Miniaturen: Unsinn am Gesundbrunnen

Arne Schmelzer sagt über sich selbst, er sei Glücksritter und Unglücksknabe in einem. Dichter und Sänger sei er, auch als Spinner bezeichnet er sich. Er schreibt Poesie für Literaturautomaten und poetisch-philosophische Miniaturen. Der Weddinger teilt seine Alltagsbeobachtungen nun auch mit dem Brunnenmagazin. Dies ist der erste Teil.

Aufschrift am Gesundbrunnen: Unsin(n). Foto: Arne Schmelzer
Aufschrift am Gesundbrunnen: Unsin(n). Foto: Arne Schmelzer

Der Stadtraum steckt voller versteckter Botschaften, die sich im richtigen Moment offenbaren. Das Wechselspiel zwischen Innen und Außen, zwischen mir, Stadtbewohner in Bewegung und der Stadt, diese Unfassbare, nie ganz sichtbare, permanent sich Wandelnde, Sie, die Stadt. Sie hat ihre Tage, gute wie schlechte. Naja. Ich dichte ihr was an, zuletzt ist sie ein Spiegel meiner Befindlichkeiten. Meiner Allüren, Ticks und Unzulänglichkeiten.

Morgens noch schnell einen Kaffee gemacht „zum Gehen“, es ging zur Uni.  Masterarbeit über eine frühneuzeitliche Stadtchronik schreiben. Ich trat aus dem Haus, Bärbel-Bohley-Ring, wo früher die Feuchtwiesen waren, bevor die Neubausiedlung aus dem Boden schoss – manche sagen, es wäre eine Gated Community, weil das Areal abgezäunt ist zur benachbarten Siedlung, aber das ist ein albernes Argument, es gibt überall Schlupflöcher und kein Blockwart kontrolliert irgendwelche Bewohnerausweise. Bärbel Bohley, Aktivistin des Neuen Forums am Ende der DDR, sagte vieles, zum Beispiel: „Die Leute haben schicke Sachen an, aber leere Gesichter. Es herrscht eine zunehmende Vereinzelung, und es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, das den Leuten bewusst zu machen. Wenn sie das erkennen, werden sie sich mehr für ihre Interessen engagieren und die Gestaltung dieses Landes nicht nur der Politik überlassen.“

Kinder spielen hier recht unbeschwert, es haben sich kleine Kinderbanden gebildet. Vor dem Haus steht ein E-Roller und ich, ein Fahrradloser seit vielen Jahren (ich beuge mein Haupt vor dem Hohen Gericht, schuldig!), werde von meiner Faulheit übermannt, öffne die App und starte den Roller, schon ahnend, dass das mit einem To-Go-Becher in der Hand eher eine Schnapsidee ist. Eine Wackelpartie, der Kaffee schwappt aus dem kleinen Trinkloch und läuft über meinen Ärmel. Bäääh! Ich lasse das Experiment nicht lange laufen, bei der Swinemünder Brücke stellte ich den Roller schließlich ab. 2 Euro kostete der Spaß und ich bin 100 Meter weit gekommen und kann meine Jacke jetzt zur Reinigung bringen. Das Graffiti auf der Mauer des Brückenkopfes, eingehegt von Wildem Wein, sprang in mein Gesicht: UNSINN. Danke, ich weiß.

Text und Foto: Arne Schmelzer

PS: Hier gibt es einen kurzen historischen Beitrag zum Bärbel-Bohley-Ring: Gestern und heute: Bärbel-Bohley-Ring

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