Poesie aus dem Literaturautomaten

Poesie ist meist dann am schönsten, wenn sie überraschend im Alltag auftaucht. Der Berliner Literaturautomat ist so ein Schlupfloch, durch das poetische Texte zu ihren Lesern finden können. Das Projekt begann im Wedding, die Geräte stehen heute in Cafés und Clubs im Stadtteil. Für einen oder zwei Euro erhält man einen Augenblick des Glücks.

Arne Schmelzer stellt Literaturautomaten auf. Foto: Andrei Schnell

Angefangen hat alles vor rund zehn Jahren, als Arne Schmelzer morgens wieder einmal im „Café des Schicksals“ in der Gerichtstraße saß. Es
gehört seit jeher zu seinen Routinen, den Tag morgens mit Schreiben und mit einer Tasse Kaffee außerhalb der Wohnung zu beginnen. Im Café des Schicksals hat er 2013 seinen ersten Literaturautomaten aufgestellt, „weil ich da immer war“.

Inzwischen stehen 13 seiner Boxen in zwei verschiedenen Größen in Cafés und Bars im Herzen Berlins. Im Wedding sind dabei: das Café
„Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ unweit des Leopoldplatzes, die
„Studio 8 Bar“ in der Grüntaler Straße und der Nachtclub „Heideglühen“ in der Seestraße an der Autobahnauffahrt zur A100. Die kleineren Literaturautomaten geben nach Einwurf einer Euro-Münze eine kleine Kugel mit einem gefalteten Text frei. Aus den etwas größeren Automaten rollt nach Einwurf eines Zwei-Euro-Stücks eine Kugel mit einem Minibüchlein. In beiden Fällen ist gleich, dass die Kugeln stets Texte enthalten, die der „Inflation des gedruckten Wortes“ – wie Arne Schmelzer sagt – etwas entgegensetzen.

Früher Kaugummiautomat, heute Literaturautomat. Foto: Andrei Schnell

40 kleine Texte, die Arne Schmelzer in den letzten Jahren geschrieben hat, sind in den Kugeln der Literaturautomaten enthalten. „Sie konzentrieren sich auf einen positiven Gedanken“, sagt der Autor. Er würde sich freuen, wenn den Lesern ein Lächeln kommt. „Es ist nicht alles gut, aber es gibt auch das Positive.“ Daran will der Großstadtpoet erinnern. Dass Stadt ein Thema seiner poetischen Texte ist, soll sich künftig noch verstärken. Denn um sein Studium abzuschließen, arbeitet Arne Schmelzer gerade an einer Masterarbeit, die sich mit einer Stadtchronik eines Ortes in der Lausitz beschäftigt. In seinem Kopf wachsen deshalb parallel dichterische Ideen, die um eine fiktive Stadtchronik kreisen. Wenn die ersten Texte entstehen, landen sie möglicherweise in einer Kugel in einem der alten Kaugummiautomaten, der jetzt zu einem Literaturautomaten umgestaltet ist.

Poesie und Handarbeit. Foto: Andrei Schnell

Dass alles (oder vieles) eine Frage der Gestaltung ist, hat Arne Schmelzer mit seinen Geräten bereits gelernt. Die ersten Automaten hießen schlicht Textautomaten. Heute steht Orakel auf dem Plastikgehäuse. Und das Wort Glückstexte. Dass es sich um literarische Glückstexte handelt, hat jetzt eine etwas kleinere Schriftgröße. Das Schillernde am Begriff Glück, das philosophisch-literarisch verstanden werden kann oder als Freude am Augenblick, sorgt wohl auch dafür, dass die Literaturautomaten in Clubs relativ gut funktionieren. Wer will nicht beim Ausgehen wissen, ob das Glück des Abends auf seiner Seite ist? Umso überraschender ist es dann vielleicht, wenn der Käufer der Literaturkugel keinen Horoskopspruch findet, sondern echte Großstadtpoesie.

Die Frage, was an der Stadt poetisch ist, treibt Arne Schmelzer um. Nicht zufällig ist er ein Mitorganisator des Schreib- und Vorleseprojekts „Symphonie der Großstadt“. Mitte Januar gab es im Wedding zuletzt einen (den 36.) Auftritt
des Projekts mit zahlreichen Autoren und einer Musikband. Arne Schmelzer
versteht Poesie als „das Festhalten am Guten, Schönen, Wahren – gerade in der aktuellen Zeit“.

Die Erfahrung, dass Lesen und Schreiben in schwierigen Phasen Halt und
Kraft geben, hat Arne Schmelzer früh gemacht. Mit sieben Jahren habe er
angefangen, Geschichten zu schreiben, sagt er. Um zwei Freunde sei es in
seinen Geschichten gegangen. Und er erinnert sich daran, dass das Erschaffen von Figuren und Geschichten ein „Zaubermittel ist; das beste Zauber-
mittel, das man als Kind an die Hand bekommt.“ So hat er es erlebt.

Bis heute schreibt Arne Schmelzer kürzere Geschichten. Eine halbe A4-Seite zum Beispiel. In zwei schmalen Bändchen hat er seine besten Texte vereint. 2014 hat er „Ich bin nur das Cover*“ veröffentlicht und 2020 „FundbüroBerlinerDinge“. Beide Büchlein sind für jeweils 10 Euro beim Autor direkt erhältlich. Kontakt und Bestellung erfolgen über Instagram @berlinerliteraturautomat. Wer erst einmal eine Probe lesen will, der kann dies dank der in Cafés und Clubs aufgestellten Boxen für ein oder zwei Euro tun.

Literatur in der Kugel. Foto: Andrei Schnell

Kommentare

  1. Avatar von Renate
    Renate

    Richtig gut. Klasse! – Falls Sie mal Papierknappheit haben oder mehrere Kugelgedichte en gros verkaufen möchten, sind Haiku, die Siebzehnsilber zu empfehlen.
    Eine Kurzlyrik, die um die Welt geht.
    Beispielsweise wie dies von mir:

    Tintenblaue Nacht
    der Hofbaum schüttelt sich kurz
    Tropfenpointen

    1. Avatar von Dominique Hensel

      Danke, dass Du Dein Haiku mit uns teilst, Renate! Ich frage Arne, wenn ich ihn das nächste Mal sehe, ob er auch Haikus schreibt. Prinzipiell ist er meiner Erfahrung nach für alles offen.

      1. Avatar von Renate

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