Fensterflaneuse: 10.000 Schritte im Frühling durch den Wedding

Eine Fensterflaneuse auf Frühlingsflucht: vom Fenster aus durch den Wedding, vorbei am Fitnessstudio, durch den Humboldthain und immer den 10.000 Schritten hinterher.

Endlich ist Wochenende und die Sonne scheint durchs Fenster in der Thurneysserstraße. Der Frühling ist endlich da! Und Frühling in Berlin ist weniger Jahreszeit als Gelegenheit. Man sollte rausgehen. Man sollte sich bewegen. Man weiß das ja alles.

Stattdessen sitze ich hier am Fenster und irgendwo in meinem Kopf singt Wencke Myhre: „Ein Sonntag im Bett ist gemütlich und nett …“ Ein Ohrwurm aus den Siebzigern, schmierig genug, dass er hängen blieb. Ein Detail, das mich altersmäßig ziemlich eindeutig einordnet.

Weddinger Wohnzimmer: Bitte Platz nehmen. Foto: Gordana Radović
Weddinger Wohnzimmer: Bitte Platz nehmen – oder los auf eine Tour in de Weddinger Frühling? Foto: Gordana Radović

Blick ins Gegenüber

Mein Blick fällt auf das Fitnessstudio gegenüber, das ich eher finanziell als körperlich unterstütze. Und natürlich meldet sich sofort das Gewissen, zusammen mit dem Gedanken, dass der Sommer vor der Tür steht und die Bikinifigur den Winter offenbar nicht ganz unbeschadet überstanden hat. Bauch einziehen, Sportklamotten packen und los in den Frühling, sagt mein Gewissen.

Mein Bauch findet, wir könnten auch einfach sitzen bleiben und uns aufs Mittagessen vorbereiten. Irgendwann gewinne ich die Diskussion, stehe auf, greife nach der Sporttasche und gehe raus. Mache einen Schlenker durch den sonnenbestrahlten Park, in dem sich Familien längst die besten Plätze gesichert haben, Decken ausgebreitet, Grills aufgebaut, offiziell verboten, praktisch ignoriert. Und ehrlich gesagt: Es sei ihnen verziehen. Sie sind draußen. Sie bewegen sich. Sie rennen ihren Kindern hinterher, wenn es nötig ist, was vermutlich mehr Kalorien verbrennt als jedes Gerät im Fitnessstudio.

Ein Mann macht Yoga auf der Wiese, ruhig, konzentriert, beneidenswert und ich bekomme ein noch schlechteres Gewissen und werde schneller.

Laufbandrealität

Ich eile ins Fitnessstudio, hinein in diese Mischung aus stickiger Luft, Gummi und rauf aufs Laufband. Mit einem leichten Hauch von Ehrgeiz, renne ich auf dem Laufband los und denke dabei an Manpo-kei- diese magischen 10.000 Schritte, die so verlässlich das Gewissen ansprechen: „Herzlichen Glückwunsch“ blinkt es sonst auf Displays, gern begleitet von digitalem Konfetti, wenn man das Ziel erreicht hat.

Unlängst habe ich erst herausgefunden, dass diese Zahl jedoch weniger medizinische Erkenntnis ist als ein erstaunlich langlebiger Werbeeinfall aus den Sechzigern, als ein japanischer Schrittzähler namens „Manpo-kei“ genau dieses Ziel zur Formel für ein gesundes Leben erklärte. Und natürlich springe ich darauf an, setze mir genau diese 10.000 Schritte als Ziel, auf dem Laufband, während ich durch das große Fenster die schöne Sonne und das gute Wetter betrachte. Wie absurd, aber ich habe nun mal dafür bezahlt, in einem stickigen Raum mit Schweißgeruch genau das zu tun.

Die Sonne und der Drang nach frischer Luft bringen mich dann nach kaum 1000 Schritten zum Abbrechen der Tortur auf dem Laufband und ich verlasse den Trainingsraum.

Ich stehe vor der Tür, drücke, nichts. Ich drücke noch einmal. Sie ist schwer, als ob jemand von der anderen Seite pressen würde und mich nicht rauslässt.

Weddinger Wohnzimmer: Bitte Platz nehmen. Foto: Gordana Radović
Weddinger Wohnzimmer: Rastplatz am Wegesrand. Foto: Gordana Radović

Draußen!

Für einen Moment habe ich das Gefühl, der Fitnessstudio-Geist hätte beschlossen, mich nicht so einfach gehen zu lassen. Der Geist besteht darauf, dass ich gefälligst hier bleibe und meine 10.000 Schritte ordnungsgemäß auf der Stelle erledige. Ich setze noch einmal mit aller Kraft nach. Und dann gibt sie nach. Draußen. Endlich.

Ich fasse einen neuen Plan: 10.000 Schritte durch den Kiez. Durch den Frühling.

Der Frühling hat allerdings auch seine weniger charmanten Seiten- zum Beispiel den Frühjahrsputz. Der spiegelt sich auf den Straßen leider nicht im Putzen wider, sondern im Gegenteil: mit Müll. Leute in meinem Kiez entsorgen gerne und viel einfach auf der Straße. Ich laufe Richtung Humboldthain, in der Hoffnung, dort den Frühling so richtig zu spüren, aber der Weg dorthin gleicht stellenweise eher einem Hürdenlauf. Die Straße wirkt wie eine improvisierte Mülldeponie, Sperrmüll wird großzügig „verschenkt“.

Ich muss gestehen, dass ich gelegentlich bei solchen Haufen gerne stehen bleibe und schaue, ob sich nicht doch ein brauchbarer oder interessanter Gegenstand findet. Einer dieser Funde steht heute in meinem Wohnzimmer: ein halber Tisch. Ein massiver, ehemals runder Holztisch. Was mit der anderen Hälfte passiert ist, hat mich nie besonders interessiert.

Eine kleine Abschweifung, ich weiß. Und vermutlich fragen sich jetzt einige, was man mit einem halben Tisch anfangen soll.

Ich lasse die Frage einfach mal so stehen. Ich jedenfalls liebe meinen Fund. Ein bisschen Farbe, etwas Schmirgelpapier, und schon hatte er ein neues Leben.

Zwischen den Gleisen

Weiter in Richtung Grün und Sonne und ein kurzer Blick von der Brücke auf die S- und Fernbahngleise. Ein Zug fährt vorbei, mit Graffiti bemalt: „Ich war’s nicht.“ Ich lache laut. Warum auch immer.

Kurz geträumt lockt mich ein schöner Geruch weiter in den Humboldthainer Wald.. Ein Blick auf mein Handy, ob es auch all meine Schritte zählt- und ja, das tut es. 1224- na ja.

Am Rosengarten vorbei, der leider geschlossen ist, obwohl er zu meinen Lieblingsorten im Humboldthain gehört, zumindest bei Tageslicht. Denn der Humboldthain hat auch seine andere Seite. Er zieht bisweilen Gestalten an, deren Aktivitäten eher in eine dunklere Chronik passen als in einen Frühlingsspaziergang.

Ich habe allerdings ein anderes Ziel: meine Lieblingswiese im Frühling. Google sagt, sie sei nur 500 Schritte entfernt. Ich ziehe das Tempo an, meine Turnschuhe knirschen auf dem Weg und merke, dass Google offenbar mit anderen Beinen rechnet als ich. Mein Manpo-kei zählt nämlich 612 Schritte. Liegt es an meiner Schrittlänge? Kurze Beine, nicht ganz Google-kompatibel?

Egal. Ich bin da.

Die Krokuswiese im Humboldthain hat vor kurzem wieder den Frühling bunt gemacht. Foto: Gordana Radović
Die Krokuswiese im Humboldthain hat vor kurzem wieder den Frühling bunt gemacht. Foto: Gordana Radović

Angekommen

Die Krokuswiese liegt vor mir, in voller Blütenpracht: ein Teppich aus Lila und Weiß, dazwischen ein paar gelbe Ausreißer, die sich offenbar nicht an die Farbordnung gehalten haben und sich einfach dazugemogelt haben, wo eigentlich nur Lilatöne vorgesehen sind.

Ein junges Paar mit Hund kommt näher. Der kleine weiße Hund setzt sich neben mich und bestaunt mit mir die Blütenpracht.
Wie süß, denke ich, bis er plötzlich aufspringt, kurz innehält und in Position geht.
Und dann setzt er seine ganz eigene Duftmarke in die Frühlingsidylle. Ich mache einen Schritt zurück. Er wirkt zufrieden.

Die Krokuswiese im Humboldthain hat vor kurzem wieder den Frühling bunt gemacht. Foto: Gordana Radović
Die Krokuswiese im Humboldthain hat vor kurzem wieder den Frühling bunt gemacht. Foto: Gordana Radović

Auf dem Heimweg

Langsam meldet sich mein Bauch zurück. Mit klarer Ansage: Mittagessen. Jetzt! Ich gebe nach und schlage den Weg nach Hause ein, an der Panke entlang, vorbei am Amtsgericht.

Dort entdecke ich etwas Neues: zwei Metallliegen mit Blick aufs Wasser. Wie gut ist das denn! Genau hier sitze ich sonst mit meiner kleinen Decke, lasse die Gedanken treiben, schaue dem Wasser zu. Jetzt gibt es Liegen. Fast schon luxuriös. Dankeschön!

Ich bleibe kurz stehen, betrachte das Ganze und beschließe, dass das für heute reicht. Die 10.000 Schritte habe ich nicht geschafft. Aber immerhin: ein paar tausend ehrliche, draußen, mit Sonne. Und der Geist des Fitnessstudios, wird mich heute Nacht vermutlich heimsuchen.

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Der erste Teil der Wedding-Kiez-Kolumne der Fensterflaneuse von Gordana Radović ist unter dem Titel „Fensterflaneuse: Notizen aus der Thurneysserstraße“ erschienen.

Kommentare

  1. Avatar von Susanne Haun

    Danke fürs mitnehmen, Gordana. Ich habe den Spaziergang zuhause am Rechner genossen. Schrittanzahl: 0
    Da das Wetter auch heute wunderschön ist, werde ich gleich herausgehen. :-)

  2. Avatar von Sabrina Wolf
    Sabrina Wolf

    Liebe Gordana, danke für diese wieder so herrliche und erheiternde Geschichte, in der man sich mit einem Augenzwinkern auch selbst wiederfindet. Es macht sehr viel Freude, die Fensterflaneuse zu begleiten und ich bin gespannt auf die nächsten Beobachtungen und Erlebnisse!

  3. Avatar von Bettina
    Bettina

    Liebe Gordana,
    deine „10.000 Schritte“ haben mich heute gut gelaunt durch den Sonntag begleitet. :)
    Danke für die Motivation – weiter so!

  4. Avatar von ggorry
    ggorry

    Herzlichen Dank für eure Kommentare und ich freue mich, dass mein Artikel euch auch gut gelaunt durch den Sonntag begleitet hat!

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