Klingelschilder zum Abschweifen

Eigentlich sollen Nachnamen lediglich eine bestimmte Person bezeichnen. Und doch lösen sie Erinnerungen, Verbindungen, Gedankenspiele aus, die nicht unbedingt etwas mit dem Namensträger zu tun haben. Autor Andrei Schnell stieß beim Verteilen des Kiezmagazins auf interessante Namen und ließ seine Gedanken schweifen. Ein Blick auf die Klingelschilder.

Ich heiße nicht 783.912.499, sondern Schnell. Mein Nachname ist ein sprechender. „Schnell, wie langsam“, sagen meine Erstbekanntschaften oft wenn ich meinen Namen genannt habe. Manchmal mit Fragezeichen, manchmal mit Ausrufezeichen. Das variiert, aber sonst ist es fast immer das gleiche Ritual, wenn ich mich vorstelle.

In den vergangenen Monaten habe ich mehrmals mitgeholfen und Kiezmagazine in Briefkästen verteilt. Dabei wurde ich neidisch, wenn ich an Haustüren Namen las wie Sorgenfrei, Schön oder Glück. So würde auch ich gern heißen. Diesen Leuten gelingt ihr Leben bestimmt. Denke ich. Oder doch nicht? Widerfährt ausgerechnet ihnen besonders viel Pech? Weil bereits all das Lebensglück in den Namen floss?

Ich mag alte Wörter. Zum Beispiel das Wort „verschmitzt“. Heutzutage wird in sozialen Medien gern gehässig gegrinst. Und viel zu selten verschmitzt gelächelt. So freue ich mich still, wenn ich auf den Namen Goldschmitz stoße. Der Name mag etwas anderes bedeuten, aber der verschmitzte Gedanke bleibt.

Ehrfürchtig werde ich, wenn ich an Briefkästen Merkel oder Schäuble lese. Ich weiß, dass weder die ehemalige Bundeskanzlerin noch der Ex-Bundestagspräsident im Brunnenviertel wohnt. Aber ich kann nicht anders, als zu denken: Jetzt hat Merkel unser Kiezmagazin bekommen. Fan bin ich von Familie Warnemünde. „Keine Werbung“ steht neben dem Namen auf dem Briefkasten. Ich sage mir, warum auch? Die Stadt an der Ostsee braucht wahrlich keine Reklame. Sie ist so schön wie beliebt. Bei mir. Familie Seehaus, ebenfalls im Brunnenviertel zu Hause, könnte gleich Tür an Tür mit Warnemünde wohnen. Schade fast, dass sie es nicht tut.

Manche Briefkästen regen mich zum Lernen an. Ich frage mich, was die Vorsilben bei den Namen El-Kayed und Al-Khalal bedeuten? Worin unterscheiden sich El und Al? Und siehe da, ich finde heraus, dass es keinen Unterschied gibt. So wie es im Englischen nur „the“ gibt, gibt es im Arabischen nur einen Artikel. Aber weil es keine einheitliche Übertragung der arabischen Vokale in lateinische Buchstaben gibt, kommt manchmal ein El oder ein Al heraus.

PS: Kein Name ist von der Redaktion geändert worden. ;-)

📍 Kiez: ,

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