Manchmal zwingt einen das Leben zum Innehalten — und plötzlich wird das Fenster zur Bühne. Während die Welt draußen im sommerlichen Wedding weiterzieht, beobachtet unsere Fensterflaneuse vom Krankenlager aus das kleine große Straßenkino in der Thurneysserstraße: Müllabfuhr-Ballett, Ratten-Frühstück, Hochzeitskorso und ein Kaninchen an der Leine. Wer nicht hinaus kann, sieht manchmal umso genauer hin.
Tag 1: Müllabfuhr mit Meisterklasse
Die Sonne scheint durch alle meine Fenster – wie schön der Sommer doch ist. Da mein Körper just entschieden hatte, für ein paar Tage schlapp zu machen, nutze ich meine Fenster zur Welt, um das Nicht-Rausgehen-Können optisch wenigstens ein wenig wettzumachen.
Der Blick hat sich nicht verändert: die enge Straße, der Park, das Amtsgericht und die Pankstraße mit ihren wenig einladenden Gewerbebauten. Wobei mein Blick nun durch die sommerliche Blätterpracht der Bäume eigentlich nur noch auf den Park, den Spielplatz und ein kleines Stück des roten Amtsgerichtsdachs beschränkt ist – ein Tupfer Rot im Grünen.
Langeweile ist für mich ein Fremdwort, aber wenn man krank ist, fehlt meist die Kraft für intellektuell Forderndes. Man sehnt sich nach Unterhaltsamem, Leichtem. So lasse ich die Bücher, die schon längst hätten gelesen werden wollen, geduldig in ihrer Warteschleife und richte meinen Blick nach draußen.
Um 7:42 Uhr ist das Angebot allerdings überschaubar: die Müllabfuhr und ein großer Mann, der mit einem winzigen Hund Gassi geht. Man nimmt, was man bekommt.

Die BSR feiere ich schon lange, nicht nur weil sie einen unverzichtbaren Job machen, sondern auch wegen ihrer herrlich humorvollen Werbekampagnen. Die BSR setzt alles auf die Karte Humor. „Mit unseren Kampagnen zeigen wir, dass Abfalltrennen und Engagement für unsere Stadt Spaß machen können“, heißt es auf ihrer Internetseite. Ich bin voll dabei und mache gerne Mülleimer-Lesetouren: „Im nächsten Leben werde ich Briefkasten“, Thomas Müll-her! Müllorca und immer wieder lache ich herzlich im Vorbeigehen.
Heute ist der Tonnosaurus Rex da, mit drei flinken Männern, die wie ein eingespieltes Fußballteam unter Nagelsmann um die Tonnen dribbeln. Ein Spiel auf Zeit und Präzision- nach knappen sechs Minuten ist alles gewonnen, kein Stau, kein Chaos. Jubel aus meinem Fenster. Morgen bastle ich eine kleine BSR-Fahne.
Tag 2: FOMO und falsche Gespenster
Heute bin ich spät am Fenster. Ein leises FOMO-Kribbeln (FOMO = fear of missing out ) beschleicht mich. Ich versuche, die Spuren der Nacht zu lesen. Detektivin Flaneuse im Einsatz, während Peter Fox mir ins Ohr singt: Guten Morgen, Berlin, du kannst so hässlich sein, so dreckig und grau…
Der übliche Befund: Essensreste samt Verpackungen am Straßenrand. Für Ingo und Klaus, zwei Ratten aus dem Park, ist es ein Festmahl. Ich bilde mir ein, dass es immer dieselben sind. Ingo ist eindeutig der Klügere, er hält die Hamburgerbox geschickt offen, während Klaus vergeblich versucht, seine Nase hineinzuquetschen. Dass ringsum noch Pommes liegen, haben beide übersehen. 1:1 für Schlauheit.

Neu hinzugekommen: ein Baustellenschild auf dem Bürgersteig. Von Bauarbeiten keine Spur, aber das Schild hält wacker Position und warnt pflichtbewusst vor der Geisterbaustelle. Es steht ganz einsam auf dem Bürgersteig. So einsam, wie auch auf vielen Dauerbaustellen in Berlin, wo die BVG nun mit Kameras helfen soll, Schlafbaustellen mit Kameras zu erfassen. Ein Hoch auf den Berliner Senat und seine brillanten Ideen.
Daneben lauert ein schwarzes Gespenst auf dem Bürgersteig. Und der große Mann mit dem winzigen Hund kommt aus dem Park. Der Hund schnüffelt kurz, stürmt los und zerfetzt das Gespenst in seine Einzelteile. Eine lange schwarze Strickjacke bleibt regungslos liegen. Fall gelöst.

Tag 3: Hoppeln mit Stil
Habe ich den großen Mann mit dem winzigen Hund heute verpasst? Ich bleibe besorgt am Fenster. Ist er krank? Ist der winzige Hund krank? Wie schnell man sich an jemanden gewöhnt, den man nie kennengelernt hat.
Gerade als ich denke, dass der Park heute keine neuen Geschichten mehr hergibt, entdecke ich etwas Unerwartetes. Mein Blick wandert eher beiläufig über die Wiese. Eine Mutter. Ein Kind. Nichts Ungewöhnliches. Doch dann bleibt mein Blick hängen.
Da hoppelt noch jemand mit! Ich schaue genauer hin. Man weiß ja nie. Vielleicht Fieber. Vielleicht Halluzination. Aber nein. Es ist tatsächlich ein Kaninchen. An. Einer. Leine!
Nach einem Kaninchen an der Leine kann der Tag eigentlich nichts mehr liefern.
Feierabend.

Tag 4: Wedding, Kamera, Action
Hurra , hurra, die Baustelle ist da!
Das einsame Schild hat nun seinen Nutzen gefunden, obwohl es eigentlich keine richtige Baustelle ist- eine Fassade wird erneuert. Ich setze schon mal den Timer, um zu sehen , ob es auch eine Langezeitbaustelle wird, wie es sich in Berlin gehört.
Das Fensterkino bereitet noch ein Highlight: Zuerst denke ich, schon wieder Stau, die enge Straße hat ihre Tücken. Aber dann höre ich Hupen. Rhythmisches Hupen. Dazu Musik, bei der man einfach mitwippen muss.
Ein Hochzeitskorso quetscht sich durch die Straße, laut und musikalisch protzig. Auto um Auto zieht vorbei, geschmückt, hupend, feiernd. Und mittendrin aus dem Park erscheint die Braut in leuchtendem Weiß, begleitet von ihrem Fotografengefolge.

Der Park am Amtsgericht ist eine beliebte Kulisse, nicht nur für Hochzeitsfotos, auch Filme werden hier gedreht.
Wenn die Filmcrews wieder da sind, werde ich zur Paparazzi-Flaneuse und halte Ausschau nach der einen oder anderen Berühmtheit. Oder ich flaniere einfach ein wenig ums Set herum. Vielleicht erkennt ja jemand mein bislang sträflich übersehenes Schauspieltalent und plötzlich heißt es: A Wedding-Star is born. Die Hoffnung gebe ich jedenfalls nicht auf.
Die Kräfte kehren zurück und damit endet mein Fensterkino. Der Logenplatz am Fenster hat seinen Dienst getan. Jetzt wird wieder selbst flaniert.
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Dies ist die dritte Kolumne der Fensterflaneuse. Der erste Teil der Wedding-Kiez-Kolumne der Fensterflaneuse von Gordana Radović ist unter dem Titel „Fensterflaneuse: Notizen aus der Thurneysserstraße“ erschienen. Der zweite Teil hat die Überschrift „Fensterflaneuse: 10.000 Schritte im Frühling durch den Wedding“.

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