Jasmund? Im Kiez von der Ostsee träumen

Von der Jasmunder Straße aus wirft Beate Heyne einen sehnsüchtigen Blick nach Jasmund. Die Straße im Brunnenviertel ist nach der Gegend auf Rügen benannt – und nicht nur sie hat einen Ostsee-Namen.

An einem sonnigen Frühlingstag im April stehe ich vor der hohen Wand des AEG-Gebäudes in der Voltastraße und schaue die Jasmunder Straße hinab. Ob ihre Bewohner wohl wissen, woher ihr Name stammt? Fragen kann ich nicht, denn die Gehwege sind leer. Das mag an der aktuellen Lage liegen. Die Straße gehört aber auch eher zu den ruhigen Wohnstraßen im Viertel.

Das ist Jasmund: Blick zur Großen Stubbenkammer mit dem Königsstuhl. Foto: Beate Heyne
Blick zur Großen Stubbenkammer mit dem Königsstuhl. Foto: Beate Heyne

Straßen mit Ostseenamen

Die unmittelbaren Nachbarstraßen – die Usedomer, die Stralsunder – weisen namentlich nach Norden, an die Ostsee. So verhält es sich auch mit Jasmund. Sie ist eine der Halbinseln, die, im Nordosten gelegen, zusammen mit anderen die vielgestaltige Insel Rügen bildet. Der Name ist germanischen Ursprungs und geht auf den skandinavischen Personennamen Àsmundr zurück.

Und auch wenn Jasmund dem einen oder anderen nicht geläufig sein mag, die Kreidefelsen und die zum UNESCO-Weltnaturerbe gehörenden Buchenwälder des Nationalparks Jasmund werden doch vielen ein Begriff sein. Was aber verbindet Jasmund auf Rügen und die Straße hier, die seit dem 4. April 1895 so heißt? Im Jahr 1862 trat der von Regierungsbaumeister James Hobrecht für die Umgebung von Berlin entworfene Plan von Straßen und Plätzen und der dazugehörigen Kanalisation in Kraft – der Wedding samt dem heutigen Brunnenviertel war 1861 eingemeindet worden. In diesem Plan gab es die heutige Jasmunder Straße noch nicht.

Historischer Kartenausschnitt – Situation etwa um 1880. Die heutige Lage der Jasmunder Straße ist grün markiert. Fotos: Archiv Ralf Schmiedecke
Historischer Kartenausschnitt – Situation etwa um 1880. Die heutige Lage der Jasmunder Straße ist grün markiert. Fotos: Archiv Ralf Schmiedecke

Mit dem Fernzug nach Stralsund

Zunächst befand sich in Höhe der Jasmunder Straße der Berliner Viehmarkt, ein Schlachthof, der jedoch nach nur vier Jahren 1872 wieder schloss. In dem Jahr begann der Bau des Stettiner Bahnhofs (heute Nordbahnhof), von dem ab 1. Dezember 1877 die ersten Fernzüge der Berliner Nordbahn nach Stralsund fuhren. Der Kopfbahnhof war der Ausgangspunkt für die Reise nach Norden, an die Ostseeküste, nach Rügen, nach Jasmund.

Nachdem der Schlachthof jahrelang leer gestanden hatte, nahm das Viertel und damit auch die Jasmunder Straße, die zu dieser Zeit noch die Bezeichnung Str. Nr. 86b, Abt. IX des Bebauungsplanes trug, Gestalt an. Fünf- bis sechsgeschossige Mehrfamilienhäuser, wie sie für die Kaiserzeit typisch waren, als geschlossenes Quartier errichtet, gaben dem Viertel ein städtisches Gesicht.

Jasmunder Straße war früher lebhafter

Auf historischen Fotos sieht man, dass sie damals eine weitaus lebhaftere Straße als heute war: Es gab Lebensmittelläden, Bäcker, kleinere Handwerksbetriebe und einige Kneipen. Nur Straßenbäume hatte sie damals noch nicht. Den historischen Adressbüchern nach wohnten hier Arbeiter, Handwerker und Dienstleister mit ihren Familien. Von 1894 an entstanden oberhalb der Voltastraße die großen Fabrikgebäude auf dem AEG-Gelände – der Industriestandort wuchs rasant und das Gebiet entwickelte sich zum Arbeiterviertel.

Erinnerungen an Jasmund

Jetzt stehe ich mit geschlossenen Augen in der Jasmunder: kein Geruch, kein Geräusch ist da, das mich an die Ostsee, an Jasmund, eine Gegend, die ich seit Kindertagen kenne, erinnert. Die Eisenbahn war damals die einzige Verbindung zwischen hier und dort. Heute fahren die Züge vom Bahnhof Gesundbrunnen an die Küste. Würde ich hier wohnen, dann würde der Straßenname mich in Abständen daran erinnern, den Rucksack zu packen und die Wanderstiefel anzuziehen. So wie es mein Großvater 1925 tat, als er nach seinem Lehrabschluss zum Modelltischler mit einem Freund von Dresden aus für drei Monate auf Wanderschaft ging.

Jasmund auf Rügen auf einer Karte. Foto: OpenStreetMap
Jasmund auf Rügen auf einer Karte. Foto: OpenStreetMap

Blick ins Wandertagebuch

Anfang Juli erreichten mein Großvater und sein Reisebegleiter Stralsund und am 12. Juli auf Jasmund die Stubbenkammer, wie die unmittelbare Umgebung der Kreidefelsen heißt. Sie waren aufgeregt, in seinem Wandertagebuch schreibt mein Großvater: „Der nächste Morgen war voller Erwartungen. Wir sollten ja zum ersten Mal die See sehen. Der Brotbeutel wurde umgehangen, frisch und heiter ging es in den grünen Buchenwald hinein. Ein herrlicher Tag.

Die Vögel jubilierten in den Zweigen. Auf dem Waldboden spielten die Sonnenstrahlen. Der Wald trat plötzlich zurück. Vor uns lag still und ruhig das Wasser der Ostsee. Überwältigt von dieser Schönheit standen und schauten wir immer wieder über die blaue Fläche hin soweit, bis sich Himmel und Wasser zu einer Farbe verschmolzen… Segelschiffe zogen wie winziges Spielzeug vorüber. Bei den Wissower Klinken führte ein Weg zum Strand hinunter. Wir zogen unsere Sachen aus, tollten übermütig im Wasser umher, streckten uns auf einem Felsblock aus, der aus dem Wasser herausragte, und kuckten Löcher in den Himmel. Die ewige Melodie der Brandung sang uns das Schlummerlied…“

Natürlich muss man nicht in der Jasmunder Straße wohnen, um nach Jasmund fahren zu wollen. Bald wird es wieder möglich sein. Jede Jahreszeit ist schön. Schnell ist man dann in einer anderen Welt. Man hört das Rauschen der Wellen, riecht die salzige, feuchte Luft und hört die Möwen schreien. Und während die Wolken am Himmel entlangjagen, trägt die See jeden Tag ein anderes Blau. Gute Reise!

Lesetipps

Kleine Lektüren zur Einstimmung oder für unterwegs:

  • „Elisabeth auf Rügen“, Reiseroman von Elisabeth von Arnim
  • Anekdotisches Geschichtsbuch von Holger Teschke: „Rügen und Hiddensee“
  • „Rügen: Ein Lesebuch“ von Renate Seydel

Text: Beate Heyne, Fotos: Beate Heyne, Archiv Ralf Schmiedecke, OpenStreetMap

Weiterlesen

Der Text ist auch im gedruckten Kiezmagazin „Der Kiez hinter dem Blätterdach“ enthalten, das im Mai 2021 erschienen ist. Weitere Beiträge aus dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neues Kiezmagazin: Der Kiez hinter dem Blätterdach“ gesammelt und verlinkt.

📍 Kiez: ,

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Brunnenmagazin

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen