Arne Schmelzer sagt über sich selbst, er sei Glücksritter und Unglücksknabe in einem. Dichter und Sänger sei er, auch als Spinner bezeichnet er sich. Er schreibt Poesie für Literaturautomaten und poetisch-philosophische Miniaturen. Der Weddinger teilt seine Alltagsbeobachtungen auch mit dem Brunnenmagazin. Dies ist der zweite Teil.
Wenn es in Berlin schneit, fällt Schnee von gestern. Die Halbwertzeit der weißen Pracht ist in Stunden bemessen. Ich verließ mein Haus im Bärbel-Bohley-Ring auf dem Weg zum Gesundbrunnen (hatschi). Gesundheit.
Zwischen der Millionenbrücke und unserer Neubausiedlung führt ein kleiner, eingezäunter Weg, rechter Hand die alte Pferdekoppel, auf der bald neue Ikeakatalog-Neubauten aus dem Boden sprießen. Jetzt sah es ganz idyllisch aus, die alten Pappeln trugen ihr Winterkleid und leise rieselt nasser Schnee, der auf meine Kaputze klatschte, Altschnee zu Matsch zu einer riesigen Pfütze, Plörre, da will man nicht laufen, ich hielt mich links, eine schmale gangbare trockene Gasse, vor mir eine Frau, die ihr Fahrrad vor sich herschob. Sie versperrte mir den Weg, weil sie zu langsam lief, grrrr.
Warten. Vor uns ein halbes Gittertor. Sperre, die Plörre und eine sich um das Tor windende Menschenschlange, die mir und der vor mir laufenden Frau den Weg abschnitt (Snake 2). Sie fauchte: „Ihr seht doch, dass hier kein Platz ist, warum müsst ihr hier in Zweierreihen laufen?“. Empört antwortete der Bauch der Schlange: „Halloooo? Chill mal!“. Interessant, dachte ich, sie war noch viel ungeduldiger als ich. Hallo. Was los? Es fing zu arbeiten an in mir (unter Berlin liegt ein erloschener Vulkan, ausbrechen). Zeitbruchteile später stand sie, schaute auf ihr Handy und dann nach mir. „Enschuldigung“, sagte sie zu mir. „Entschuldigung für was?“, fragte ich zurück. „Das ich gerade so gemeckert habe. Ich habe einen Termin“. „Kein Problem“, sagte ich, „dafür sind NPC´s doch da“. Sie schmunzelte.
Der aus der Gamersprache kommende Begriff Non Playable Character (nicht spielbarer Charakter) entspricht am ehesten dem Begriff Unbeteiligte Passanten, also das außerhalb des eigenmächtigen Selbst Liegende. Auf dem Dorf kennt man das nicht, aber hallo, chill mal, wir leben in einer Großstadt! Was ist das denn mit diesem NPC, das mir da immer öfter begegnet, zuerst beim Kanufahren im Spreewald letztes Jahr, als meine Freunde mit diesem Begriff spielten und sich über alle uns Entgegenkommende heimlich lustig machten, „wieder so NPC´s“. Prädikat irgendwie unwichtig.
Spannend, drückt das Hochkommen dieses Begriffes vielleicht so etwas wie das postmoderne Verhältnis zum Fremden aus? Jetzt habe ich ja am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt, zum NPC zu werden. Hochphilosophisch bewegte sich dieses Verhältnis zum NPC, zum am eigenen Selbst Unbeteiligten, durch meinen Geist. Ich erinnerte mich an den Satz von Bärbel Bohley, „es herrscht eine zunehmende Vereinzelung, und es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, das den Leuten bewusst zu machen.“ NPC!
Ich rutschte beherzt die Rolltreppe zur U-bahn hinunter. Der Zug fuhr nicht los. „Wegen einer betriebsfremden Person im U-Bahntunnel Bereich Alexanderplatz verzögert sich die Abfahrt auf unbestimmte Zeit.“ Im Wagon gingen die Lichter aus und wir standen im Dunkeln. „Wieder so ein NPC“, dachte ich … und ein Vulkan voller Fragen brach plötzlich in mir aus.
Text und Foto: Arne Schmelzer

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