Meinung. Der Bahnhof Gesundbrunnen ist einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte Berlins. Täglich halten hier Regional- und Fernzüge, doch wer ihn betritt, merkt schnell: Seine zentrale Bedeutung zeigt sich kaum. Statt eines repräsentativen Bahnhofsgebäudes gibt es Beton, einige Geschäfte und einen offenen Platz – ein Verkehrsknotenpunkt, der im Stadtbild fast unsichtbar bleibt. Eine Stadtkritik.

Preisklasse 1 – aber kein Empfang
21 ihrer 5400 Bahnhöfe hat die Deutsche Bahn in die Preisklasse 1 eingestuft. Züge, die am Gesundbrunnen halten, müssen ordentlich blechen. 20 Euro müssen Regionalzüge laut Preisliste für jeden Halt zahlen; Fernzüge müssen 50 Euro zahlen. Was bekommen die Bahnbetreiber dafür? Verkehrliche Bedeutung. Denn je wichtiger ein Bahnhof ist, desto teurer wird ein Stopp. Mit anderen Worten: Da der Gesundbrunnen in die Preisklasse 1 eingestuft ist, ist er aus Sicht der Bahn ein sehr bedeutender Bahnhof in Deutschland.
Ein Bahnhof als Durchzugskiosk
Sehen das die Stadtplaner auch so? Eher nicht. Der Eindruck ist, dass sich auch der Bahnhof Gesundbrunnen nicht richtig traut. Statt eines Bahnhofsgebäudes empfängt die Reisenden ein etwas zu groß geratener Kiosk. Obendrein ist er offen. Windig ist es hier. Wer nicht im Luftzug stehen will, hat die Wahl sich bei McDonalds oder an der Backtheke von denn’s die Beine zu vertreten. Ein Hauch von Warschauer Straße hat das Bahnhofsgebäude, wo man eilig zur Konzerthalle rennt, aber den Bahnhof selbst für nichts weiter als Unterstand für die Filiale von Backwerk braucht.
Ein Platz ohne Platz
Auch das Umfeld am Zentralbahnhof Gesundbrunnen ist wenig urban. Der großzügige Hanne-Sobek-Platz böte viel Luft für einen weiträumigen Taxistand. Doch die Freifläche wurde mit einem Parkplatz belegt, der keinem Autofahrer nützt. Denn alle Parkplätze sind stets belegt, weshalb die Kiss-Ride-Fahrer mehrere Runden im Kreis drehen, bis sie an der Bushaltestelle stoppen. Womit der Bus behindert wird, der sich auch ohne die Blockierer abmüht, durch die engen Lücken zu manövrieren. Und über dem ganzen Chaos zieht ein Schwarm Tauben seine Kreise, gefüttert von trauernden Tierfreunden.
Die Architektur der Bahnsteigeingänge soll an alte Zeiten erinnern. Allerdings steht dort, wo einst das Empfangsgebäude des Bahnhofs stand (früher wurden Bahnreisende noch empfangen), heute das Gesundbrunnen-Center. Und als Gegenspieler auf der anderen Seite der Gleise gähnt das Kaufland gelangweilt vor sich hin.

Der große Entwurf, der nie kam
Wirft man einen Blick in den Ideenwettbewerb zur Gestaltung des Bahnhofsumfelds, dann springt ins Auge, dass die Stadtmacher im Jahre 1991 Großes vorhatten. Hochhäuser schlugen fast alle 30 der am Wettbewerb teilnehmenden Architekturbüros vor. Wirklich 30 Büros beteiligten sich? Ja, den Stadtplanern war damals klar, dass der Bahnhof Gesundbrunnen etwas anderes werden wird als der Bahnhof Wedding. Der Traum von Urbanität, der zumindest in den vergangenen Jahrzehnten für viele den Ausschlag gab, nach Berlin zu ziehen, hätte am Gesundbrunnen wahr werden können. Und die Büros wollten sich damit schmücken, dass sie die durchschlagende Idee für den Gesundbrunnen hatten.
Doch gewonnen hat ein Entwurf, der eben nicht den großen Wurf wagte, sondern das Vorgefundene pointieren wollte. Architekten sind eben manchmal Dichter. Doch so unaufgeregt der Siegerentwurf wirkt, so banal, dass er ein Parkhaus mit ein paar angeschlossenen Geschäften empfahl, war er dann auch wieder nicht. Er wünschte richtige Gebäude für die Behmstraße.
Eine zweite Chance für den Gesundbrunnen?
Nun steht an, dass das Kaufland abgerissen wird. Vielleicht ist jetzt der Moment gekommen, erneut einen städtebaulichen Wettbewerb zu beginnen? Immerhin ist der Block zwischen Bad- und Böttgerstraße bereits Sanierungsgebiet, damit sich das heute als Wohnwagenabstellplatz genutzte Areal entwickelt. Da könnte das Kauflandgelände einen Gegenpart bilden. Aber vielleicht braucht es auch keine hochfliegenden Pläne und Wettbewerbe, denn jede Veränderung wäre ein Fortschritt. Es gibt ja Urbanisten, die zweifeln, dass dieser von Menschenhand zerstörte Ort jemals wieder vom Stadtleben zurückerobert wird.
Dieser Text wurde von einem Menschen geschrieben.

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