Lost Place: Nutzt die alte Bibliothek!

Es gibt Gebäude, die haben einfach einen besonderen Reiz. So ein Haus die seit Jahren leerstehende ehemalige Hugo-Heimann-Bibliothek in der Swinemünder Straße. Früher Teil einer hochmodernen Schule, heute ein Lost Place ganz in Orange, der unter Denkmalschutz steht. Unser Autor greift eine ältere Forderung wieder auf, denn er findet, hier sollte wenigstens eine Zwischennutzung ermöglicht werden. Denn Raum ist in Berlin heute knapp.

Die ehemalige Bibliothek steht heute leer. Früher konnte sie von vorn und von hinten direkt über das Gymnasium erreicht werden. Foto: Hensel
Die ehemalige Bibliothek steht heute leer. Früher konnte sie von vorn und aus dem Inneren des Gymnasiums erreicht werden. Foto: Hensel

Auf einmal stand ich vor diesem orangefarbenen Ungeheuer am Ende der Swinemünder Straße. Von der Bernauer Straße gekommen, wollte ich den Weg zum S-Bahnhof Gesundbrunnen erkunden. Es waren die ersten Tage des neuen Jahres 1990.

Ich wohnte an der Schwedter Straße in unmittelbarer Nähe zur Berliner Mauer. Dort, nahe der Bernauer Straße, gab es nie eine Grenzübergangsstelle wie etwa an der Bornholmer Straße. Im Gegenteil: es war eine lange Ziegelmauer vor der Betonmauer quer über die große Kreuzung Bernauer-/Eberswalder-, Oderberger-/Schwedter Straße gezogen worden. In diese Ziegelmauer war bereits am 11.11.1989, also nur zwei Tage nach dem Mauerfall, mit einem Bagger eine brachiale Bresche gerissen worden. Wenigstens den Fußgängern sollte so schnell ein Weg gebahnt werden.

Die Swinemünder Straße auf Westberliner Seite war in den 1980er Jahren als Fußgängerbereich gestaltet worden. Mir fiel bei meinem Streifzug Anfang 1990 angenehm auf, dass sie von freundlich wirkenden Neubauten gesäumt war, die Durchblicke auf begrünte Höfe freigaben. Ich traf auf Spielplätze und Wasserläufe. Zahllose Miniparks teilten die Straße.

Aus dieser Idylle tauchte linker Hand unvermittelt ein unförmiges Gebäude auf. Allein seine Farbgebung hob sich eigenartig von seiner Umgebung ab: Orange. Sowas hatte ich noch nie gesehen. Was mochte es sein? Ein Haus, scheinbar ohne Anfang und Ende. Die kleinen rückgesetzten Eingangstüren hinter der großen Freitreppe entzogen sich meinem Blick. Die Fassade zur Putbusser Straße verlor sich im Nichts. Mit seinen gleichförmigen Fenstern wirkte es auf mich eigenartig nackt und kahl. Vielleicht war dieser Eindruck auch der als immer noch surreal empfundenen kahlen Bresche in der Mauer geschuldet?

Blick in die Hugo-Heimann-Bibliothek kurz vor deren Schließung - mit Sofa und jeder Menge Lesestoff. Foto: Hensel
Blick in die Hugo-Heimann-Bibliothek kurz vor deren Schließung – mit Sofa und jeder Menge Lesestoff. Foto: Hensel

Aber ich hatte es eilig. Doch der Eindruck blieb. Er änderte sich erst, als ich etwas später einen Schatz entdeckte: die integrierte Hugo Heimann-Bibliothek mit Schallplattenausleihe. Dort gab es die lang entbehrten Westplatten. In den Folgejahren war ich oft vor Ort, verlor die Bibliothek dann aber aus den Augen. Erst Anfang der 2010er Jahre entdeckte ich sie wieder. Diesmal wegen ihrer zusätzlichen Eigenschaft als Gastgeberin für geförderte Projekte des Quartiersmanagements Brunnenstraße.

Bessere Zeiten: Eine Lesung in der Hugo-Heimann-Bibliothek 2009. Foto: Michael Becker
Bessere Zeiten: Eine Lesung in der Hugo-Heimann-Bibliothek 2009. Foto: Michael Becker

Die Leiterin des Clubs der Internationalen Raumforscher veranstaltete 2009 hier das Sprachprojekt „Tongue“ mit Lesungen. Des Weiteren nutzten Schüler die Herbstferien 2010 für einen Musik-Workshop. Sie richteten Räumlichkeiten der Bibliothek für zwei Wochen mit Aufnahmetechnik und Tonkabine her. Da bekam der Schulkomplex für mich auch inhaltlich Farbe. Umso bedauerlicher fand ich seine Schließung 2011.

Der Namensgeber der Bibliothek Hugo Heimann (1859-1950), ein SPD-Politiker, der auch im Gesundbrunnen gewirkt hatte, sollte heutige Verantwortliche mahnen. Vielleicht könnten die ehemaligen Bibliotheksräumlichkeiten separat für kulturelle Nutzungen reaktiviert werden? Wenigstens eine Zwischennutzung des denkmalgeschützten Anbaus der alten, lange geschlossenen Schule, sollte doch möglich sein! Zumindest über eine vorübergehende Nutzung als Schulmensa auf Zeit werde derzeit nachgedacht, hört man hier und da im Brunnenviertel. Das würde jedenfalls verhindern, dass das reizvolle Gebäude weiter verfällt und stattdessen wieder mit Leben gefüllt wird – wenn auch nicht mit Büchern und Schallplatten.

Immer wieder wird zumindest eine Zwischennutzung gefordert wie hier bei einer Kundgebung im Oktober 2018. Der auf dem Schild angeprangerte Abriss ist inzwischen vom Tisch. Foto: Sulamith Sallmann
Immer wieder wird zumindest eine Zwischennutzung gefordert wie hier bei einer Kundgebung im Oktober 2018. Der auf dem Schild angeprangerte Abriss ist inzwischen vom Tisch. Foto: Sulamith Sallmann

Text: Michael Becker

Mehr über den Leerstand der alten Schule und das jahrelange Ringen um eine neue Nutzung steht in zahlreichen Beiträgen im Brunnenmagazin: Beiträge zum alten Schulstandort

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