Verkehrsknotenpunkt: der unsichtbare Leopoldplatz

Meinung. Nerds sprechen von Verkehrsknotenpunkten, wenn sie jene Haltestellen meinen, an denen jeder vorbeikommt. Einer dieser Knotenpunkte liegt mitten im Wedding: der Leopoldplatz. Täglich steigen hier Hunderttausende um – und doch wirkt der Ort, als wolle er seine Bedeutung lieber verstecken. Eine Stadtkritik.

Buchkritiken und Stadtkritiken haben eines gemeinsam: Der Leser will wissen, ob sich der besprochene Gegenstand lohnt. Soll ich das Buch kaufen? Soll ich den Ort aufsuchen? Eine Stadtrezension des Knotens Leopoldplatz muss bekennen: Hier haben die Stadtentwickler sich bemüht und ein Wille zur Gestaltung ist erkennbar. In einem Zeugnis ist dieser Satz vernichtend.

Bus
Linie 327 ist eine von sechs, die am Leopoldplatz halten. Foto: Andrei Schnell

Ein Bahnhof, der sich nicht zeigt

Wer zum ersten Mal zum Leopoldplatz kommt, der sieht eine Menge, aber keinen Bahnhof. Dabei ist der Leo ein wichtiger Umsteigehalt im U-Bahnnetz. Denn immerhin gehören die U6 und die U9 mit mehreren Hunderttausend Passagieren pro Tag zu den intensiv genutzten Linien in Berlin. Dennoch versteckt sich der U-Bahnhof, so als ob er sich nicht trauen würde, seine Bedeutung zu zeigen.

Unsichtbare Wege in die Tiefe

Man könnte einwenden, dass es U-Bahnstationen in der Regel an sich haben, unsichtbar unter der Erde zu liegen. Doch am Leo sind selbst die Zugänge zur Station verschämt kaschiert. Sie sind in Hauseingänge eingefügt oder – noch irritierender – von einem Imbiss überbaut. Nur wer sich genau umsieht, entdeckt irgendwo einen Leuchtkasten, auf dem ein weißes U auf blauem Grund einen Hinweis gibt. Klar, nicht jeder U-Bahnhof sollte wie der Wittenbergplatz über ein Schloss verfügen, das nichts weiter tut, als Zugang zum unterirdischen Tempomacher anzuzeigen. Aber ein bisschen Stolz und Pracht wäre schon denkbar.

Understatement als Planungskonzept

Wahrlich, am Leo stellt sich die U-Bahn nicht in den Weg. In lobende Worte gekleidet: Wie ein gut ausgebildeter Butler verrichtet sie unbemerkt ihren Dienst. Dennoch: Wenn man so auf dem Leopoldplatz steht und vom Lärm der Müllerstraße eingehüllt wird, versteht man, warum manche Leute sich fragen, warum die Stadtbauer nicht genauso viel Mühe darauf verwandten, auch den Autoverkehr unsichtbar (und unhörbar) zu machen.

Haltestelle Leopoldplatz
U-Bahn macht Platz – aber wofür eigentlich? Foto: Andrei Schnell

Der Busknoten ohne Knotenpunkt

Auch der Busknotenpunkt Leopoldplatz wurde von den Dekorateuren der Stadt aus der Sichtachse genommen. Sechs Linien (von Linie 120 bis 327) machen hier Station. Es gibt Orte in Deutschland, in denen die Verantwortlichen bei weit weniger als 40 Busabfahrten pro Stunde einen prächtigen Busbahnhof mit mehreren Steigen bauen. Doch Understatement ist das Motto, das Verkehrsplaner für den Leopoldplatz gewählt haben. Wozu einen kompletten Busbahnhof, wenn es ein einfaches Haltestellenschild auch tut? An diesem Treffpunkt der Busse haben die Verkehrsexperten den Reisenden ein einzelnes Wartehäuschen, das einsam im Wind friert, gegönnt.

Was soll man hier eigentlich sehen?

Eine Frage drängt sich auf: Wenn man die Öffis nicht sehen soll, worauf soll nach Meinung der Stadtplaner der Blick sich dann richten? Ernstgemeinte Zuschriften bitte an die Redaktion.

Offenbar nicht vertuschen ließ sich, dass zu einer Haltestelle auch Busse gehören. In der Schulstraße warten die gelben Sammelfahrzeuge der BVG auf ihren Einsatz. Manchmal scheinen sie mit den Rädern zu scharren, wie bei Penny an der Kasse die Leute mit den Füßen. Manchmal wirken sie wie eingeschlafen, wie die Zehntklässler an der Mauergedenkstätte beim Vortrag ihres Lehrers über Mauertote.

Busse in Wartestellung

Aber zurück zur Schulstraße, dem Tummelplatz der BVG-Busse, die dort warten, bis sie sich mit den am Leopoldplatz wartenden Fahrgästen den Bauch füllen. Die kurzen und langen Gelben (die großen Gelben sind selten geworden) sind das einzige Anzeichen dafür, dass der Leopoldplatz auch ein Ort des öffentlichen Verkehrs ist. Allerdings sind die vom Leo aus erreichbaren Ziele bescheiden. Die U-Bahn fährt zum Zoo, wo man von der nächsten Luxusreise in den Dschungel oder das Schnorchelparadies träumen kann. Und sie fährt nach Tegel, wo sich Reinickendorfer auf der Greenwichpromenade nach London sehnen. Und die Busse steuern Ziele an wie die Rehberge oder Schönholz. Oder sie sind brave Zubringer zum größten Berliner Knotenpunkt, dem Hauptbahnhof.

Der Leopoldplatz funktioniert – aber er erzählt nichts über sich selbst. Ein Verkehrsknoten, der sich aus dem Stadtbild zurückzieht, statt es zu prägen.

Dieser Text wurde von einem Menschen geschrieben.

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Kommentare

  1. Avatar von Renate Straetling

    Ein zweites Bus-Wartehäuschen wäre sehr hilfreich für die vielen oft älteren Weddinger Fahrgäste, die doch trotz vieler Linien und kurzer Bustakte und digitaler Anzeige von Daisy bei Wind und Wetter und Hitze ausharren müssen.

    Ich wohne in der Nähe des Leopoldplatz, und mir ergeht es umgekehrt. Mir gefällt es sehr, dass sich der Öffi unprätentiös und zurückhaltend integriert in diese Weite des Platzes, die nicht nur bis zur Schinkelkirche reicht, sondern auch den freien Platz vor Jobcenter und Rathaus nebst der schönen runden Bank um die Pappeln mit einschließt.

    In welchem Baustil könnte man hier eine Burg für den Eingang zur U-Bahn oder ein Schloss für wohl temperierte Wartehäuschen erstellen, um das Ensemble nicht zu entstellen oder zu überladen? Ist schon gut so.

    1. Avatar von Andrei Schnell

      Guten Morgen Renate, passen würde 60er-Jahre-Moderne. Aber ob die noch jemand kann? Aber wie du schon sagst, irgendwie friert man, wenn man auf den Bus wartet. Viele Grüße, Andrei.

  2. Avatar von Rolf

    Lieber Andrei, vielleicht hast du den geheimen Plan des Bezirkes für den Leo noch nicht erkannt: Es soll eine moderne Ruinenlandschaft werden. Nicht ganz so romantisch wie die, die im Park von Sanssouci aufgebaut ist, aber immerhin. Auf der gegenüberliegenden Seite ist schon angefangen worden: Der leerstehende „Old Style“-Pavillon, daneben die Ruine der ehemaligen Bank, die sich seit Jahren als Baustelle tarnt. Dann natürlich ganz groß die Ruine von Karstadt mit den grünen Netzen gegen herabfallende Trümmer. Da ist schon eine gezielte Gestaltung zu erkennen.

    1. Avatar von Andrei Schnell

      Wenn da bloß nicht immer die wären, die alles missverstehen wollen. War der Imbiß nicht so passend demoliert worden? Aber nein, musste ja wieder hergerichtet werden.

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