Seit Jahrzehnten lebt Kerem Derin im Wedding – und fand durch ein Ehrenamtsprojekt nicht nur neue Begegnungen, sondern auch den Mut, erstmals als Dichter aufzutreten. Ein persönlicher Bericht darüber, wie Engagement Türen öffnen kann.
Einen der schönsten Tage meines Lebens habe ich dem Ehrenamt zu verdanken.
Ich bin Teil des Projekts „Ehrenamt – Mehr Teilhabe in der Stadtgesellschaft“, weil ich fest daran glaube, dass jeder Mensch Verantwortung für die Gesellschaft trägt, in der er lebt – gegenüber Mitmenschen, Tieren und der Natur. Ich finde es nicht richtig, alles vom Staat zu erwarten und nur die Mängel zu kritisieren. Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen, aber wir Bürgerinnen und Bürger sind gefragt, sie mit Leben zu füllen. Für mich ist es selbstverständlich, meinen Beitrag zu leisten.

Ein Weddinger erzählt
Deshalb war es für mich ganz natürlich, vor den Sommerferien an einer Führung des Brunnenviertel e.V. mitzuwirken und meine Perspektive als Weddinger mit Migrationsgeschichte zu teilen. Ich lebe seit 1973 im Wedding – ich habe viel gesehen und erlebt, und dieser Kiez prägt mich bis heute.
Während der Führung lernte ich Andrei kennen, der das Programm organisiert hat. Zunächst führte er uns durch das Brunnenviertel und berichtete über die frühen Jahre des Stadtteils. Anschließend trafen wir uns mit einer Gruppe von etwa 20 bis 25 Teilnehmerinnen (überwiegend Frauen) im Olof-Palme-Zentrum. Dort erzählte eine syrische Teilnehmerin ihre Ankunftsgeschichte, und auch ich berichtete, wie ich einst im Wedding angekommen bin.

Neue Begegnungen im Brunnenviertel
Einige Tage später rief mich Andrei (Schnell) an und sagte, dass meine Art zu erzählen bei den Teilnehmenden sehr gut angekommen sei. Kurz darauf nahm ich an einer Redaktionssitzung des Brunnenmagazins teil. Dort lernte ich Dominique und die ehrenamtlichen Bürgerredakteurinnen und -redakteure kennen. Die Atmosphäre war wertschätzend und herzlich – genau das hat mir besonders gefallen.
Ein Gedicht zum Jubiläum
In der Sitzung sprachen wir über die bevorstehende 10-Jahres-Feier des Magazins. Da ich seit meinem 17. Lebensjahr Gedichte schreibe, entstand die Idee, einen Beitrag zu leisten. Zwar schreibe ich erst seit Kurzem Gedichte auch auf Deutsch und war entsprechend unsicher, doch ich ließ mich ermutigen – und machte mich an die Arbeit.
Kurz darauf fragte mich Andrei, ob ich mir vorstellen könne, bei einer Abendveranstaltung aus meinem Leben zu erzählen und meine Gedichte vorzutragen. Ich sagte sofort zu.

Ein unvergesslicher Moment
Die Veranstaltung fand am 30. Oktober 2025 statt – dem Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens. Ich trat dort zum ersten Mal in meinem Leben als Dichter auf. Meine Familie, viele Freundinnen und Freunde sowie Menschen, die mich gar nicht kannten, hörten aufmerksam zu.
Es war ein einzigartiges Erlebnis, einer der schönsten Tage meines Lebens.
All das wäre nicht möglich gewesen ohne das Ehrenamtsprojekt von Kubik e.V., die Partnerschaft mit dem Brunnenviertel e.V. und die Unterstützung der Bürgerredaktion. Dass dies Realität wurde, verdanke ich den vielen Ehrenamtlichen, die mich ermutigten, die Organisation übernahmen, die Texte von mir sammelten, ein kleines Buch daraus machten, mich begleiteten und meine Aufregung teilten.
Ich möchte ihnen allen von Herzen danken: Schön, dass es euch gibt!
Text: Kerem Derin

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