Glückwunsch. Mit Verspätung oder mit Verfrühung. Denn vor kurzem erschien die 75. Ausgabe der Panke Postille und in diesem Jahr steht schon Ausgabe 80 an. Seit mehr 30 Jahren erscheint das Geschichtsmagazin für den Wedding und Gesundbrunnen. Immer mit dem Ziel, das Vergangene als gedruckte Erinnerung zu bewahren.

Manchmal möchte man – wie unterm Weihnachtsbaum – sich einfach der alten Zeiten erinnern. Zwar fühlten die sich damals unübersichtlich an, waren gefüllt mit Alltagssorgen und Nebensächlichkeiten, so wie es heute die Gegenwart tut. Doch die Vergangenheit hat den Vorteil, dass sie sich übersehen, ordnen lässt, dass die Kleinlichkeiten sich in den Papierkorb werfen lassen, dass das Wesentliche geputzt werden kann. Deshalb eignet sich Vergangenheit für den Weihnachtsabend; wenn übersichtlich, klar und ausgerichtet ist – wenn sie eine Weißt-Du-Noch-Erinnerung ist.
Die Panke Postille widmet sich seit mehr als 30 Jahren dieser Aufgabe, Geschichte zu sortieren und geordnet aufzubewahren. In der Regel zwei Ausgaben erscheinen pro Jahr zum Preis von zwei Euro pro Heft. Herausgegeben wird das Magazin vom Weddinger Heimatverein, der vor kurzem 40-jähriges Bestehen feierte (siehe Beitrag: 40 Jahre für den alten Wedding).
Archiv des Wedding und Gesundbrunnens

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Die Stärken der Panke Postille sind die vielen Nebeninformationen, manchmal auch Hintergrundnachrichten und kleinen Fakten, die die Autoren der Panke Postille zusammentragen. Beispiel Artikel „Möbel Höffner verließ den Wedding – und doch nicht!“ in Ausgabe 54 aus dem Jahr 2016. Erinnert wird an den Streit um das Hochregallager, dass Firmeninhaber Kurt Krieger in der Pankstraße bauen wollte. Und daran, wie Kurt Krieger am Grenzübergang Stolpe (Westberlin war in den 1970er und 80er Jahren noch eine Inselstadt) Möbel-LKW zählen ließ, um dem Bezirksamt Wedding vorrechnen zu können, wie viel Mehrwertsteuer-Mehreinnahmen das Hochlager bedeuten würde.
Solche Details kennt Bernd Schimmler, Vorsitzender des Weddinger Heimatvereins, weil er jahrelang in der Bezirksverordnetenversammlung saß, dort Fraktkionsvorstitzender für die SPD war, später mehrere Amtszeiten Stadtrat war und nach der Auflösung der Bezirks Wedding ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt wurde. Viele in der Panke Postille abgedruckte Rückblicke sind also Erinnerungen aus erster Hand.
Blättert man die Hefte durch, dann findet der Leser eine Mischung aus Berichten zum Vereinsleben, Würdigungen engagierter Menschen, Buchvorstellungen und natürlich eigene Recherchen und Gastbeiträge. In diesen findet sich zum Beispiel eine Auflistung von Handel und Gewerbe, die den Wandel des Geschäftlebens nicht überstanden haben. So zählt der Artikel „Gewerbe im Wedding der Nachkriegszeit“ in Heft 75 wenn nicht alle, so doch zahlreiche Brauereien, Kaufhäuser und Groß- und Kleinfabriken auf und bebildert die Liste mit historischen Reklamen.
Anlass für Recherchen sind auch Straßennamen und Schulnamen. Wer war Herr Barfus, Herr Röhl oder Herr Gleim? Verdient macht sich das Heft auch damit, Ansprechpartner zu sein, wenn Zufallsfunde gemacht werden. Dann druckt das Heft zum Beispiel Eintrittskarten für Olympia 1936 ab. In Summe entsteht ein Archiv des Wedding und Gesundbrunnens, ein Archiv des So-wars.
Wobei nicht vergessen werden sollte, dass sich der Heimatverein über seine Zeitung Panke Postille auch immer wieder in aktuelle Debatten einmischt. Zum Beispiel in die Diskussion um neue Namen für den Nettelbeckplatz.
Geschichtsbewahrung, keine Geschichtsschreibung

Was die Panke Postille nicht bietet, ist Geschichtsschreibung. Also die „sprachliche Vermittlung historischer Erkenntnis“, wie sie Wikipedia definiert. Interpretation, Deutung oder Arbeit am Geschichtsbild will das Heft nicht leisten. Während andere Historiker im Wedding und Gesundbrunnen sich zum Beispiel bewusst „vergessenen“ oder vernachlässigten Themen wie dem jüdischen Alltag, der Kolonialgeschichte oder dem Widerstand im Dritten Reich zuwenden, verzichtet die Panke Postille auf den großen Rahmen einer übergeordneten Erzählung, in die sich ihre Funde einordnen.
Das Heft betreibt nicht Geschlechtergeschichte, nicht Sozialgeschichte, nicht Wirtschaftsgeschichte. Was sie leistet, ist Heimatgeschichte. Und das kann nicht hoch genug geschätzt werden; oder wie man heute sagt: nicht genug wertgeschätzt werden. Wenn man die Metapher vom Geschichtsbild nimmt, dann kümmern sich andere um Motiv, Darstellung und Anordnung. Die Panke Postille stellt die Farben bereit. Eine Leistung, die klein scheint und doch immens wichtig ist. Denn was nützt die durchdachteste Geschichtsdeutung, wenn die konkrete Vorstellung fehlt, wie Alltag, Gegenstände oder Umfeld der vergangenen Zeit aussahen? Diese Kleinigkeiten, aus denen andere ein Bild formen können, liefert die Panke Postille seit 1993. Wo in der Erinnerung das Bild der Vergangenheit ausbleicht wie ein altes Foto konturlos wird, dort remastert die Panke Postille dieses verblassende Bild.
Bitte auch die alten Hefte bewahren
Die Panke Postille bewahrt Erinnerungen, aber wo sind ihre alten Ausgaben aufbewahrt? Im digitalen Raum fehlen sie. Die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) sammelt zwar Kiezmagazine digital (zum Beispiel als PDF die parallel zum Blog gedruckte Ausgabe unseres Brunnenmagazins). Doch die Panke Postille gehört nicht zur digitalen Sammlung der ZLB.
Um den Schritt ins Internet zu schaffen, braucht der Heimatverein Unterstützung, wie Vereinsvorsitzender Bernd Schimmler sagt. Es fehle an Manpower. Dabei wäre es eine Bereicherung für die Heutewelt und die Nachwelt, wenn man in den alten und älteren Ausgaben online blättern und recherchieren könnte.

Die alten Ausgaben aus den 1990er Jahre liegen auch beim Weddinger Heimatverein nicht digital vor. Die ersten Nummen wurden noch ohne PDF-Erstellung in Umlauf gebracht und sind heute Raritäten für Sammler. Inhaltlich ging es in den ersten Jahren um Presseschauen und um das 1989 eröffnete Weddinger Heimatmuseum (heute Mitte Museum). Ab Heft 4 im Jahre 1994 kamen dann eigene Beiträge ins Heft. Der Druck erfolgte zunächst in Copyshops. Heute ist das Magazin komplett farbig (nicht nur das Cover) und eine Druckerei übernimmt die Produktion. Vorläufer der Panke-Postille waren übrigens Jahrbücher des Vereins beginnend mit dem Jahr 1986.
Der heutige Herausgeber und Chefredakteur Bernd Schimmler ist seit 2020 in dieser Funktion allein tätig (zuvor im Team). Er sagt, in den Anfangsjahren war der Zweck der Panke Postille, eine Mitgliederzeitung für den Heimatverein zu haben. Später wurden die Themen ausgeweitet, um auf den Verein aufmerksam zu machen. Bernd Schimmler beschreibt die inhaltliche Entwicklung der Hefte so: „In den letzten Jahren wurden auch verstärkt Aspekte der Geschichte im III. Reich aufgenommen, gerade auch zum Widerstand im Wedding. Verstärkt wurden auch Buchrezensionen aufgenommen, die das historische Umfeld beschreiben und daher für den Wedding interessant sind.“ Ziel sei es früher wie heute historischen Aspekte der Geschichte Weddings und Gesundbrunnens darzustellen.
Panke Postille: Bezug und Kontakt
Mitglieder des Heimatvereins erhalten die gedruckte Ausgabe kostenlos. Interessierte Außenstehende können das Heft für 2 Euro pro Ausgabe erhalten. Bestellung über www.weddinger-heimatverein.berndschimmler.de. Zusätzlich sind im Mitte Museum in der Pankstraße erfahrungsgemäß die letzten Ausgaben regelmäßig vorrätig und erhältlich. Erreichbar ist der Verein unter der E-Mail-Adresse bms19149 [ätt] outlook.de.

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