebäude in der Grenzstraße 7-8 von der Einschulung bis zur sechsten Klasse ihr Lebensmittelpunkt. Hier lernen sie, hier finden sie Freund:innen, hier findet ihr Leben statt – wochentags von 8 bis 16 Uhr. Fast 100 pädagogische Fachkräfte unterstützen sie auf ihrem Weg durch die Grundschulzeit. Darunter sind Lehrer:innen, Erzieher:innen und Sozialarbeiter:innen sowie das kleine Team der Schulstation.
Die Schulstationen und das Geld
Im Bezirk Mitte gibt es derzeit fünf Schulstationen, fast alle befinden sich im Wedding. Die Einrichtungen, die von freien Trägern betrieben werden, sind in der Humboldthain-Grundschule, der Erika-Mann-Grundschule, der Leo-Lionni-Grundschule, der Wedding-Schule und der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule in Moabit.
Aufgrund der Einsparvorgaben des Landes Berlin hatte der Bezirk im Sommer angekündigt, alle Schulstationen zum Jahresende schließen zu wollen (siehe: Die Schulstationen stehen vor dem Aus). Bei der Aufstellung des Haushaltsplans hat der Bezirk aber nun seine Prioritäten so gesetzt, dass alle fünf Schulstationen erhalten bleiben können (siehe: Doppelhaushalt in Mitte steht – das sind die Prioritäten). Bei dem Haushaltstitel 68466 wurde aber gekürzt: Statt 620.000 Euro in diesem Jahr sollen Träger der Schulstationen 2026 und 2027 jeweils 200.000 Euro erhalten.
Hier gibt es Schulstationen




Schulstationen sind kurzfristig gerettet
Im Haushaltsplan ist ganz nüchtern vermerkt: „Weniger Mittel zur Aufrechterhaltung der Standorte und Prüfung ergänzender Finanzierung oder ergänzender Angebote.“ Das bedeutet, dass der Bezirk versucht, weitere Finanzierungen zu finden. Wie die Pressestelle des Bezirksamts auf Nachfrage des Brunnenmagazins erklärt, ist das mittelfristige Ziel, „die verbliebenen bezirklich finanzierten Schulstationen ins Landesprogramm ,Jugendsozialarbeit an Berliner Schulen‘ zu überführen“. Damit folgt der Bezirk Mitte einer Forderung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Berlin, der sich in seinem Positionspapier „Schulstationen sichern – Soziale Teilhabe und Unterstützung vor Ort“ hinter das Projekt stellte und den Senat dazu aufforderte, die bisher von den Bezirken finanzierten Schulstationen in das Landesprogramm zu überführen.
Der Doppelhaushalt 2026/27 wurde am 25. September von der Bezirksverordnetenversammlung beschlossen. Das Zahlenwerk muss nun noch vom Berliner Abgeordnetenhaus bestätigt werden. Das wird vermutlich im Dezember geschehen. Damit kann auch die Schulstation an der Humboldthain-Grundschule erhalten bleiben, wenn auch wahrscheinlich in reduzierter Form.
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