Zwei Spaziergänge, eine Frage: Wie soll die Stadt sein?

Als hätten sie sich abgesprochen: Bei zwei Kiezspaziergängen im Brunnenviertel ging es am Montag (19.5.) um ein Thema. Wie soll die Stadt sein? Im ersten Spaziergang wurden retrospektiv die Freiflächen- und Verkehrsplanung nach den 1960er und 1970er Jahren betrachtet. Unmittelbar danach ging es um eine perspektivische Planung: ein Kiezblock-Konzept für das westliche Brunnenviertel.

Beim Kiezblockspaziergang im Brunnenviertel am 19. Mai 2025. Foto: Hensel
Beim Kiezblockspaziergang im Brunnenviertel am 19. Mai 2025. Foto: Hensel

Der Kiezblock-Spaziergang

Der Spaziergang zum Kiezblockkonzept im westlichen Brunnenviertel begann mit der Frage nach der ganz aktuellen Entwicklung. Erst vor wenigen Tagen hatte der Senat dem Bezirk Mitte die Mittel für das Kiezblock-Projekt gestrichen. Der Beteiligungsspaziergang war mit vielen Plakaten im Kiez angekündigt worden. Trotzdem waren nun viele derer, die zum Gartenplatz gekommen waren, unsicher, ob die Veranstaltung überhaupt noch stattfindet. Die Planer:innen von gruppe f und STRATMO erklärten den etwa 30 Anwesenden die Haltung des Bezirksamts Mitte: Derzeit prüft der Bezirk die Auswirkungen des Finanzierungsstopps durch den Senat sowie ob und wie das Projekt weitergehen kann. So lange werde die Beteiligung fortgesetzt, die Meinungen und Vorschläge der Anwohnerinnen und Anwohner weiter aufgenommen und die Planung weitergeführt.

Nachdem das Planungsteam die ersten Ideen für das Gebiet zwischen Liesenbrücken, Nordbahnhofpark, Bernauer Straße und Brunnenstraße vorgestellt hatte, gab es viele Fragen und Verbesserungsideen. Grundsätzlich waren bei diesem Spaziergang alle, die sich äußerten, grundsätzlich für verkehrsberuhigende Maßnahmen in dem Gebiet. Das war ganz anders als beim Kiezbock-Spaziergang im östlichen Brunnenviertel eine Woche zuvor, wo es starke Diskussionen und auch grundsätzlich ablehnende Stimmen gab (Poller-Hasser und Kiezblock-Fans beim Spaziergang). Bei den einzelnen Maßnahmen für das Gebiet westlich der Brunnenstraße gab es aber durchaus verschiedene Meinungen. Die Planer nahmen alle Anregungen auf und notierten sie auf gelben Klebezetteln.

Mitgebracht hatten die Planer:innen ein Maßnahmenbündel von Zebrastreifen (Usedomer Straße, Hussitenstraße, Feldstraße), einer sicheren Kreuzung (Volta-/Wattstraße) und Verkehrslenkung durch Poller (Hussitenstraße/Max-Urich-Straße und Hussitenstraße/nahe Stralsunder Straße) sowie einer Schulzone in der Strelitzer Straße – nach Vorbild in der Singerstraße in Alt-Mitte. Hier knüpfen die Planer an bestehende Ideen an: einen gemeinsamen Campus der Ernst-Reuter-Schule und der Gustav-Falke-Schule über die Straße hinweg zu bilden. Schon früher war im Gespräch, die Strelitzer Straße wegen des Campus‘ für den Durchgangsverkehr zu schließen.

Als Unfallschwerpunkt, so erfuhren die Teilnehmenden, haben die Planer die Ecke Usedomer Straße und Hussitenstraße ausgemacht. Hier gebe es die meisten Unfälle und auch viel Verkehr, davon vermutlich viel Durchgangsverkehr (detailiierte zahlenmäßige Auswertung folgt). Die Zahlen wurde im März und April mittels einer Verkehrszählung ermittelt.

Im April gab es eine Verkehrszählung an der Ecke Feldstraße und Usedomer Straße. Fotos: Hensel
Im April gab es eine Verkehrszählung an der Ecke Feldstraße und Usedomer Straße. Fotos: Hensel

Grundsätzliche Ablehnung der Maßnahmen gab es bei diesem Spaziergang nicht. Im Detail gab es aber Änderungswünsche, die besser auf die Gegebenheiten vor Ort eingehen. So wünschten sich Teilnehmende, dass die Hussitenstraße nicht an der Stralsunder Straße mittels Pollern geschlossen wird, sondern direkt an der Bernauer Straße. So würde das Aufeinandertreffen des zahlenmäßig starken Radverkehrs in der Bernauer Straße mit den meist (unerlaubten) Linksabbiegern aus der Hussitenstraße beendet. Linksabbiegen ist an der Stelle zwar untersagt, werde aber überwiegend ignoriert. Auch die Abbiegesituation am Gartenplatz in die Gartenstraße müsse verbessert werden, so die Anwohner:innen. Weiterhin wurde eine Bordsteinabsenkung am Kreisverkehr an den Liesenbrücken zur Ackerstraße für Radfahrende angeregt. Idee um Idee fand ihren Weg auf einen gelben Klebezettel.

Die Vorschläge werden, so das Planungsteam, nun aufgenommen und gewichtet. Das Grobkonzept für den Kiezblock wird dann weiterentwickelt. Im Anschluss, vermutlich im Juni, soll es dann eine zweite Online-Beteiligung geben, bei der diese Planung weiter kommentiert werden kann. Wie es dann weitergeht, ist noch unklar. Ob der Bezirk seinen Plan, bis zum kommenden Frühjahr insgesamt zwölf neue Kiezblocks einzurichten, umsetzen kann, bleibt vor dem Hintergrund der Mittelstreichung durch den Senat zunächst offen. Und auch wenn der Bezirk zwölf Kiezblocks einrichten sollte, ist noch lange nicht klar, in welchen der betrachteten 25 Gebiete in Mitte diese umgesetzt werden. Die Kiezblock-Spaziergänge gehen jedenfalls weiter. Die Termine für Wedding und in Gesundbrunnen liegen jetzt aber bereits in der Vergangenheit.

Der Freiraum- und Verkehrsplanung früher

Beim Kiezblock-Spaziergang wurde den Planer:innen von der historischen Entwicklung berichtet. Für sie war es interessant, dass sie mit ihren Plänen keine komplett neuen Ideen ins Brunnenviertel tragen. Denn das Brunnenviertel hat sich mit der Kahlschlagsanierung, die in den 1960er Jahren begann, stark verändert. Nach dem Abriss der alten Häuser gab es viele Ideen für die Neugestaltung im Sanierungsgebiet. Von diesen Ideen erzählte Andrei Schnell am gleichen Tag zuvor bei einem Kiezspaziergang, den das Olof-Palme-Zentrums am Montag (19.5.) organisiert hatte.

Historischer Kiezspaziergang zu Freiflächenkonzepten im Brunnenviertel. Foto: Hensel
Historischer Kiezspaziergang zu Freiflächenkonzepten im Brunnenviertel. Foto: Hensel

Andrei Schnell zeigte historische Planungen, zitierte aus Sanierungsberichten und zeigte die Ideen der Planer:innen von damals. Dabei ging es vor allem um die Grünflächenplanung, aber auch um die Verkehrsplanung. Das Brunnenviertel ist nach dem Abriss nämlich eigentlich als Gartenstadt neu geplant worden: mit einer Swinemünder Straße und einer (kompletten) Stralsunder Straße ohne Verkehr, mit vielen Sackgassen und Platz zum Rollschuhlaufen, für Liegewiesen oder einem Spielplatz auf der Strelitzer Straße. Ein grünes Band sollte über die Swinemünder Straße und die komplette Stralsunder Straße bis zur Ackerstraße gehen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer staunten, wie weitgehend die Ideen waren, die teilweise umgesetzt wurden, teilweise nicht vollendet worden sind. Dazu gehört zum Beispiel eine Fußgänger- und Rollerbrücke über die Brunnenstraße.

Weiterlesen zum Thema

Weitere Informationen zum Kiezblock-Projekt gibt es auf der Projekt-Webseite Kiezblocks für Mitte. Wer auf dem Laufenden bleiben möchte, kann sich dort für einen E-Mail-Newsletter anmelden. Die beiden beteiligten Planungsbüros für das Projekt „Kiezblocks für Mitte“ haben eigene Webseiten: gruppe f und STRATMO. Mehr zur Kahlschlagsanierung und dem Sanierungsgebiet Wedding Brunnenstraße gibt es auf Wikipedia. Das Geschichtsprojekt „Anno erzählt“ informiert auf seiner Webseite über kommende Führungen.

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Kommentare

  1. Avatar von P.K.
    P.K.

    Unter den Liesenbrücken ist KEIN Kreisverkehr.
    Da sollten sich die Schreiber des Artikels bitte mal richtig informieren.
    Bloß weil eine Straße im „Kreis“ geführt wird ist es gem. StVO kein Kreisverkehr.

    Zum Thema Absenkung Bürgersteig für Radfahrer in die Ackerstr.
    Hier sollte dann mal geprüft werden wo in der Ackerstr. dann der Radweg ist!
    In der Ackerstr. ist der Fußgänger für die Radfahrer, die zu 99% auf dem Geweg fahren, nur ein Störfaktor auf seinem Weg.
    Die Radfahrer benehmen sich dort so als würde ihnen der Fußweg gehören und fahren mit einem Affenzahn dort.
    Als Fußgänger muß man sich anschnauzen lassen das man Platz zu machen hat.

    Was eine Verkehrsberuhigte Zone ist scheint keiner mehr zu lernen bzw. es wird ignoriert, das betrifft Autofahrer, Radfahrer und weitere Verkehrsteilnehmer.

    Poller sind nicht die Lösung für alles.

    Mir tun Rettungskräfte und Handwerksbetriebe leide die unter diesem Irrsinn leiden.

    1. Avatar von Dominique Hensel

      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Über fast alle Punkte, die Sie ansprechen, ist auch bei dem Kiezspaziergang gesprochen worden.

      Zum Fahrradweg Ackerstraße: In der Ackerstraße gibt es keinen Radweg. Die Fahrradfahrer müssten hier auf der Fahrbahn fahren. Die meisten Radfahrer fahren aber nicht auf Kopfsteinpflaster, weil das beschwerlich ist. Deshalb wurde auch über neues Pflaster gesprochen, das besser geeignet ist. Ebenfalls wurden Vorschläge aufgenommen, Teile der Fahrbahn zu asphaltieren, um den Fahrradverkehr besser auf die Straße zu bekommen. Bei all den diskutierten Maßnahmen geht es ja gerade darum, Anpassungen vorzunehmen, die allen Verkehrsteilnehmern helfen. Unbenommen bleibt dabei natürlich, dass Radfahrer vom Radweg unter den Liesenbrücken nicht in die Ackerstraße kommen. Ich bewege mich dort persönlich auch sehr oft dort. Mir sind bisher keine rasenden Radler begegnet und ich wurde nie angeschnauzt. Wer das macht, verhält sich einfach nicht korrekt, repräsentiert aber zum Glück nur eine Minderheit.

      Zu dem Kreisverkehr: Wenn man die STVO ganz korrekt auslegt, dann haben Sie natürlich recht. Bei der Straße unter den Liesenbrücken fehlt die entsprechende Beschilderung. De facto ist das aber ein Kreisverkehr. Alle Verkehrsteilnehmer benutzen die Straße intuitiv exakt nach den Regeln des Kreisverkehrs, zum Beispiel haben die Autos im „Kreisverkehr“ Vorfahrt, was so auch durchgängig gemacht wird. Verstehe ich Sie richtig, dass sie vorschlagen, die entsprechenden Schilder aufzustellen, um Recht und tatsächlichen Nutzung in einen besseren Einklang zu bringen? Ich gebe die Anregung gern ans Bezirksamt und die Planer weiter.

      Insgesamt wäre es natürlich schön, wenn sich ALLE an die bestehenden Regeln halten würden: Fußgänger, Radfahrer, Autofahrer und auch die Roller-Fahrer. Leider sind wir alle Menschen und machen Fehler. Neben Regelkonformität ist die wichtigste Regel, die man in der Fahrschule lernt, Rücksicht. Ich ergänze: Nachsicht. Dieses permanente Gegeneinander hilft doch niemandem weiter.

  2. Avatar von M
    M

    Gibt es denn irgendeine Aussicht darauf, dass auf der Gartenstraße 13355 Lärmmaßnahmen folgen, nachdem erhoben wurde dass die Straße 60dB übersteigt?

    1. Avatar von Dominique Hensel

      Wenn ich mich richtig erinnere, war das nicht Thema in der Grobplanung und auch nicht bei dem Spaziergang. Bei der Online-Beteiligung können aber noch weitere Anregungen abgegeben werden. So wurde es gesagt.

      1. Avatar von M
        M

        Danke für die Antwort. Welche Beteiligung meinen Sie genau?

        1. Avatar von Dominique Hensel

          Für den Sommer ist eine weitere Online-Beteiligung geplant. Der Start wird unter anderem auf der Webseite https://kiezblocks-mitte.de/ angekündigt. Wenn Sie sich dort für den Newsletter anmelden, werden Sie auch direkt informiert. Wir bemühen uns, im Brunnenmagazin auch darauf hinzuweisen.

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