Als hätten sie sich abgesprochen: Bei zwei Kiezspaziergängen im Brunnenviertel ging es am Montag (19.5.) um ein Thema. Wie soll die Stadt sein? Im ersten Spaziergang wurden retrospektiv die Freiflächen- und Verkehrsplanung nach den 1960er und 1970er Jahren betrachtet. Unmittelbar danach ging es um eine perspektivische Planung: ein Kiezblock-Konzept für das westliche Brunnenviertel.

Der Kiezblock-Spaziergang
Der Spaziergang zum Kiezblockkonzept im westlichen Brunnenviertel begann mit der Frage nach der ganz aktuellen Entwicklung. Erst vor wenigen Tagen hatte der Senat dem Bezirk Mitte die Mittel für das Kiezblock-Projekt gestrichen. Der Beteiligungsspaziergang war mit vielen Plakaten im Kiez angekündigt worden. Trotzdem waren nun viele derer, die zum Gartenplatz gekommen waren, unsicher, ob die Veranstaltung überhaupt noch stattfindet. Die Planer:innen von gruppe f und STRATMO erklärten den etwa 30 Anwesenden die Haltung des Bezirksamts Mitte: Derzeit prüft der Bezirk die Auswirkungen des Finanzierungsstopps durch den Senat sowie ob und wie das Projekt weitergehen kann. So lange werde die Beteiligung fortgesetzt, die Meinungen und Vorschläge der Anwohnerinnen und Anwohner weiter aufgenommen und die Planung weitergeführt.


Nachdem das Planungsteam die ersten Ideen für das Gebiet zwischen Liesenbrücken, Nordbahnhofpark, Bernauer Straße und Brunnenstraße vorgestellt hatte, gab es viele Fragen und Verbesserungsideen. Grundsätzlich waren bei diesem Spaziergang alle, die sich äußerten, grundsätzlich für verkehrsberuhigende Maßnahmen in dem Gebiet. Das war ganz anders als beim Kiezbock-Spaziergang im östlichen Brunnenviertel eine Woche zuvor, wo es starke Diskussionen und auch grundsätzlich ablehnende Stimmen gab (Poller-Hasser und Kiezblock-Fans beim Spaziergang). Bei den einzelnen Maßnahmen für das Gebiet westlich der Brunnenstraße gab es aber durchaus verschiedene Meinungen. Die Planer nahmen alle Anregungen auf und notierten sie auf gelben Klebezetteln.



Mitgebracht hatten die Planer:innen ein Maßnahmenbündel von Zebrastreifen (Usedomer Straße, Hussitenstraße, Feldstraße), einer sicheren Kreuzung (Volta-/Wattstraße) und Verkehrslenkung durch Poller (Hussitenstraße/Max-Urich-Straße und Hussitenstraße/nahe Stralsunder Straße) sowie einer Schulzone in der Strelitzer Straße – nach Vorbild in der Singerstraße in Alt-Mitte. Hier knüpfen die Planer an bestehende Ideen an: einen gemeinsamen Campus der Ernst-Reuter-Schule und der Gustav-Falke-Schule über die Straße hinweg zu bilden. Schon früher war im Gespräch, die Strelitzer Straße wegen des Campus‘ für den Durchgangsverkehr zu schließen.
Als Unfallschwerpunkt, so erfuhren die Teilnehmenden, haben die Planer die Ecke Usedomer Straße und Hussitenstraße ausgemacht. Hier gebe es die meisten Unfälle und auch viel Verkehr, davon vermutlich viel Durchgangsverkehr (detailiierte zahlenmäßige Auswertung folgt). Die Zahlen wurde im März und April mittels einer Verkehrszählung ermittelt.

Grundsätzliche Ablehnung der Maßnahmen gab es bei diesem Spaziergang nicht. Im Detail gab es aber Änderungswünsche, die besser auf die Gegebenheiten vor Ort eingehen. So wünschten sich Teilnehmende, dass die Hussitenstraße nicht an der Stralsunder Straße mittels Pollern geschlossen wird, sondern direkt an der Bernauer Straße. So würde das Aufeinandertreffen des zahlenmäßig starken Radverkehrs in der Bernauer Straße mit den meist (unerlaubten) Linksabbiegern aus der Hussitenstraße beendet. Linksabbiegen ist an der Stelle zwar untersagt, werde aber überwiegend ignoriert. Auch die Abbiegesituation am Gartenplatz in die Gartenstraße müsse verbessert werden, so die Anwohner:innen. Weiterhin wurde eine Bordsteinabsenkung am Kreisverkehr an den Liesenbrücken zur Ackerstraße für Radfahrende angeregt. Idee um Idee fand ihren Weg auf einen gelben Klebezettel.
Die Vorschläge werden, so das Planungsteam, nun aufgenommen und gewichtet. Das Grobkonzept für den Kiezblock wird dann weiterentwickelt. Im Anschluss, vermutlich im Juni, soll es dann eine zweite Online-Beteiligung geben, bei der diese Planung weiter kommentiert werden kann. Wie es dann weitergeht, ist noch unklar. Ob der Bezirk seinen Plan, bis zum kommenden Frühjahr insgesamt zwölf neue Kiezblocks einzurichten, umsetzen kann, bleibt vor dem Hintergrund der Mittelstreichung durch den Senat zunächst offen. Und auch wenn der Bezirk zwölf Kiezblocks einrichten sollte, ist noch lange nicht klar, in welchen der betrachteten 25 Gebiete in Mitte diese umgesetzt werden. Die Kiezblock-Spaziergänge gehen jedenfalls weiter. Die Termine für Wedding und in Gesundbrunnen liegen jetzt aber bereits in der Vergangenheit.
Der Freiraum- und Verkehrsplanung früher
Beim Kiezblock-Spaziergang wurde den Planer:innen von der historischen Entwicklung berichtet. Für sie war es interessant, dass sie mit ihren Plänen keine komplett neuen Ideen ins Brunnenviertel tragen. Denn das Brunnenviertel hat sich mit der Kahlschlagsanierung, die in den 1960er Jahren begann, stark verändert. Nach dem Abriss der alten Häuser gab es viele Ideen für die Neugestaltung im Sanierungsgebiet. Von diesen Ideen erzählte Andrei Schnell am gleichen Tag zuvor bei einem Kiezspaziergang, den das Olof-Palme-Zentrums am Montag (19.5.) organisiert hatte.

Andrei Schnell zeigte historische Planungen, zitierte aus Sanierungsberichten und zeigte die Ideen der Planer:innen von damals. Dabei ging es vor allem um die Grünflächenplanung, aber auch um die Verkehrsplanung. Das Brunnenviertel ist nach dem Abriss nämlich eigentlich als Gartenstadt neu geplant worden: mit einer Swinemünder Straße und einer (kompletten) Stralsunder Straße ohne Verkehr, mit vielen Sackgassen und Platz zum Rollschuhlaufen, für Liegewiesen oder einem Spielplatz auf der Strelitzer Straße. Ein grünes Band sollte über die Swinemünder Straße und die komplette Stralsunder Straße bis zur Ackerstraße gehen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer staunten, wie weitgehend die Ideen waren, die teilweise umgesetzt wurden, teilweise nicht vollendet worden sind. Dazu gehört zum Beispiel eine Fußgänger- und Rollerbrücke über die Brunnenstraße.


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Weitere Informationen zum Kiezblock-Projekt gibt es auf der Projekt-Webseite Kiezblocks für Mitte. Wer auf dem Laufenden bleiben möchte, kann sich dort für einen E-Mail-Newsletter anmelden. Die beiden beteiligten Planungsbüros für das Projekt „Kiezblocks für Mitte“ haben eigene Webseiten: gruppe f und STRATMO. Mehr zur Kahlschlagsanierung und dem Sanierungsgebiet Wedding Brunnenstraße gibt es auf Wikipedia. Das Geschichtsprojekt „Anno erzählt“ informiert auf seiner Webseite über kommende Führungen.

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