Als die Heimat zum Traum wurde

Zum Traum eines jeden jungen Menschen, der seine Heimat verlässt und in der Ferne sein Glück sucht, gehört die erfolgreiche Rückkehr! Abenteuerlicher Leichtsinn, Mutprobe, riskantes Unterfangen, das alles gehört zur Jugend dazu. Alain Baillet ist in Frankreich geboren, wohnt nun im Brunnenviertel in Berlin. Er führt ein Leben zwischen zwei Heimaten. Er blickt versöhnlich schmunzelnd auf eigene verblaste Sehnsüchte und manche Illusionen zurück.

Die Entscheidung, über die gewohnten Grenzen hinaus und möglichst weit weg das Schicksal herauszufordern, fußt auf der Überzeugung, anderswo kann es nur besser werden. Dennoch bleibt die Heimat der allgegenwärtige Bezugspunkt und irgendwann muss der Beweis angetreten werden: „Ich habe es geschafft!“

Wie die meisten dieser Glücksritter, die das Exil selbst gewählt haben, wusste ich schon sehr früh, dass ich ein Haus auf dem Feld, das mein Vater für diesen Zweck vorhielt, bauen würde. Ich träumte von einem traditionellen Bau, im Stil der Generation unserer Großeltern, umgeben von den landestypischen Pinien… Heutzutage kann ich mich nicht mehr erinnern, wann ich diesen Traum aufgegeben habe. Und es kam noch schlimmer: Irgendwann habe ich aufgehört, an die Rückkehr zu denken.

Alain Baillet ist Heimat-Rückkehrer, allerdings nur im Urlaub. Hier ist ein Strand in Frankreich zu sehen. Foto: Alain Baillet
Alain Baillet ist Heimat-Rückkehrer, allerdings nur im Urlaub. Hier ist ein Strand in Frankreich zu sehen. Foto: Alain Baillet

Zwischen den Welten

Das Leben kam dazwischen: Ein Leben in Deutschland zugleich voll unzertrennlicher Verbundenheit mit der Heimat. Jeden Sommer Strand, Feria* und Familienbesuche. Wegen der zahlreichen Verwandtschaft konnte ich die meisten nur im dreijährigen Turnus sehen. Mein Patenonkel nannte mich „der Amerikaner“. Für ihn waren Wohlstand und technischer Fortschritt eher mit den USA assoziiert.

Meine Bindung an die alte Heimat blieb stark. Vermutlich, weil ich im Gastland gänzlich auf mich selbst gestellt war. In Berlin gab es keine Community zur Wahrung der alten Sitten und mit der ich entweder die Großmuttersprache oder die Muttersprache hätte pflegen können. Ich führte ein neues Leben ohne Reue, nur mit ein bisschen Heimweh.

Eine dritte Sprache zu lernen, war kein großes Problem. Im Gastland war ich der mehr oder weniger assimilierte Fremde und jeden Sommer wurde ich zum Rückkehrer in Urlaub. Es war ein wenig schizophren, aber ohne auffällige Pathologie, weil ich mich dem Umfeld immer halbwegs anpassen konnte. Nach und nach fing ich in Süd-West-Frankreich an, über Vor-
teile in Deutschland zu berichten und manchmal sogar davon zu schwärmen. In Deutschland konnte ich mühelos den Wunsch nach Exotik aus dem Süden bedienen.

Den Platz am Kamin in der alten Heimat schlägt Alain Baillet nach vielen Jahren in Deutschland aus. Foto: Alain Baillet
Der Platz am Kamin in der alten Heimat – beliebtes Leitmotiv der Träume von Alain Baillet. Foto: Alain Baillet

Familie dort, Familie hier

Komplizierter wurde es mit der eigenen Familiengründung. Am Ausgangspunkt war ich sehr klar: Meine Frau sollte Deutsche sein; unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Assimilation. Aber die Kinder hatten die perfekte Mischung zu sein. Ein bisschen wie ich, Deutscher in Deutschland und Baske in Frankreich. Sogar noch besser als ich.

Das Umfeld sollte den zweiten Teil der Identität weder merken noch hören: weder diesseits noch jenseits des Rheins – und auch nicht am Fuße der Pyrenäen! Wahrscheinlich war das der Punkt, an dem der Traum von der Heimkehr hinter dem Horizont verschwand? Fast unbemerkt wuchs die Verwurzelung im neuen Land weit über die anfänglich angestrebte Assimilation hinaus.

Die Grabstätte der Familie Baillet in Frankreich. Unser Autor will hier nicht begraben werden. Foto: Alain Baillet
Die Grabstätte der Familie Baillet in Süd-West-Frankreich. Unser Autor hat nun aber in Deutschland Wurzeln geschlagen. Foto: Alain Baillet

Die letzte Reise

Ab einem gewissen Alter wurde ich in der Heimat gefragt, wann es denn soweit sei mit der Rente? Ach, erwiderte ich ironisch, Merkel und Schäuble haben so viel Geld in Griechenland verloren, dass sie uns Gastarbeiter bis an unser Lebensende schuften lassen werden. Der Bürgermeister unserer kleinen Gemeinde bot mir an, mich ehrenamtlich zu engagieren, sobald ich in den Ruhestand ging. Innerlich wusste ich: Ich wechsle nicht von den Bevölkerungsprognosen im Berliner Landesdienst zum Gemeinderat einer Dorfgemeinschaft mit einigen hundert Seelen. Da schreibe ich lieber ab und an für das Brunnenmagazin!

Nun stellt sich die Frage nach der letzten Ruhe. Mein Vater sagte frühzeitig, er hat zwei Kinder und wenn er und meine Mutter nicht mehr auf dieser Welt sind, sind da noch zwei Plätze frei im Familiengrab. Soll wenigstens mein Leichnam zurück zu meinen Vorfahren? Ich fürchte, die vielen Jahre in Deutschland haben mich eines Besseren belehrt. Ich bin nicht mehr der, der einstmals fortging und meine Nachkommen halten mich hier fest. Ähnlich wie die schwindende Illusion der siegreichen Rückkehr hat sich allmählich die alte Heimat, nach einem vollen Leben, wie von selbst in einen schönen Traum verwandelt.

*Feria sind traditionelle Feste in Spanien, im Baskenland und in Süd-Frankreich

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