Die historische Aufnahme mit den Gören und Steppkes in bester Sonntagskleidung entstand vermutlich an einem schönen Sommertag um 1910 auf dem Vinetaplatz im Rahmen der Ansichtskartenserie „Berliner Typen“. Die schattenspendenden Bäume verdecken größtenteils die einst vielfältige Bebauung am Platzrand, sodass ein Foto vom heutigen Spielplatz zur Wolliner Straße gegenübergestellt wird.


Mit Buddelsand auf der Schippe und Grundwasser im Eimer von einer Schwengelpumpe am Straßenrand des südlichen Platzes, an der Swinemünder Straße oder nahen Wolliner Straße geholt, entstanden fantastische Welten aus Eierpampe. Am Ende des Tages war Mudda sicherlich nicht begeistert, wenn die schmutzige Kledage in den großen Zuber zum Vorweichen musste. Dann holte sie Brennmaterial aus dem Keller und entzündete es in der Kochmaschine der Küche. Darauf wurde im Stahltopf die Wäsche unter Zugabe von Seifenpulver mittels eines übergroßen Holzlöffels kräftezehrend ständig gerührt und danach meist in einem weiteren Zuber ausgespült.
Nach Feierabend lieber in die Destille
Zum Trocknen musste die Wäsche auf den Dachboden geschleppt und auf gespannte Leinen mit Klammern aufgehängt werden. Dies tat man, um der Schwarzschimmelbildung in den damals meist schlecht beheizten Wohnungen vorzubeugen. Zum Unmut des Nachwuchses wurde der nacheinander im letzten Spülwasser gebadet, was dann die Mudda erfreute, ersparte sie sich weitere Mühen. Im heutigen Zeitalter mit Waschmaschine, Trockner und Bad in den Häuslichkeiten kann man sich solche Umstände kaum noch vorstellen. Aber auch der Vadder hätte sich seinerzeit einbringen können, doch er war meist mit seiner schweren Tätigkeit bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von durchschnittlich 57,3 Stunden, auch samstags, beschäftigt. Eher erholte er sich nach Feierabend bei einer kühlen Molle in der Destille.
Nach dem Flächenabriss und der Neubebauung Ende der 1970er Jahre um den Vinetaplatz wurde das umlaufende öffentliche Straßenland miteinbezogen und zu einer verkehrsberuhigten großen Grünanlage mit zwei Spielplätzen umgestaltet. Sogar die beiden Standorte der Straßenbrunnen sich erhalten und dienen der netzunabhängigen Notfallversorgung der Bevölkerung mit Trink- und Löschwasser.
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Weitere historische Aufnahmen aus dem Brunnenviertel im Vergleich mit aktuellen Vergleichsfotos von Ralf Schmiedecke gibt es hier: Gestern & heute
Der Text ist im gedruckten Kiezmagazin enthalten, das im Juni 2023 erschienen ist. Weitere Beiträge dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neues Kiezmagazin: Sommer unterm Baum“ gesammelt und verlinkt.

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