Meinung. Nerds sprechen von Verkehrsknotenpunkten, wenn sie jene Haltestellen meinen, an denen jeder vorbeikommt. Einer dieser Knotenpunkte liegt mitten im Wedding: der Leopoldplatz. Täglich steigen hier Hunderttausende um – und doch wirkt der Ort, als wolle er seine Bedeutung lieber verstecken. Eine Stadtkritik.
Buchkritiken und Stadtkritiken haben eines gemeinsam: Der Leser will wissen, ob sich der besprochene Gegenstand lohnt. Soll ich das Buch kaufen? Soll ich den Ort aufsuchen? Eine Stadtrezension des Knotens Leopoldplatz muss bekennen: Hier haben die Stadtentwickler sich bemüht und ein Wille zur Gestaltung ist erkennbar. In einem Zeugnis ist dieser Satz vernichtend.

Ein Bahnhof, der sich nicht zeigt
Wer zum ersten Mal zum Leopoldplatz kommt, der sieht eine Menge, aber keinen Bahnhof. Dabei ist der Leo ein wichtiger Umsteigehalt im U-Bahnnetz. Denn immerhin gehören die U6 und die U9 mit mehreren Hunderttausend Passagieren pro Tag zu den intensiv genutzten Linien in Berlin. Dennoch versteckt sich der U-Bahnhof, so als ob er sich nicht trauen würde, seine Bedeutung zu zeigen.
Unsichtbare Wege in die Tiefe
Man könnte einwenden, dass es U-Bahnstationen in der Regel an sich haben, unsichtbar unter der Erde zu liegen. Doch am Leo sind selbst die Zugänge zur Station verschämt kaschiert. Sie sind in Hauseingänge eingefügt oder – noch irritierender – von einem Imbiss überbaut. Nur wer sich genau umsieht, entdeckt irgendwo einen Leuchtkasten, auf dem ein weißes U auf blauem Grund einen Hinweis gibt. Klar, nicht jeder U-Bahnhof sollte wie der Wittenbergplatz über ein Schloss verfügen, das nichts weiter tut, als Zugang zum unterirdischen Tempomacher anzuzeigen. Aber ein bisschen Stolz und Pracht wäre schon denkbar.
Understatement als Planungskonzept
Wahrlich, am Leo stellt sich die U-Bahn nicht in den Weg. In lobende Worte gekleidet: Wie ein gut ausgebildeter Butler verrichtet sie unbemerkt ihren Dienst. Dennoch: Wenn man so auf dem Leopoldplatz steht und vom Lärm der Müllerstraße eingehüllt wird, versteht man, warum manche Leute sich fragen, warum die Stadtbauer nicht genauso viel Mühe darauf verwandten, auch den Autoverkehr unsichtbar (und unhörbar) zu machen.

Der Busknoten ohne Knotenpunkt
Auch der Busknotenpunkt Leopoldplatz wurde von den Dekorateuren der Stadt aus der Sichtachse genommen. Sechs Linien (von Linie 120 bis 327) machen hier Station. Es gibt Orte in Deutschland, in denen die Verantwortlichen bei weit weniger als 40 Busabfahrten pro Stunde einen prächtigen Busbahnhof mit mehreren Steigen bauen. Doch Understatement ist das Motto, das Verkehrsplaner für den Leopoldplatz gewählt haben. Wozu einen kompletten Busbahnhof, wenn es ein einfaches Haltestellenschild auch tut? An diesem Treffpunkt der Busse haben die Verkehrsexperten den Reisenden ein einzelnes Wartehäuschen, das einsam im Wind friert, gegönnt.
Was soll man hier eigentlich sehen?
Eine Frage drängt sich auf: Wenn man die Öffis nicht sehen soll, worauf soll nach Meinung der Stadtplaner der Blick sich dann richten? Ernstgemeinte Zuschriften bitte an die Redaktion.
Offenbar nicht vertuschen ließ sich, dass zu einer Haltestelle auch Busse gehören. In der Schulstraße warten die gelben Sammelfahrzeuge der BVG auf ihren Einsatz. Manchmal scheinen sie mit den Rädern zu scharren, wie bei Penny an der Kasse die Leute mit den Füßen. Manchmal wirken sie wie eingeschlafen, wie die Zehntklässler an der Mauergedenkstätte beim Vortrag ihres Lehrers über Mauertote.
Busse in Wartestellung
Aber zurück zur Schulstraße, dem Tummelplatz der BVG-Busse, die dort warten, bis sie sich mit den am Leopoldplatz wartenden Fahrgästen den Bauch füllen. Die kurzen und langen Gelben (die großen Gelben sind selten geworden) sind das einzige Anzeichen dafür, dass der Leopoldplatz auch ein Ort des öffentlichen Verkehrs ist. Allerdings sind die vom Leo aus erreichbaren Ziele bescheiden. Die U-Bahn fährt zum Zoo, wo man von der nächsten Luxusreise in den Dschungel oder das Schnorchelparadies träumen kann. Und sie fährt nach Tegel, wo sich Reinickendorfer auf der Greenwichpromenade nach London sehnen. Und die Busse steuern Ziele an wie die Rehberge oder Schönholz. Oder sie sind brave Zubringer zum größten Berliner Knotenpunkt, dem Hauptbahnhof.
Der Leopoldplatz funktioniert – aber er erzählt nichts über sich selbst. Ein Verkehrsknoten, der sich aus dem Stadtbild zurückzieht, statt es zu prägen.
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