Wenn es jetzt wieder wärmer wird, ist auch der Mauerpark ein beliebtes Ziel für große und kleine Spaziergänger. Unser Autor hat die neu gestaltete Parkhälfte bereits im vergangenen Jahr mit seinen Enkeln ausprobiert.
Es ist Anfang August 2020, einige Wochen nach Eröffnung der Erweiterungsfläche des Mauerparks. Mit meiner Enkelin Nele will ich die dort gebaute Spielgerätestrecke durchstreifen – auch als Abschied von ihrer Kindergartenzeit. Ihr älterer Bruder Till ist auch gespannt. Geplant ist eine Tour von der Bernauer Straße über den Mauergarten zur Kinderfarm Moritzhof. Ziel: das Eis-Café am Ende des Parks an der Ecke Kopenhagener Straße.




Vor 30 Jahren stand hier noch die Berliner Mauer. Vor meinem inneren Auge sehe ich den nächtlich angestrahlten Mauerstreifen. Da ich in der Nähe der Bernauer Straße wohnte, wies mir sein Schein immer den Weg zur Haltestelle, von der ich mit der Straßenbahn zur Nachtschicht fuhr. Bei der Rückkehr früh am Morgen signalisierten mir die hellen Lichtmasten nur selten die Grenze, sondern: Gleich bin ich zu Hause.
Die Enkel stürmen die Strecke voller fantasievoller Klettergerüste aus Holz und Stahl. Wer ist zuerst oben oder weiter? Den an diesen Parcours anschließenden Steinkreis aus Granitblöcken lassen wir links liegen. Denn: In der Ferne blinkt schon die Plexiglasverkleidung des Gewächshauses im Mauergarten. Verwundert stoßen die Kinder nach der Weite des Parks auf das verschachtelte Labyrinth der Hochbeete des Mauergartens. Es sieht geheimnisvoll aus. Einst war es im Märchen ein Apfelbaum, der rief: Ach, rüttle mich, ach schüttle mich… Hier ist es eine Tomatenstaude: Ach gießt mich, ich sprieß nicht! Im Gewächshaus befinden sich Kannen. Wasser gibt es an der Pumpe vom Spielplatz nebenan.
Beim Picknick erzähle ich, dass dieser Garten vor zehn Jahren der Wunschtraum einer Handvoll Leute war. Um ihn zu erfüllen, organisierten sie sich in einer Bürgerwerkstatt. Dort beanspruchten sie gegenüber dem Eigentümer des ehemaligen Bahngeländes einen Platz zum gemeinschaftlichen Gärtnern. Vor sieben Jahren konnte der Traum in der Wirklichkeit Wurzeln schlagen. Und es geht immer weiter: Für 2021 ist die Einrichtung eines Bienenplatzes im Schatten der Birke vorgesehen. Drei Beuten mit Glasfenstern laden dann zum Beobachten des Treibens der Bienen. Die Aussicht auf Honig begeistert die Kinder.
Auf dem Weg zur Kinderfarm Moritzhof kreuzen wir den einstigen Mauerverlauf. Er ist durch zwei Reihen Pflastersteine, in Stahlbänder gefasst, markiert. Till liest, was auf der gusseisernen Platte geschrieben steht: Berliner Mauer 1961–1989. In den Gehegen des Moritzhofes knabbern die Böcke und Kaninchen am Heu. Aber das Eis-Café zieht uns an. Doch erst setzt der große Bruder den Wasserpilz für eine Erfrischung unter Druck, während die kleine Schwester flugs die Kletterwand entert. Mühelos passiert Nele mit ihrem Roller schließlich die Poller der Schwedter Straße Richtung Eis-Café. Die an einem Augusttag 1961 längs dieser Straße errichtete Mauer hinterließ nach ihrer Öffnung 1989 eine veränderte Welt.




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Der Text ist auch im gedruckten Kiezmagazin „Der Kiez hinter dem Blätterdach“ enthalten, das im Mai 2021 erschienen ist. Weitere Beiträge aus dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neues Kiezmagazin: Der Kiez hinter dem Blätterdach“ gesammelt und verlinkt.

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