Weihnachten mit Baklava – eine Nachbarschaftsgeschichte

Am Dienstag, den 16. Dezember, fand in der Evangeliums-Kirche am Hausotterplatz das interreligiöse Treffen „Koran trifft Bibel“ statt. Zu dem als „Weihnachten mit Baklava“ bezeichneten Abend kamen Mitglieder der Evangeliums-Kirchengemeinde und des Kulturvereins Kubik e.V. zu einem gemeinsamen Essen und Austausch zusammen. Initiiert wurde der Kontakt kurz hinter Weddings Grenze von Fevziye Gürkan, Mitglied von Kubik e.V., die den Dialog mit der evangelischen Kirchengemeinde aufgebaut hat.

"Koran trifft Bibel" am 16. Dezember bei der Evangeliums-Kirchengemeinde
„Koran trifft Bibel“ am 16. Dezember bei der Evangeliums-Kirchengemeinde. Foto: Süleyman Bağ

Ein Treffen am Hausotterplatz

Es begann an Ostern 2021, mitten in der Corona-Zeit. Wie jedes Jahr hatten wir unseren deutschen Nachbarinnen und Nachbarn im Haus Schokolade geschenkt und zum Fest gratuliert. Mit einer letzten übrig gebliebenen Tafel in der Hand gingen mein Mann Ahmet und ich noch ein Stück spazieren. Am Hausotterplatz kamen wir an der Evangeliums-Kirchengemeinde vorbei und sahen, wie einige Menschen am Zaun standen und der Pfarrerin Manuela Michaelis zum Osterfest gratulierten. Sie verteilte bunte Ostereier.

Wir gratulierten ebenfalls und gaben ihr die letzte Schokolade, die wir dabeihatten. Sie freute sich sehr über die Geste, und wir erzählten ihr von unserer jährlichen Tradition im Haus. Einige Monate später – kurz vor Weihnachten – meldeten wir uns bei ihr mit der Idee, als muslimische Nachbarn Baklava an die Gemeinde zu verteilen. So standen wir wenig später in der Kirche und verschenkten Baklava. Seitdem nennt die Pfarrerin dieses Treffen liebevoll „Weihnachten mit Baklava“.

Vom ersten Kontakt zum regelmäßigen Austausch

Mit der Zeit tauschten wir Telefonnummern aus, schrieben uns Nachrichten und verabredeten weitere Treffen. Wir besuchten die Pfarrerinnen in der Kirche, tranken Tee und Kaffee und lernten uns immer besser kennen. Bei einer Veranstaltung des Kindergartens der Gemeinde stellten wir ehrenamtlich einen Teestand auf und sammelten Spenden. Je häufiger wir uns trafen, desto mehr interessierte sich die Pfarrerin dafür, welcher muslimischen Gemeinde wir angehören. Wir erzählten ihr von unserem Kulturverein Kubik e.V. im Wedding. Obwohl die Kirche hauptsächlich mit Einrichtungen in Reinickendorf kooperiert, betonten wir, dass wir vor allem als Nachbarn aktiv sein möchten – und dass gemeinsame Aktivitäten zwischen Christinnen und Christen sowie Musliminnen und Muslimen genau hier vor Ort entstehen sollen.

Nach und nach lernte die Kirchengemeinde unseren Verein kennen und umgekehrt. Es entstand ein regelmäßiger Austausch. Das Interesse an Glaubensfragen wuchs auf beiden Seiten, und immer mehr Menschen schlossen sich an. Gemeinsam mit Pfarrerin Margareta Trende und der muslimischen Theologin Kübra Dalkılıç organisierten wir Veranstaltungen über Gemeinsamkeiten von Koran und Bibel. Schließlich entstand das Projekt „Koran trifft Bibel“.

Begegnung auf Augenhöhe

Seit 2023 treffen wir uns etwa einmal im Quartal, wechselnd in der Kirche oder bei Kubik. Die Themen legen wir gemeinsam mit den Teilnehmenden fest. Es entstehen jedes Mal offene Gespräche, viele Fragen werden gestellt, Barrieren werden abgebaut und auch Frauen mit Kopftuch werden direkt und wertschätzend eingebunden. Der gemeinsame Abschluss gehört inzwischen dazu: ein herzliches Abendessen – und natürlich Tee und Süßigkeiten.

Flyer für das interkulturelle Treffen am 16. Dezember
Flyer für das interkulturelle Treffen am 16. Dezember. Grafik: Veranstalter

Gemeinsames Fastenbrechen

Einer der schönsten Momente war, als wir die Kirchengemeinde zum Fastenbrechen im Ramadan einluden. Pfarrerin Trende bot uns daraufhin spontan die Räumlichkeiten der Kirche an. Das gemeinsame Fastenbrechen wurde ein so berührendes Erlebnis, dass es inzwischen seit vier Jahren dort stattfindet. Vor dem Essen sprechen wir über das Fasten im Islam und im Christentum – und danach essen alle gemeinsam an einer langen Tafel.

Corona hat viele getrennt – uns aber zusammengebracht. Was als kleine nachbarschaftliche Geste begann, ist heute eine feste Brücke zwischen zwei Gemeinden. Der Dialog zwischen Koran und Bibel zeigt: Glaube verbindet – wenn Menschen den ersten Schritt tun.

Text: Fevziye Gürkan, Fotos: Süleyman Bağ

Weiterlesen

Weitere Beiträge über das interkulturelle Leben im Wedding und in Gesundbrunnen stehen auf der Seite Interkulturelles Leben im Wedding.

Hinweis: Dieser Text entstand im Rahmen des Projekts „Mehr Teilhabe in der Stadtgesellschaft“ von Kubik e.V. Das Brunnenmagazin ist Medienpartner dieses Projekts.

📍 Kiez:

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Brunnenmagazin

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen