Manchmal passt es einfach nicht auf den Millimeter. So zeigen Karten rund um die Zeit von 1850 dort wo sich Hochstraße und Gerichtstraße treffen, eine einfache Kreuzung. Später hat es dann aber doch nicht mehr so perfekt gepasst und es entstand ein Dreieck: der Lenzener Platz. Eigentlich ist der Fehler ein Glücksfall. Denn Plätze beleben natürlich den Anblick der Stadt. Doch irgendwann zwischen 1965 und 1975 wurde alles wieder geradegerückt und der Platz verschwand. Schade eigentlich.

Der Situationsplan von Birck aus dem Jahr 1856 zeigt eine einwandfreie Kreuzung von Hochstraße, Neue Hochstraße, Gerichtstraße und Gartenstraße. Diese Straßen sind relativ alt. Die Hochstraße wurde 1827 bei der Parzellierung des Weddings angelegt. Die Gerichtstraße wurde ebenfalls in dieser Zeit angelegt. Doch später wurde die Schönwalder Straße als Fortsetzung der Fennstraße verlängert. Und die traf die Kreuzung Gerichtstraße und Hochstraße, sagen wir mal, nicht ganz perfekt.

Wobei dieser Fehler vielleicht tiefere Absicht war. Denn James Hobrecht, der Straßenlinienzeichner, scheint dreieckige Plätze geliebt zu haben. Als er 1862 seine Karte vorstellte, die vorschrieb, wie die künftigen Straßen für das noch zu bauende und extrem wachsende Berlin zu verlaufen haben, da war diese Karte reich an Stadtplätzen. Noch heute sind einige dieser seltsamen Straßendreiecke für aufmerksame Stadtbetrachter wahrnehmbar. Zum Beispiel am Weddingplatz. Gegenüber des Chemiekonzerns Bayer ist der ursprüngliche Verlauf der Reinickendorfer Straße bis zur Sellerstraße noch als Ministraße vorhanden. Auch der Nettelbeckplatz war einst ein Dreieck. Zu erkennen ist das, wenn man sich den Verlauf der Reinickendorfer Straße als gerade Linie vorstellt.

Dass solche dreieckigen Plätze die Stadt belebt haben, zeigt eine Luftaufnahme des Lenzener Platz aus dem Jahr 1928. Deutlich zu sehen sind kreisfömig geplanzte, kronenstarke Bäume. Haben sich die aus den preußischen Landen hinzugezogenen Menschen hier ihre Dorflinden neu erschaffen? Eine romantische Vorstellung.
Warum Dreiecke? Nun, wenn von einem Punkt mehr als vier Straßen starten, dann hat man keine Kreuzung mehr, sondern einen Stern. Will man den vermeiden, dann macht man zwei Kreuzungen und erhält dabei ein Dreieck. Einige wenige Sterne gibt es im Wedding noch. Zum Beispiel den Treffpunkt von Adolfstraße, Plantagenstraße und Prinz-Eugen-Straße. Dort autogerecht asphaltiert. Oder, zweites Beispiel, den Schnittpunkt von Togostraße, Maji-Maji-Allee, Anna-Mungunda-Allee und Afrikanischer Straße. Hier ist der Stern zu einem weiträumigen, grünen Platz gestaltet worden.

Aber zurück zum Lenzener Platz. Den Namen erhielt das Dreieck am 12. Mai 1910. Damit war der Platz amtlich benannt. Ansichtskarten aus der Zeit vor 1910 betiteln ihn als kurzerhand als Hochplatz. In der Nazi-Zeit wurde er für Propagandazwecke in Steinbergplatz umbenannt. Am 31. Juli 1947 erhielt er wieder seinen ursprünglichen Namen. Wer nicht nachschlagen möchte, hier die kurze Erklärung des Namens. Lenzen ist eine Stadt in der Prignitz an der Elbe. Früher gab es tatsächlich einen Eisenbahnhof. Heute muss, wer die 2000 Einwohner besuchen will, den Rufbus nehmen.

In den 1960er Jahren begann die Stadtsanierung, sprich Abriss der vorhandenen Gebäude und Ersatz durch Neubau. Stadtsaniert wurden die Häuserblöcke zwischen Panke und Grenzstraße. Deshalb ist in der Gerichtsstraße 12 noch die Bebauung der Kaiserzeit mit den heute berühmten Kulturstandort Gerichtshöfe erhalten. Und deshalb steht gleichzeitig auf der gegenüberliegenden Straßenseite Gerichtstraße 72 der Neubau der 1970er Jahre. Bei dieser Abriss und Neubau der Straßenzüge wurde auch der Lenzener Platz überbaut. Wer mit dem Rad oder zu Fuß aus der Neuen Hochstraße kommt und nach Norden will, muss deswegen jedoch keinen Haken schlagen, sondern kann sich weiter einfach geradeaus bewegen. Er muss nur unter den Hochhäusern verlaufende Unterführung nutzen.
Kurios: Das Telefonbuch führt 1987 immer noch eine Altentagesstätte der Städtischen Altenheime Wedding am Lenzener Platz auf. Dabei ist der Platz bereits auf Karten aus dem Jahr 1974 verschwunden.

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