Der Lenzener Platz: Warum ein Platz im Wedding verschwand

Hier gab es einmal einen Platz, den heute kaum noch jemand kennt: den Lenzener Platz im Wedding. Er entstand dort, wo Hochstraße und Gerichtstraße aufeinandertreffen. Zwischen 1965 und 1975 verschwand der dreieckige Platz wieder.

Manchmal passt es einfach nicht auf den Millimeter. Auf Karten aus der Zeit um 1850 ist dort, wo sich Hochstraße und Gerichtstraße treffen, zunächst eine einfache Kreuzung zu sehen. Später entstand an dieser Stelle ein Dreieck: der Lenzener Platz.

Lenzener Platz. Foto: Sammlung Ralf Schmiedecke
Der Lenzener Platz wurde zunächst als Hochplatz bezeichnet. Foto: Sammlung Ralf Schmiedecke

Wie der Lenzener Platz entstand

Auf dem Situationsplan von Birck aus dem Jahr 1856 ist an dieser Stelle noch eine einwandfreie Kreuzung zu sehen. Hochstraße, Neue Hochstraße, Gerichtstraße und Gartenstraße treffen hier aufeinander. Diese Straßen sind relativ alt. Die Hochstraße wurde 1827 bei der Parzellierung des Weddings angelegt.

Die Gerichtstraße wurde ebenfalls in dieser Zeit angelegt. Doch später wurde die Schönwalder Straße als Fortsetzung der Fennstraße verlängert. Und die traf die Kreuzung Gerichtstraße und Hochstraße, sagen wir mal, nicht ganz exakt. Aus dem kleinen Fehler entstand ein Dreieck – und damit der spätere Lenzener Platz.

Warum der Wedding so viele Dreiecke hat

Wobei dieser Fehler vielleicht tiefere Absicht war. Denn James Hobrecht, der Straßenlinienzeichner, scheint dreieckige Plätze geliebt zu haben. Als er 1862 seine Karte vorstellte, die vorschrieb, wie die künftigen Straßen für das noch zu bauende und extrem wachsende Berlin zu verlaufen haben, da war diese Karte reich an Stadtplätzen.

Noch heute sind einige dieser seltsamen Straßendreiecke für aufmerksame Stadtbetrachter wahrnehmbar. Zum Beispiel am Weddingplatz. Gegenüber des Chemiekonzerns Bayer ist der ursprüngliche Verlauf der Reinickendorfer Straße bis zur Sellerstraße noch als Ministraße vorhanden. Auch der Nettelbeckplatz war einst ein Dreieck. Zu erkennen ist das, wenn man sich den Verlauf der Reinickendorfer Straße als gerade Linie vorstellt.

Lenzener Platz 1856
Karte: Situationsplan Birck 1856, gemeinfrei
Karte: Hochbahngesellschaft 1928, gemeinfrei
Karte: Hochbahngesellschaft 1928, gemeinfrei

Dass solche dreieckigen Plätze die Stadt belebt haben, zeigt eine Luftaufnahme des Lenzener Platz aus dem Jahr 1928. Deutlich zu sehen sind kreisfömig geplanzte, kronenstarke Bäume. Haben sich die aus den preußischen Landen hinzugezogenen Menschen hier ihre Dorflinden neu erschaffen? Eine romantische Vorstellung.

Warum Dreiecke? Nun, wenn von einem Punkt mehr als vier Straßen starten, dann hat man keine Kreuzung mehr, sondern einen Stern. Will man den vermeiden, dann macht man zwei Kreuzungen und erhält dabei ein Dreieck. Einige wenige Sterne gibt es im Wedding noch. Zum Beispiel den Treffpunkt von Adolfstraße, Plantagenstraße und Prinz-Eugen-Straße. Dort autogerecht asphaltiert. Oder, zweites Beispiel, den Schnittpunkt von Togostraße, Maji-Maji-Allee, Anna-Mungunda-Allee und Afrikanischer Straße. Hier ist der Stern zu einem weiträumigen, grünen Platz gestaltet worden.

Vom Hochplatz zum Lenzener Platz

Aber zurück zum Lenzener Platz. Den Namen erhielt das Dreieck am 12. Mai 1910. Damit war der Platz amtlich benannt. Ansichtskarten aus der Zeit vor 1910 betiteln ihn als kurzerhand als Hochplatz. In der NS-Zeit wurde er für Propagandazwecke in Steinbergplatz umbenannt. Am 31. Juli 1947 erhielt er wieder seinen ursprünglichen Namen.

Wer nicht nachschlagen möchte, hier die kurze Erklärung des Namens. Lenzen ist eine Stadt in der Prignitz an der Elbe. Früher gab es tatsächlich einen Eisenbahnhof. Heute muss, wer die 2000 Einwohner besuchen will, den Rufbus nehmen.

Gerichtstraße mit Straßenbahn. Foto. Sammlung Ralf Schmiedecke
Gerichtstraße mit Straßenbahn. Lenzener Platz teilweise zu sehen. Foto: Sammlung Ralf Schmiedecke

Wie der Lenzener Platz verschwand

In den 1960er Jahren begann die Stadtsanierung, sprich Abriss der vorhandenen Gebäude und Ersatz durch Neubau. Stadtsaniert wurden die Häuserblöcke zwischen Panke und Grenzstraße. Deshalb ist in der Gerichtsstraße 12 noch die Bebauung der Kaiserzeit mit den heute berühmten Kulturstandort Gerichtshöfe erhalten. Und deshalb steht gleichzeitig auf der gegenüberliegenden Straßenseite Gerichtstraße 72 der Neubau der 1970er Jahre.

Bei dieser Abriss und Neubau der Straßenzüge wurde auch der Lenzener Platz überbaut. Wer mit dem Rad oder zu Fuß aus der Neuen Hochstraße kommt und nach Norden will, muss deswegen jedoch keinen Haken schlagen, sondern kann sich weiter einfach geradeaus bewegen. Er muss nur unter den Hochhäusern verlaufende Unterführung nutzen.

Ein Platz, der noch im Telefonbuch stand

Kurios ist ein Detail aus dem Jahr 1987: Obwohl der Lenzener Platz zu diesem Zeitpunkt längst verschwunden war, führte das Telefonbuch noch eine Altentagesstätte unter dieser Adresse. Der verschwundene Platz existierte damit zumindest auf dem Papier noch weiter.

Lenzener Hof in der Hochstraße. Foto: Sammlung Ralf Schmiedecke
Der Lenzener Hof in der Hochstraße 34. Foto: Sammlung Ralf Schmiedecke

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Kommentare

  1. Avatar von Reinhard
    Reinhard

    Morjen

    kleiner Buch-Tipp für den fleißigen Autor… 100 Jahre (Groß- )Berlin und seine Zentren

    https://de.annas-archive.org/md5/e16a9508a3c76861db55e3d98bd41670

    im allgemeinen eine echt tolle Seite für Bücher zum runter saugen

    windigen Sonntag noch

    1. Avatar von Andrei Schnell
      Andrei Schnell

      Guten Morgen zurück, danke für Annas Archive, kannte ich noch nicht. Schönen Montag.

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