Vom Glück des Mehrmachens

Mehr machen, statt nur durch den Tag zu kommen: Andrei Schnell erzählt, warum Zusatzwege oft schon früh beginnen – und weshalb freiwillige Aufgaben nicht belasten müssen, sondern glücklich machen können.

Andrei Schnell wurde für die Engagement-Ausstellung "Menschen, die was tun" fotografiert. Foto: Sulamith Sallmann
Andrei Schnell wurde für die Engagement-Ausstellung „Menschen, die was tun“ fotografiert. Foto: Sulamith Sallmann

Manche entscheidenden Weichen, vielleicht sogar die meisten, werden früh im Leben gestellt. Bei mir war es in der fünften Klasse. Meine Deutschlehrerin bot mir an, mit mir Gedichte zu lernen. Nach der Schule. Abends. An einem Ort außerhalb der Schule. Aus meiner damaligen Sicht als Zehnjähriger fragte sie mich also, ob ich nach der Schule noch ein wenig Schule machen wollte. Ich sagte sofort Ja. Warum, das kann ich gar nicht mehr sagen. Hat vielleicht mit Vertrauen zu tun.

Zur Erklärung, für Menschen, die vergessen haben, was Vertrauen ist: Es ist die unbegründete Annahme, dass andere Menschen nicht den eigenen, sondern deinen Vorteil im Sinn haben. Eine Annahme, zu der heutzutage nur wenige Menschen den Mut haben.

Die erste Zusatzstunde

Jedenfalls war es so, dass ich von diesem Tag an ein Jahr lang Gedichte auswendig lernte und sie bei Wettbewerben vortrug. Danach kamen in meiner Kindheit und Jugend viele weitere Zusatzaufgaben.

So wollte ich einmal lernen, wie man Computer programmiert und ging dafür in einen speziellen Club. Leider setzte sich die Fraktion durch, die mehr spielen und nicht mehr machen wollte. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits das Glück des Mehrmachens kennengelernt, sodass mir das Zocken nichts gab.

Mehrmachen ist keine Mehrarbeit

Warum ich vom Glück des Mehrmachens spreche? Zum einen, weil ich es nie als Mehrarbeit empfunden habe, sondern als sinnvolles Nutzen des Tages. Wenn sich andere nach einem halben Schultag lieber überlegten, wie sie die Zeit rumbringen können, hatte ich immer (meist) von ganz allein etwas zu tun.

Ich spreche nicht davon, dass dem Chef einfällt, dass nach einem Acht-Stunden-Tag noch ein paar Überstunden drin sein könnten. Ich meine, dass nach einer Vier-Tage-Woche durchaus Zeit für einen VHS-Kurs ist. Zum Beispiel. Ist doch besser als sich im Handy zu verlieren.

Auch das ist Ehrenamt: Andrei beim Waffelbacken beim Kiezfest im Brunnenviertel.
Auch das ist Ehrenamt: Andrei beim Waffelbacken beim Kiezfest im Brunnenviertel. Vor lauter Engagement hat er glatt das Lächeln vergessen. Foto: Hensel

Glückshormone und Brownies

Und ein Glück war es immer, weil tatsächlich Glückshormone ausgeschüttet werden. Etwa als ich als Student freiwillig Schichten im Studentencafé übernahm und dann der Erste war, der vom Backteam die frischen Brownies übernahm: ofenwarm.

Aber auch wenn gerade keine Brownielieferung anstand, war es eigentlich immer schön, die anderen zu treffen. Alle wussten, wann ich da war, und so konnte ich, sitzend im Kommen und Gehen der anderen, Hof halten.

Schreiben ohne Bezahlung

Jetzt schreibe ich ehrenamtlich für das Brunnenmagazin. Wieder ein Mehrmachen, denn ich schreibe auch Texte, für die ich bezahlt werde. Doch warum sollte ich aufhören zu schreiben, nur weil der Welt das Geld ausgeht?

Das wäre, als würde ich mich nur 17 Stunden im Monat um meine Kinder kümmern, weil dann bei einem Stundensatz von 15 Euro pro Stunde das Kindergeld aufgebraucht ist. Das Glück fängt ja erst an, wenn man mehr macht.

Kleinigkeiten zwischendurch: Andrei beim Verteilen des Kiezmagazins (2018).
Kleinigkeiten zwischendurch: Andrei beim Verteilen des Kiezmagazins (2018). Foto: Hensel

Über Andreis Engagement

Autor Andrei Schnell schreibt nicht nur ehrenamtlich fürs Brunnenmagazin. Er ist auch Vorstand beim Brunnenviertel e.V, dem Stadtteilverein im Brunnenviertel. Viele Stunden hat er in den zurückliegenden Wochen ehrenamtlich auf die Organisation des Kiezfestes im Brunnenviertel verwendet, das am 6. Juni am Vinetaplatz stattfindet.

Hinweis: Dieser Text entstand im Rahmen des Projekts „Mehr Teilhabe in der Stadtgesellschaft“ von Kubik e.V. Das Brunnenmagazin ist Medienpartner dieses Projekts.

📍 Kiez: ,

Kommentare

  1. Avatar von Ulrich Davids

    Ein „Mehrmachen“ neben der Schule, der Ausbildung, des Studiums und der Arbeit macht Glücklich, erweitert den eigenen Horizont, bringt Kontakte und prägt echt für das Leben. Ich glaube auch fest daran das ein jeder Mensch ein freiwilliges „Mehrmachen“ kann. Einfach mal überlegen wo kann ich mit meinen Eigenschaften etwas tun. Zeit schenken und sich dabei wohlfühlen – das vielleicht nur für 2-3 Stunden in der Woche. Danke Andrei für diesen Denkanstoß und ich freue mich auf ein weiteres „Mehrmachen“ mit Dir und anderen uns unserem Kiez und darüber hinaus.

  2. Avatar von Rolf

    Lieber Andrei, da bin ich ja froh, dass du dich gestern nach dem Mehrmachen in den Zwischenwelten auch mal zu einer halben Stunden Nichtsmachen in der Eisdiele hast überreden hast lassen.
    Grüße
    Rolf

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