Simon Müller, Moritz Waser und Lenni Schönberg stellen gemeinsam Ingwerschnaps und Zimtschnaps her, der in einigen Berliner Bars, Clubs und online erhältlich ist. Das Hauptquartier ihrer Firma „Dezibel“ ist (noch) in der Brunnenstraße. Im Interview mit York Albrecht sprechen Simon und Moritz über die Auswirkungen der Pandemie auf ihr Geschäft, die Suche nach Gewerbeflächen im Wedding und die perfekte Schnaps-Rezeptur.

Bars und Clubs sind unter Auflagen wieder offen. Geht nach Monaten des Lockdowns auch die Nachfrage nach Schnaps wieder nach oben?
Moritz: Auf jeden Fall. Es war auch die einzige Möglichkeit, dass die wieder nach oben geht, weil im Winter gar nichts los war.
Simon: Wegen der Delta-Variante bleibt es aber eine Zitterpartie. Und viele Festivals sind abgesagt, sodass wir dort nicht einfach loslegen und die Gäste mit unserem Schnaps überzeugen können. Solange Corona so präsent ist, ist es hart.
Wie kamt ihr auf eure Schnapsidee?
Moritz: 2017 haben Lenni und ich viel Zeit auf dem Kunst- und Kulturfestival Wilde Möhre verbracht. Und wie es auf Festivals halt zugeht, ist da natürlich einerseits dieser Freiheitsgedanke sehr groß, andererseits merke ich zum Beispiel, wie viel Raum da auch für neue Ideen, Kreativität und Inspiration ist. Lenni hatte auch schon vorher mal Schnäpse angesetzt und verkostet. Das war ein Hobby von ihm und ich habe da total Potenzial gesehen. Deswegen haben wir zusammen an einer neuen Idee gefeilt. Sobald wir die ersten Resultate hatten, dachte ich an Simon, weil er schon immer Partys organisiert hat.
Wie viele eklige Schnäpse muss man trinken, bis einer dabei ist, bei dem die Rezeptur stimmt?
Moritz: Man möchte eigentlich denken, dass es viele sind. Aber dank der Vorerfahrung von Lenni war das überschaubar. Wir haben zwei oder drei Testläufe gemacht und dann noch einen wirklich heißen Tipp bekommen, wie die Infusion noch besser wird. Und dann standen wir plötzlich vor drei Versionen. Die erste war etwas zu süß, die zweite zu herb und die dritte Version war‘s dann. Wie die Produktion und alles, was damit zusammenhängt, funktioniert, das muss man dann natürlich auch noch herausfinden.
Zuerst habt ihr in gemieteten Catering-Küchen gearbeitet, seit 2019 im Coworking-Space Unicorn in der Brunnenstraße. Da soll bald renoviert werden – was bedeutet das für euch?
Simon: Das hängt wie ein Damoklesschwert über uns. Wir wissen nicht, ob wir wirklich Ende dieses Jahres raus müssen oder nicht, auch Unicorn weiß selbst noch nicht genau Bescheid. Es könnte entweder für die nächsten Jahre sicher sein oder wir müssen eben im Dezember raus.

Würdet ihr gerne im Wedding bleiben?
Simon: Auf jeden Fall! Im Wedding ist es aber auch sehr schwer. Wir gucken immer mal wieder auf der Straße, wenn eine Anzeige aushängt. Da hab ich auch mal Kontakt zu einer Anbieterin aufgenommen, aber danach nie wieder was gehört. Wenn man kein großes Budget hat, ist es eigentlich unmöglich. In den Osram-Höfen zum Beispiel beträgt die Miete ungefähr das Dreifache von dem, was wir uns leisten können. Wären wir ein Software-Start-up, wäre das vielleicht einfacher, weil wir dann viel weniger Platz bräuchten und nicht bestimmte Anforderungen wie einen Lastenaufzug hätten. Aber weil wir physisch arbeiten und hands-on große Sachen machen, sind wir nicht mehr zeitgemäß für den Wedding. Eigentlich müssten wir raus in die Außenbezirke Berlins, wenn wir wirklich Raum alleine haben wollen.
Was genau sind eure Anforderungen?
Simon: Wir brauchen eine Küche, eine Bürofläche und einen Lagerraum – alles entweder auf einer Ebene oder mit Lastenaufzug. Wenn wir tausend Flaschen in einer großen Palette geliefert bekommen, dann muss man das ja auch transportieren. Mit einer Treppe ist das einfach unmöglich. Das was am knappsten ist, brauchen wir am meisten, nämlich Platz.
Wenn ihr die Wahl hättet: Entweder sind eure Getränke in jedem Berliner Club vertreten oder sie stehen bei den großen Supermärkten im Regal. Was wäre euch lieber?
Moritz: Ersteres, ganz klar! Da muss ich keine Sekunde überlegen. Es muss nicht mal in jedem Berliner Club sein. Wir sind auch nicht so größenwahnsinnig, dass es überall nur noch Ingwerschnaps geben soll. Aber es ist natürlich schön, wenn man auch in den Läden vertreten ist, in die man selbst gerne geht.
Wenn ihr jetzt eine Person trefft, die keine von euren Schnäpsen kennt, was würdet ihr ihr empfehlen? Ingwer oder Zimt?
Simon: Ingwer!
Moritz: Ja, tatsächlich auch Ingwer. Neun von zehn Leuten mögen Ingwer und eine Person mag Zimt. Die Menschen, die beides nicht mögen, bekommen gute Worte und einen feuchten Händedruck (beide lachen).
Das Interview führte York Albrecht.
Wer einen passenden Gewerberaum für die drei Schnapsproduzenten kennt, meldet sich am besten per E-Mail unter simon@kultfluss.de bei Simon Müller. Mehr über die Firma gibt es auf deren Webseite (www.dezibel.berlin).
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Der Text ist auch im gedruckten Kiezmagazin „Mit der Kamera durch den Kiez“ enthalten, das im September 2021 erschienen ist. Weitere Beiträge aus dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neues Kiezmagazin: Mit der Kamera durch den Kiez“ gesammelt und verlinkt.

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