Liebe Leser, liebe Freunde, dass es bei mir seit einer Weile sehr baustellig ist, haben sicherlich viele mitbekommen. Der Gleimtunnel ist nach wie vor für Autofahrer geschlossen, und auch für alle anderen gleicht der Weg zwischen Ost und West an dieser Stelle einem Nadelöhr. Ein ehemaliger Fluchttunnel wurde freigelegt.

Das erinnert ein wenig an die Zeit, als die Mauer stand und der Tunnel nicht passierbar war. Vor allem die Sonntage, wenn die Baustelle ruht, haben eine ganz eigene Stimmung. Das Gefühl heute ist natürlich ein ganz anderes als vor der Grenzöffnung. Wo einst die Mauer stand, war sie unüberwindlich. Die Grenzanlage wurde immer weiter verbessert, um Fluchtversuche unmöglich zu machen. Die Gedenkstätte Berliner Mauer zeigt mit runden Bodenplatten an der Bernauer Straße, wo Menschen auf anderem Weg versuchten, von Ost nach West zu fliehen: Sie gruben sich unter der Berliner Mauer durch. Diese Gänge nennt man Fluchttunnel.
Was kaum jemand weiß, ist, dass es auch Fluchtkanäle gab: Die Abwasserkanalisation diente als vorhandener Weg, der nicht erst gegraben werden musste. Es wird dennoch sehr viel Überwindung gekostet haben, diesen Weg einzuschlagen, durch stinkende Kloake kriechend, und nicht sicher, ob auf der anderen Seite die Staatssicherheit oder ein offener Ausgangsgully auf einen wartet. Solche Fluchten fanden auch direkt unter der Gleimstraße statt. Über die gelungene Kanalflucht von Ulrich Pfeifer und fünf weiteren DDR-Bürgern kurz nach dem Mauerbau hat der Berliner Kurier berichtet.
Ein Teil des Abwasserkanals unter der Gleimstraße ist durch die Bauarbeiten für die neue Straße am Gleimtunnel freigelegt worden und derzeit zu sehen! Auf den ersten Blick mag man denken, dass es nur eine große Röhre ist. Aber wenn man sich vorstellt, dass Menschen dort im Bückgang und mit Todesangst durchgewatet sind, bekommt man ein flaues Gefühl.
Nachdenkliche Grüße,
Eure Gleimi



Diese Kolumne ist in der Reihe „Inselflüstern“ erschienen. Weitere Texte aus der Reihe sind hier zu hier zu finden –> Inselflüstern
Lesetipps zu Mauerfluchten
Der Berliner Unterwelten e.V. hat viele Bücher zum Thema Fluchttunnel herausgegeben:
- Burkhart Veigel: Wege durch die Mauer. Fluchthilfe und Stasi zwischen Ost und West. ISBN: 978-3-86153-855-4
- Michael Baade: Der Tod des Grenzsoldaten. Egon Schultz, der Tunnel und die Propagandalüge. ISBN: 978-3-86153-856-1
- Dietmar Arnold, Sven Felix Kellerhoff: Unter-irdisch in die Freiheit. Die Fluchttunnel von Berlin. ISBN 978-3-86153-854-7
Es gibt darüber hinaus online eine Karte zu Fluchttunneln. Sie ist vom Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin und von visuelle-archäologie.de erstellt worden.
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Der Beitrag ist auch im gedruckten Kiezmagazin „brunnen“ erschienen. Er ist in der Ausgabe enthalten, die im vierten Quartal 2016 erschienen ist. Weitere Beiträge aus dieser Ausgabe sind im Beitrag Neues Kiezmagazin: Bunt Gemischtes aus dem Brunnenviertel verlinkt.
Mehr Beiträge über die Stadtgärten im Wedding und in Gesundbrunnen sind auf der Seite Nachhaltigkeit im Wedding (Abschnitt „Urbanes Gärtnern“) zu finden.

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