Nach dem Mauerbau entstanden unter der Bernauer Straße zahlreiche Tunnel, die DDR-Bürgern die Flucht in den Westen ermöglichen sollten. Durch zwei Fluchttunnel konnten besonders viele Menschen fliehen.

Berlin, 13. August 1961: Um den anhaltenden Exodus ihrer Bürger zu stoppen, lässt die DDR-Regierung in den frühen Morgenstunden die Grenzen zu den Westsektoren schließen. Fluchtwillige müssen nun nach neuen Wegen suchen, um die DDR zu verlassen. Hilfe bekommen sie dabei aus Westberlin.
Zunächst sind es vor allem Studenten der Technischen und der Freien Universität, die Freunde, Verwandte und Kommilitonen aus Ostberlin durch einen Tunnel in den Westen holen wollen. An zahlreichen Orten werden – zumeist von Westberlin ausgehend – unterirdische Gänge gegraben. Ein Schwerpunkt dieser Aktivitäten ist die Gegend um die Bernauer Straße an der Grenze zwischen Alt-Mitte und dem ehemaligen Bezirk Wedding.

15 Fluchttunnel an der Bernauer Straße
Doch warum wird gerade hier so viel gegraben? Zum einen liegen die Ost- und Westberliner Häuserzeilen entlang der Bernauer Straße nur wenige Meter voneinander entfernt, zum anderen gibt es auf Weddinger Seite, im heutigen Brunnenviertel, durch Kriegsschäden und Abwanderung viele leerstehende Wohnungen und Fabrikgebäude. Das unübersichtliche Terrain, das von Stasi und Grenzpolizei nur schwer einzusehen ist, bietet den Tunnelbauern ein ideales Arbeitsfeld.
In den 1960er und 1970er Jahren entstehen unter der Bernauer Straße insgesamt 15 Tunnel. Die meisten fliegen auf, noch ehe jemand hindurchgeschleust werden kann. Doch die Bernauer Straße ist auch Schauplatz der beiden spektakulärsten Fluchten durch den Berliner Untergrund.

Es bestand stets Einsturzgefahr
Am 14. und 15. September 1962 steigen nacheinander 29 Menschen in einen Keller der Schönholzer Straße 7 und von dort aus weiter in einen sechs Meter tiefen Schacht. Etwa 135 Meter lang ist der Tunnel, der unter der Bernauer Straße entlangführt. Das Passieren eines solchen Tunnels ist kein Spaziergang: Bei permanenter Einsturzgefahr müssen die Flüchtlinge unter hohem Zeitdruck auf allen vieren durch einen niedrigen Gang kriechen, dessen Boden knöcheltief von Wasser und Schlamm bedeckt ist. Da sich unter den Flüchtlingen auch Kinder und ältere Menschen befinden, ist die Gefahr groß, dass in der Enge Panik ausbricht. Glücklicherweise kommt es nicht dazu und alle entsteigen durchnässt und verschmutzt, aber unendlich erleichtert dem Stollenausgang in einem Hinterhof der Bernauer Straße 78.
Noch dramatischer verläuft eine Flucht zwei Jahre später, in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober 1964. Vom Keller einer ehemaligen Bäckerei in der zum Wedding gehörenden Bernauer Straße 97 haben Fluchthelfer einen 145 Meter langen Tunnel gegraben, der auf Ostberliner Seite in den Hof der Strelitzer Straße 55 mündet. 57 Menschen sind bereits in den Schacht gestiegen, als plötzlich bewaffnete Grenzer den Hauseingang betreten. Es kommt zu einem Schusswechsel, bei dem ein Soldat erschossen wird. Die DDR-Führung schlachtet dieses Ereignis propagandistisch aus und verurteilt die Fluchthelfer als „Mordschützen“. Nach der deutschen Wiedervereinigung stellt sich jedoch heraus, dass der Unteroffizier Egon Schultz von den eigenen Leuten tödlich getroffen wurde.

Wer mehr über diese und andere Fluchtversuche erfahren möchte, kann sich die kostenlose Freiluftausstellung der Gedenkstätte Berliner Mauer anschauen. Hier wird demnächst sogar ein Besuchertunnel eröffnet, der zu einem historischen Fluchttunnel führt. Der Berliner Unterwelten e.V. bietet eine Führung zum Thema „Tunnelfluchten“ an. Mehr im Internet unter www.berliner-unterwelten.de.
Lesetipps zum Thema Fluchttunnel
• Dietmar Arnold, Sven Felix Kellerhoff: Die Fluchttunnel von Berlin, Ch. Links Verlag, 2015
• Klaus M. v. Keussler und Peter Schulenburg: Fluchthelfer. Die Gruppe um Wolfgang Fuchs, Berlin Story Verlag GmbH, 2015.
• Online: www.chronik-der-mauer.de
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Der Text ist im dritten Quartal 2018 im Kiezmagazin „Willkommen Nachbarn!“ erschienen. Weitere Texte aus der Ausgabe sind im Beitrag Neues Kiezmagazin: Willkommen Nachbarn! gesammelt und verlinkt.

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