Im Fahrstuhl im Brunnenviertel: Zu verschenken

Zu verschenken hat in Berlin offenbar jeder jede Menge. Überall gibt es Kisten oder kleine Sammlungen am Straßenrand. Neulich habe ich in meinem Aufzug im Wohnhaus im Brunnenviertel sogar im Fahrstuhl milde Gaben gefunden. Was es nicht alles gibt!

Ein goldener Glitzerschuh im Fahrstuhl. Ein Geschenk? Foto: Hensel
Ein goldener Glitzerschuh im Fahrstuhl. Ein Geschenk? Foto: Hensel

Ich habe ein Trauma: Ich steige in keinen Fahrstuhl. Seitdem ich irgendwann in den 80ern diesen Film mit Götz George (”Abwärts”) gesehen habe, in dem der Elevator in aufreibenden 83 Filmminuten genüsslich abgestürzt wurde und die Akteure im Fahrstuhlschacht um ihr Leben kletterten, steige ich Treppen. Ich klettere zu Freunden in den 5. Stock (oder höher), ich warte unten, wenn Gäste die Aussicht vom Fernsehturm genießen. Ist ja überhaupt gesünder. Ich bin ja nicht faul. Diese ganzen Schlaffies! Treppensteigen ist gut für die Venen.

Seit ich im Wedding wohne, bin ich keine Treppe mehr gestiegen. Jedenfalls nicht in meinem Haus. Der Grund ist einfach: die Neugier ist größer. Der Fahrstuhl in meinem Haus ist nämlich eine Schatzkiste. Ich rufe ihn manchmal einfach nur, um zu sehen, was der große Ozean heute vor meine Füße spült. Neulich zum Beispiel war es ein große Kiste mit Videos. “Zu verschenken” stand in zittrigen Buchstaben drauf.

Am ersten Tag traute ich mich noch nicht, mir den Inhalt anzusehen. Am zweiten stöberte ich ungeniert zwischen den gesammelten Aufzeichnungen eines ehemalige Videomanics. Am Ende habe ich keine Kassette in meine Sammlung aufgenommen, zu beliebig war der Geschmack des Spenders. Wie ein Spielfilmabend auf SAT.1. Aber die Idee begeisterte mich: Meine Nachbarn werfen ihr Hab und Gut nicht einfach weg, sie schicken es mit dem Fahrstuhl in ein neues Leben.

Als der weiße Stöckelschuh auftauchte, wunderte ich mich schon nicht mehr. Zwei Tage lang fuhr er hoch und runter und ließ mich mehrmals am Tag darüber nachdenken, wie ein einzelner Damenschuh in einen Weddinger Fahrstuhl geraten ist. Ich habe keine plausible Antwort gefunden. Es war ein rechter Schuh mit Riemchen, Größe 38. Er passte mir nicht. Er fuhr hoch und runter, und dann hat ihn Aschenputtel plötzlich abgeholt.

Treppenhaus im Wedding. Foto: Hensel
Treppenhaus im Wedding. Foto: Hensel

Seit gestern hängt ein Zettel im Fahrstuhl. Ein Nachbar sucht einen Nachmieter für seine 2 2/2-Wohnung mit 92 Quadratmetern. Eine Wohnung mit Aufzug wohlbemerkt!

Der Fahrstuhl ist das heimliche Kommunikationszentrum des Hauses. Ein Ort der guten Gesten, ein Tauschmarkt, ein Plädoyer für Nächstenliebe, Faulheit (der Müllplatz ist echt weit weg), Recycling und französische (oder eher türkische?) Lebensart. Ich werde einen Teufel tun, die langweilige Treppe zu nehmen!

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–> Der Text stammt vom Blog Planet Wedding, der heute nicht mehr existiert. Mehr Texte von dieser Seite gibt es unter dem Schlagwort Planet Wedding

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