Miniaturen: Fremde Erinnerungen mit Schrippe

Welche Geschichten erzählen Fotoalben von fremden Menschen aus dem Kiez? Unser Kolumnist Arne Schmelzer macht einen literarischen Spaziergang und hat in einem solchen Album geblättert.

Ein Fotoalbum, hier vom Brunnenviertel e.V., enthält viele Erinnerungen. Foto: Hensel
Ein Fotoalbum, hier vom Brunnenviertel e.V., enthält viele Erinnerungen. Foto: Hensel

Einfache Geschichten, Bild für Bild, wie bei einem Diaprojektor, klick, klick, klick……klick. In Berliner Papiertonnen findet man zuweilen alte Fotoalben, die ganze Familiengeschichten aus früheren Jahrzehnten erzählen. Geschichten sind Geschehen und sind in dem Moment, wenn man sie hört oder liest, meist lange … geschehen.

Ich klebe den mir unbekannten Personen in diesen Alben imaginäre Namensschilder an. Erna lebte im heutigen Brunnenviertel, als die Straße noch beim Gleimtunnel halt machte, dort, wo alle Straßen enden, an einer Mauer in den Köpfen. Erna hatte sich Geld von der Bank geholt und eilte zur kleinen Traditionsbäckerei, die heute ein Automatencasino ist. Frisch vom Blech. „Wie immer, Erna?“ – „Ja, weeste doch, sechs Schrippen”. Als sie den Laden verließ, knipste Udo ein Foto, auf dem ihr Kopf über dem Dach des knallig-gelben VW zu schweben schien. Hach, dachte Udo, so jung kommen wa nicht mehr zusammen.

Ihr Gesicht wurde kreidebleich. Ihr Onkel winkte ihr zu, sie solle rüber kommen, aber sie lief wie von einer Biene gestochen die Straße hinab. An diesem Nachmittag hörte man im Viertel die Jubelschreie in der Plumpe, dem alten Stadion. Hertha spielte mal wieder. Vater und Sohn standen beisammen, wedelten mit den blau-weißen Fahnen und grinsten in die Kamera. Trotz des einsetzenden Regens war die Stimmung „Bombe” – Hertha hatte gewonnen und mehr braucht der Berliner nicht, um glücklich zu sein.

Ne Molle, ne Schrippe und ne Wurscht, in die Fritz in der verrauchten Eckkneipe genüsslich hineinbiss, der Senf tropfte ihm aufs weiße Hemd, er kam grad aus der Versicherung und hatte Feierabend. Der Wirt liebte es, die peinlichen Momente seiner Gäste einzufangen und über dem Tresen anzuheften. Tja, Pech gehabt, Fritz! Aus dem Radio tönte die Stimme von Hildegard Knef: „Lieber Leierkastenmann, lass durch deines Liedes Bann mich noch mal in Nummer zehn durch die alten Räume jehn, die nach einer Nacht vor Jahr’n nur noch Schutt und Asche war’n, noch mal in der Küche sitzen, wenn im Herd die Kohlen still verjlühn; Kopp in beide Hände stützen, und dann lass mich träumen von Berlin.”

Die Abrissbirne kreiste schon in der alten Rosenthaler Vorstadt, die aus Gründen bald dem Erdboden gleich gemacht werden sollte. Kreative Zerstörung. Aus diesem städtebaulichen Akt wurde die heutige Gestalt des Brunnenviertels geboren, mit seinem 70er-Jahre-Neubaubestand, der nicht immer eine Augenweide ist. Aber das ist die Kulisse, vor der sich unser Alltag im Kiez abspielt und wer Augen hat, zu schauen und Ohren hat, zu hören, der wird viele kleine Details entdecken, die an ein Früher erinnern, das man sich wie eine Schablone über die heutigen Konturen des Viertels legen kann. Andere Menschen, andere Gebäude, aber die Geschichten ähneln sich doch zu allen Zeiten.

Irgendetwas in diese Richtung wollte ich mit diesem Text erzählen … vielleicht als Ausgangspunkt einer literarischen Erkundungstour? Leider ist heute Deadline für die neue Ausgabe des brunnen, Redaktionsschluss, und das kann man mit Todesstreifen übersetzen, der nur wenige Fußminuten von meinem Haus entfernt lag.

***

Arne Schmelzer sagt über sich selbst, er sei Glücksritter und Unglücksknabe in einem. Dichter und Sänger sei er, auch als Spinner bezeichnet er sich. Er schreibt Poesie für Literaturautomaten und poetisch-philosophische Miniaturen. Der Weddinger teilt seine Alltagsbeobachtungen auch mit dem Brunnenmagazin. Dies ist der vierte Teil.

Dieser Text wurde von einem Menschen geschrieben.

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