Weihnachten ist für viele das Fest der Lichter, der Familie und der Hoffnung – doch in den vielfältigen Kiezen im Wedding und in Gesundbrunnen stellt sich die Frage: Wie feiern Menschen miteinander, deren religiöse Traditionen verschieden sind? Dieser Text zeigt, warum Weihnachten längst mehr ist als ein christliches Fest, wie muslimische Familien es als Teil ihres Alltags erleben und wie interreligiöse Initiativen trotz schwieriger Zeiten Zuversicht und Zusammenhalt schaffen.

Ein Fest der Nähe – auch für Nichtchristen
Der Weihnachtsbrief des Ehepaars Dreier aus dem Ruhrgebiet, das ich sehr schätze und seit den 1990er Jahren zu meinem Freundeskreis zähle, beinhaltet eine Nachricht, die mich traurig stimmte. In der Folge des Nahost-Krieges musste das Abrahamsfest, bei dem Muslime, Juden und Christen seit Mitte der 1980er Jahren gemeinsam wirkten, beendet werden.
Das Abrahamsfest war für mich als Jugendlicher eines der ersten Foren, in denen ich Erfahrung im interreligiösen Dialog sammeln konnte. Und Pfarrer Hartmut war für mich ein Vorbild, wenn nicht ein Idol, im Umgang und in der Zusammenarbeit mit Andersglaubenden. Eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe und in gegenseitigem Respekt. „Alte Vorurteile werden wieder lebendig“, schreiben sie. „Rechthaberei“ sei Trumpf. Wahrlich haben der Dialog und das friedliche Miteinander heutzutage keine Hochkonjunktur.
Adventszeit im Kiez: Weihnachten als Teil des Alltags
Wenn in diesen Tagen die Lichterketten die Fenster erleuchten, der Duft von Zimt, Tannengrün und Gebäck durch die Straßen zieht, Weihnachtmärkte den Leopoldplatz und andere zentrale Orte schmücken und Kinder aufgeregt über Wunschzettel sprechen, dann ist klar: Es ist Adventszeit und bald ist Weihnachten. Für viele Christen ist es das wichtigste Fest des Jahres. Für uns Musliminnen und Muslime ist Weihnachten kein religiöses Fest – und doch ist es Teil unseres gemeinsamen Alltags, unserer Nachbarschaft, unseres Kiezes.
Als Muslim werde ich oft gefragt: „Feiert ihr eigentlich Weihnachten?“ Die ehrliche Antwort lautet: religiös nein, gesellschaftlich ja – oder besser gesagt: wir leben es irgendwie mit.
Religiös verschieden – menschlich verbunden
Im Islam gibt es kein Weihnachtsfest. Die Botschaft Jesu wie Barmherzigkeit und Nächstenliebe werden jedoch ausdrücklich anerkannt. Isa, wie Jesus im Koran genannt wird, gilt mit Noah, Abraham, Moses und Mohammad als einer der fünf großen Propheten Gottes. Auch Maria (Maryam) nimmt im Islam eine besondere Stellung ein – ihr ist sogar eine eigene Koransure gewidmet. Für einen Muslim gehören der Glaube an Jesus als Propheten und die Bibel als Offenbarungsbuch zum Glaubenskodex. Theologisch gehen Christentum und Islam zwar unterschiedliche Wege, doch wenn es um Werte geht, gibt es unzählige Gemeinsamkeiten.
Gerade deshalb lehnen viele muslimische Familien Weihnachten nicht ab. Sie wissen: Für ihre Nachbarinnen, Kollegen und Freunde ist dieses Fest mit Glauben, Hoffnung, Familie und Nächstenliebe verbunden – Werte, die auch im Islam zentral sind.
Wie muslimische Familien Weihnachten mitleben
Im Wedding und in Gesundbrunnen – wie in vielen Berliner Bezirken – leben Menschen unterschiedlichster Herkunft, Religionen und Lebensentwürfe Tür an Tür. Weihnachten findet hier nicht nur in Kirchen statt, sondern auch auf der Straße, in Schulen, Kitas und Nachbarschaftszentren. Kinder basteln Sterne, Eltern wünschen sich „Frohe Weihnachten“, Nachbarn kommen ins Gespräch.
Viele muslimische Familien nehmen daran selbstverständlich teil. Sie schmücken keinen Weihnachtsbaum aus religiöser Überzeugung, aber sie freuen sich über die Lichter. Sie gehen nicht in den Gottesdienst, aber sie bringen den Nachbarn Weihnachtsgeschenke vorbei. Sie erklären ihren Kindern, warum andere Weihnachten feiern.

„Koran trifft Bibel“: Dialog auf Augenhöhe
Wie respektvolles Miteinander ganz praktisch aussehen kann, zeigt eine gemeinsame Veranstaltung von Kubik e. V. und der evangelischen Gemeinde am Hausotterplatz in Reinickendorf. Unter dem Titel „Koran trifft Bibel“ kommen Muslime und Christinnen in der Adventszeit zusammen, um sich über ihre heiligen Schriften auszutauschen – nicht belehrend, sondern zuhörend. Mehr zu dem Projekt steht im Beitrag Weihnachten mit Baklava – eine Nachbarschaftsgeschichte.
Gerade in der Adventszeit, die im Christentum für Erwartung, Besinnung und Hoffnung steht, entsteht so ein besonderer Raum des Dialogs. Texte aus dem Koran und der Bibel werden nebeneinandergestellt, Gemeinsamkeiten und Unterschiede benannt, Fragen gestellt – ohne missionarischen Anspruch. Es geht nicht darum, Recht zu haben, sondern einander zu verstehen.
House of One: Ein Zeichen der Hoffnung aus Berlin
Glaube ist Hoffnung. Und ohne Hoffnung auf eine andere, bessere Welt gibt es kein gemeinsames Handeln. Über den Kiez hinaus steht Berlin mit dem House of One für genau diese Haltung. Das interreligiöse Projekt, in dem Synagoge, Kirche und Moschee unter einem Dach entstehen, ist mehr als ein Gebäude. Es ist ein starkes Zeichen des Vertrauens und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft – gerade in einer Zeit, in der Religion oft als Trennlinie wahrgenommen wird.
Das House of One zeigt, dass religiöse Vielfalt nicht zur Spaltung führen muss, sondern zur gemeinsamen Verantwortung für Frieden. Weihnachten, als Fest der Hoffnung im Christentum, bekommt in diesem Zusammenhang eine zusätzliche gesellschaftliche Bedeutung. Es erinnert daran, dass Glaube – egal aus welcher Tradition – dann stark wird, wenn er dem Zusammenleben dient.
„Weihnachten für alle“: Ein Nachbarschaftsfest in Spandau
Ein weiteres Beispiel für diese gelebte Offenheit kommt aus Spandau: Das Sozialunternehmen IBEB gGmbH, ein Bildungsträger, der von Menschen mit muslimischer Migrationserfahrung gegründet wurde, veranstaltet seit Jahren ein Nachbarschaftsfest in der Adventszeit. In diesem Jahr stand die Veranstaltung bewusst unter dem Titel „Weihnachten für alle“.
Der Name ist Programm. Das Fest richtet sich an die gesamte Nachbarschaft – unabhängig von Religion oder Herkunft. Es geht um Begegnung, um gemeinsames Essen, Musik, Gespräche und das Gefühl, dazuzugehören. Dass ein von Musliminnen und Muslimen gegründeter Träger ein solches Fest organisiert, zeigt: Weihnachten wird hier nicht als religiöse Grenze verstanden, sondern als gesellschaftlicher Moment des Zusammenkommens.
Solche Initiativen machen deutlich, dass Teilhabe nicht bedeutet, religiöse Unterschiede zu verwischen. Sie bedeutet, Räume zu schaffen, in denen Vielfalt selbstverständlich gelebt wird.

Kleine Gesten, große Wirkung im Miteinander
Ob interreligiöse Dialogabende, Nachbarschaftsfeste oder ein freundlicher Gruß im Treppenhaus – oft sind es die kleinen Gesten, die Vertrauen schaffen. Sie haben nichts mit Assimilation, also der Aufgabe der eigenen Identität, zu tun, sondern mit Verantwortung füreinander.
Viele muslimische Familien erleben diese Offenheit auch umgekehrt, etwa zum Ramadan oder zum Zuckerfest. Aus gegenseitigem Respekt wächst Nachbarschaft.
Identität braucht keine Angst
Manche Debatten wirken unnötig zugespitzt: Darf ein muslimisches Kind Weihnachtslieder singen? Darf man „Frohe Weihnachten“ wünschen? Verliert man dadurch etwas von sich selbst?
Der Alltag zeigt ein anderes Bild: Viele muslimische Familien unterscheiden klar zwischen religiöser Praxis und sozialem Miteinander. Ein Lied in der Schule ist kein Glaubensbekenntnis. Ein freundlicher Gruß ist kein Identitätsverlust. Identität wird nicht schwächer durch Begegnung – sie wird bewusster. Im von meinen Freunden aus dem Ruhrgebiet, in dem sie auch von neuen Dialogprojekten berichten, steht: „Wir sind weiterhin unterwegs auf der Suche nach Zeichen der Zuversicht, von Hoffnung und Zusammenarbeit. Bleibt im neuen Jahr zuversichtlich und behütet!“ In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern und Leserinnen frohe Weihnachten und ein neues Jahr, in dem sie viel Zuversicht, Hoffnung und Vertrauen spenden und empfangen.
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Weitere Beiträge über das interkulturelle Leben im Wedding und in Gesundbrunnen stehen auf der Seite Interkulturelles Leben im Wedding.

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