Flakturm im Humboldthain: Freiheit auf Stahlbeton

Während der Pandemie strömen die Berliner:innen in Ermangelung anderer Freizeitaktivitäten zahlreich in die Parks der Stadt – so auch im Brunnenviertel. York Albrecht hat für uns auf dem Flakturm im Humboldthain einige Beobachtungen angestellt.

Auf dem Flakturm im Humboldthain. Foto: York Albrecht
Auf dem Flakturm im Humboldthain. Foto: York Albrecht

Kalter Wind zischt über 190.000 Tonnen Stahlbeton. Es ist knapp unter null Grad, gestern hat es noch einmal geschneit. Eine dünne Schicht bedeckt die Aussichtsplattform des Flakbunkers im Humboldthain. An vielen Stellen ist der Schnee plattgetreten und rutschig von den Schuhpaaren vieler Spaziergänger:innen. Während manche vorsichtig in Pinguinmanier über die glatten Stellen staksen, genießen Abenteuerlustigere eine kurze Schlitterpartie. Von unten ist der Verkehrslärm der Brunnenstraße zu hören, Motoren dröhnen. Alle paar Minuten rattert die S-Bahn über die Gleise vorm Gesundbrunnen. Die Luft ist klar und riecht so neutral, wie es nur bei Kälte geht.

Der Flakturm ist ein beliebtes Ausflugsziel für Berliner:innen. Auch an diesem Samstag sind trotz der niedrigen Temperaturen zahlreiche Spaziergänger:innen auf den Turm gelaufen – trotz oder gerade wegen der Pandemie? Mal rauskommen aus dem Homeoffice, sich bewegen und Platz zum Durchatmen haben: Das sind gute Gründe, die rutschigen Serpentinen oder glatten Treppenstufen hoch zur Turmspitze zu erklimmen.

Flakturm im Humboldthain mit Berliner Panorama

Die Geschichte des Betonklotzes in Kurzform: 1942 unter Einsatz zahlreicher Zwangsarbeiter:innen fertiggestellt, 70 Meter in Länge und Breite, 40 in der Höhe. Während des Krieges militärisch eher unbedeutend, da die Alliierten ihre Angriffe aus größerer Höhe flogen, stattdessen dringend benötigter Schutzraum für die Zivilbevölkerung. Nach Kriegsende die Sprengung und Aufschüttung mit Trümmerschutt.

76 Jahre später bietet der Flakturm eines der spannendsten Panoramen Berlins. Im Norden ragen die Hochhäuser des Märkischen Viertels empor, davor das Häusermeer des Weddings und der angrenzenden Bezirke. In südwestlicher Richtung schweift der Blick über die Kuppeln Berliner Wahrzeichen: in der Ferne die Abhörstation auf dem Teufelsberg, dann die Glaskonstruktion des Bundestags und schließlich die oxidierte Bronze des Doms. Kaum jemand kann sich diesen verlockenden Fotomotiven entziehen. Kurz nacheinander fotografieren zwei junge Männer mit Kopfhörern den Ausblick Richtung Norden. Ein Familienvater trägt seine Kamera mit Teleobjektiv um den Hals und knipst abwechselnd seine Kinder und die Weite.

Hier trifft sich das vielfältige Berlin

Der Flakturm im Humboldthain präsentiert beispielhaft die Vielfalt des modernen Berlins. Wer eine Weile zuhört, erkennt neben deutschen Sätzen Unterhaltungen auf Englisch, Türkisch oder Polnisch. Der Familienvater mit der Kamera spricht schnelles Polnisch mit seinen Kindern und perfektes Englisch mit seiner Begleitung. Ein anderer Mann mit lauter Stimme erzählt in US-amerikanischem Englisch von seiner aktuellen Diät, er habe nun einen Ernährungsberater, da das Abnehmen auf eigene Faust zu schwierig sei. Ein junges Mädchen will an den Armen seiner Großeltern nach vorne schwingen, aber Oma und Opa ist das auf der glatten Schneedecke zu rutschig. Eine Frau dirigiert ihre Familie vor ein geeignetes Fotomotiv und bemerkt dazu nicht ohne Ironie: „Immer dieses Berlinerische mit dem Graffiti im Hintergrund!“

Auf dem Flakturm im Humboldthain. Fotos (5): York Albrecht

Eine Gruppe junger Leute Mitte 20 feiert einen Geburtstag mit Abstand, aus mitgebrachten Einmachgläsern stoßen sie mit Sekt-O-Saft-Mischung an und singen dabei „Happy Birthday“ von Stevie Wonder. Zwei Kiffer sitzen ein paar Meter entfernt und hören Hip-Hop übers Handy, der süßliche Grasgeruch zieht durch die kalte Luft. Andere Besucher*innen nutzen einen Spaziergang auf dem Bunkerberg, um trotz Pandemie Freundschaften zu pflegen. „Abrissgenehmigung“, oder „Abmahnung“ sind Gesprächsfetzen, die aufgeschrieben eigentlich zu deutsch klingen, um wahr zu sein.

Begegnungsort im Humboldthain

Apropos Pandemie: Masken sind hier unter freiem Himmel nur in wenigen Gesichtern zu sehen. Und wenn, dann sind es OP-Masken. Vorm Eingang in den Flakturm, die der Verein „Berliner Unterwelten“ normalerweise für Führungen nutzt, liegt ein blassblauer Mundschutz im Schneematsch. Daneben fällt der Blick über die Kante auf Sportbegeisterte, die trotz der eisigen Temperaturen die Nordwand des Turms erklimmen. Ein paar Schritte weiter liegen Dönerreste auf der Brüstung, die deren Besitzer wahrscheinlich zu wenig nach Fleisch und zu viel nach Gemüse geschmeckt haben. Sicher erfreuen sich daran die Amseln, die nach Futter am Boden picken.

Aus der Nazi-Gigantonomie im Humboldthain ist ein Begegnungsort geworden, der die Augen öffnet für das, was nach der Pandemie kommt: Vorfreude auf das öffentliche Leben, Begegnungen und Kontakt statt Misstrauen gegenüber Menschenansammlungen und Maskenverweigerern. Und Vorfreude darauf, die Stadt vor der eigenen Wohnungstür neu zu entdecken – gerne auch beim Spazieren direkt um die Ecke mit Blick auf die Weite unserer Stadt.

Text und Fotos: York Albrecht

Weiterlesen

Ein weiterer Text über den Aussichtspunkt am Gesundbrunnen ist unter der Überschrift „Das Gebirge des Brunnenviertels“ erschienen.

Der Text ist auch im gedruckten Kiezmagazin „Fit für den Frühling“ enthalten, das im März 2021 erschienen ist. Weitere Beiträge aus dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neues Heft: Fit für den Frühling“ gesammelt und verlinkt.

📍 Kiez: ,

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Brunnenmagazin

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen