Neckermann: Die unbekannte Geschichte aus den Osram-Höfen

In fast jedem Haushalt gab es einst einen Neckermann-Katalog mit Tausenden Produkten, die per Bestellformular geordert werden konnten. Der Aufstieg des Versandhauses wird vor allem mit den Wirtschaftswunderjahren der 1950er- und 1960er-Jahre verbunden. Doch seine Vorgeschichte führt in den Wedding – und zu dem jüdischen Unternehmer Karl Joel, der in den heutigen Osram-Höfen einen erfolgreichen Versandhandel betrieb.

Hoffassade der Osram-Höfe im Wedding
In den heutigen Osram-Höfen betrieb Karl Joel ab 1934 seinen Versandhandel. 1938 übernahm Josef Neckermann das Unternehmen. Foto: Carsten Schmidt

Die Geschichte der Osram-Höfe

Was heute Carrée Seestraße heißt, blickt auf eine mehr als 120-jährige Geschichte zurück. Die gelben Fassaden der kantig geschnittenen Gebäude mit ihren großen Fenstern fallen sofort ins Auge: funktionale Gründerzeit-Industriearchitektur ohne viel Schnickschnack.

Das Gebäudeensemble zwischen Seestraße, Oudenarder Straße und Groninger Straße entstand zwischen 1904 und 1914. Hier ließ die Bergmann Electricitäts-Werke AG zunächst Metallfadenlampen produzieren. Später wurden frei gewordene Flächen an andere Unternehmen vermietet. Osram kaufte 1935 das Areal.

Eine Besonderheit findet sich an der Schmalseite in Richtung Gesundbrunnen. Die heutige Groninger Straße wechselte mehrfach ihren Namen: Bis 1947 hieß sie Utrechter Straße, bis 1937 Hennigsdorfer Straße. Unter dieser Adresse findet sich eine erste Spur zu Karl Joel.

Historischer Stadtplan mit markiertem Standort von Karl Joels Versandhandel an der Oudenarder Straße
Der markierte Gebäudeteil zeigt den Standort von Karl Joels Versandhandel auf dem Gelände der heutigen Osram-Höfe. Foto: Straube Berlin Plan 1920 (Ausschnitt), Quelle: HistoMap Berlin

Spuren im Berliner Adressbuch

Zum Areal der Osram-Höfe gehörte die Adresse Hennigsdorfer Straße 29. Im Berliner Adressbuch von 1935 führt die Spur zunächst zur Oudenarder Straße 14–15, dessen Gebäude im Besitz von Osram war. Der Mieter hieß Karl Joel mit dem Hinweis: Textil Versandhaus. Osram nutzte also nicht das ganze Areal. Auch in den Adressbüchern von 1937 und 1938 findet sich der Name Karl Joel, nun mit dem Zusatz: Wäschemanufaktur. 1938 erfolgte die Umbenennung seines Firmensitzes in „Utrechter Straße 25-27“.

Im Adressbuch von 1939 taucht an dieser Stelle erstmals ein anderer Name auf: Josef Neckermann. Sein Unternehmen wird als „Wäsche- und Kleiderfabrik“ geführt. Auch 1940 findet sich dieser Eintrag. Im Amtlichen Fernsprechbuch für den Bezirk der Reichspostdirektion Berlin desselben Jahres ist Neckermann zudem unter den Versandgeschäften aufgeführt.

In den Berliner Adressbüchern von 1941 bis 1943 findet sich der Neckermann-Betrieb nicht mehr unter der Straßenadresse, sondern nur noch unter der Kategorie Unternehmen/Branchen.

Historischer Eintrag der Wäsche- und Kleiderfabrik Josef Neckermann in der Utrechter Straße 25–27
Josef Neckermanns Wäsche- und Kleiderfabrik ist im amtlichen Fernsprechbuch von 1940 unter der Adresse Utrechter Straße 25–27 in Berlin N 65 verzeichnet. Quelle: ZLB Berlin

Karl Joel: Jüdischer Unternehmer im Versandhandel

Karl Amson Joel (1889–1982) stammte aus einer jüdischen Textilfamilie aus Ansbach bei Nürnberg. Er war mit Meta Joel, geb. Fleischmann (1893–1971), verheiratet. 1922 zog das Paar nach Nürnberg, ein Jahr später wurde Sohn Helmut (1923–2011) geboren. Er war der Vater des später weltberühmten Musikers Billy Joel.

Karl Joel hatte den Beruf des Kaufmanns von der Pike auf gelernt und war in der Textil- und Lederwarenbranche tätig. Zusammen mit Max Strauß führte er seit 1920 eine Handelsgesellschaft für den Großhandel mit Baumwollwaren. Zugleich war er, wie sein Bruder Leon Joel, für die vom Vater aufgebaute Wäschemanufaktur Ansbach tätig – als Vorstand und im Aufsichtsrat.

Werbeanzeige der Wäschemanufaktur Karl Joel in Nürnberg aus dem Jahr 1930
Karl Joel warb 1930 in der „Sonntags-Zeitung fürs Haus“ für den Direktversand seiner Wäschewaren an Privathaushalte. Quelle: Anno, Historische österreichische Zeitungen und Zeitschriften

Der Versandhandel ohne stationären Laden war damals etwas Neues. Darin sah Karl Joel eine Chance. Im Deutschen Reichsanzeiger erschien am 30. September 1927 eine Bekanntmachung zu seiner „Wäschemanufaktur Nürnberg“. Als Geschäftszweck wurde der „Handel und die Herstellung von bzw. mit Damen-, Herren- und Bettwäsche sowie Baumwollwaren“ angegeben.

Von Nürnberg aus baute Joel innerhalb weniger Jahre einen Versandhandel mit Arbeits- und Berufsbekleidung, Bett- und Leibwäsche sowie Schürzen auf. In der Sonntags-Zeitung fürs Deutsche Haus erschienen regelmäßig große Werbeanzeigen mit der Losung „Sparen ist das Gebot der Stunde“.

Übersiedlung nach Berlin – mit viel Hoffnung und Gepäck

Der Erfolg Joels blieb nicht unbeachtet. Insbesondere die zu Beginn der 1930er Jahre erstarkende Rechte in Nürnberg hatte ein genaues Auge auf den jüdischen Kaufmann. Im antisemitischen Hetzblatt Der Stürmer erschien ein großer Artikel über Karl Joel mit dem Titel „Der Nürnberger Wäschejude“.

Viele Jahrzehnte später erinnerte sich sein Sohn Helmut: „Mein Vater ist heimgekommen und sagte ‚Ich bin im Stürmer, jetzt bin ich berühmt‘“ – was natürlich ironisch gemeint war. Joel wusste, was die Aufmerksamkeit seitens der Rechten bedeutete. Er entschied für sich und seine Familie von Nürnberg nach Berlin zu ziehen, um den antijüdischen Schikanen zu entkommen.

Im Juni 1934 ließ Karl Joel für den Umzug nach Berlin gut 160 Bahnwaggons beladen. Als neuen Firmenstandort mietete er vier Etagen in den Osram-Höfen im Wedding und investierte in neue Maschinen und Geräte. Für seine Familie kaufte er eine Villa in Berlin-Westend in der Tannenbergallee 2–4.

Im Deutschen Reichsanzeiger wurde am 13. Juli 1934 die Eintragung der Wäschemanufaktur Karl Joel ins Handelsregister Berlin-Charlottenburg bekannt gegeben. Joels Frau Meta erhielt Prokura. Am 27. Juli 1934 folgte eine weitere Bekanntmachung, dass in Nürnberg nur noch eine Niederlassung existiere und Meta Joel die Einzelprokura habe.

Joels Versandhandel in den Osram-Höfen

Auf den Fabriketagen an der Hennigsdorfer Straße Ecke Oudenarder Straße baute Karl Joel seinen Versandhandel neu auf. Die weitläufigen Etagen im Wedding boten viel Platz für Lager, Büros, Disposition und effiziente Arbeitsabläufe. In Nürnberg befand sich weiterhin eine Näherei.

Sein Versprechen an die Kunden: „Garantie: Was nicht entspricht, nehme ich zum vollen Preis zurück!“, war auf der ersten Seite des Berliner Bestellkatalogs von 1934 zu lesen. Der Katalog umfasste zwölf Seiten. Jedes Produkt hatte eine Bestellnummer, eine kurze Beschreibung und eine Preisangabe.

Preisliste der Wäschemanufaktur Karl Joel in Berlin N 65 von 1936 mit Abbildung des Fabrikgebäudes
Die Preisliste von 1936 nennt als Adresse der Wäschemanufaktur Karl Joel die Hennigsdorfer Straße 29 in Berlin N 65. Oben ist das Fabrikgebäude abgebildet. Foto: Claus Jahnke Collection

Der Bestellkatalog von 1936 zeigt die imposante Fabrikfassade mit dem Hinweis „Wäschemanufaktur, Hennigsdorfer Straße 29“. Der Katalog war für Bestellungen bis Weihnachten 1936 bestimmt, der Versand erfolgte ausschließlich an Privathaushalte. Joel gehörte damals zu den größten Versandhändlern Deutschlands.

1938: Karl Joel verliert sein Unternehmen

1937 erzielte Karl Joels Unternehmen einen Umsatz von rund einer Million Reichsmark pro Monat. Doch die Bedingungen für den jüdischen Unternehmer verschärften sich zunehmend. Lieferanten kündigten ihre Verträge, Werbung in regulären Tageszeitungen war ihm nicht mehr möglich. Die Umsätze brachen ein.

Im Zuge der nationalsozialistischen ‚Arisierung‘ verlor Karl Joel 1938 sein Unternehmen. In der Jüdischen Rundschau erschien im September sein Name unter den Unternehmen, die in „arischen Besitz übergegangen“ waren. Als neuer Eigentümer wurde Josef Neckermann aus Würzburg genannt. Bis Oktober 1938 war die Firma im Handelsregister auf Neckermann umgetragen.

Ignatz Bubis konstatierte einst über dieses Schicksalsjahr für tausende jüdische Unternehmer und Kaufleute: „1938 gab es kaum noch größere jüdische Unternehmen, die in irgendeiner Form frei über den Betrieb verfügen konnten selbst wenn sie noch nominal die Besitzer waren“.

Josef Neckermann übernimmt Joels Unternehmen

Die im Frühjahr 1938 angekündigte Unternehmensaufgabe von Karl Joel ging damals wie ein Lauffeuer durch die Branche sowie die Bankenwelt. Der mittlerweile politisch hervorragend vernetzte Josef Neckermann (1912-1992) erhielt einen Tipp von seiner Bank. Der Preis für Joels Unternehmen lag zunächst bei 2,3 Millionen Reichsmark. Später wurde dessen Wert mit zwölf Millionen Reichsmark beziffert. Neckermann zahlte schließlich 1,14 Millionen Reichsmark auf ein Treuhandkonto ein.

Neckermann sagte rückblickend: „Ich selbst war irrsinnig interessiert endlich in den Versand vorzustoßen, der für mich eine gewisse Traumvorstellung hatte. Und hier bin ich eigentlich mit meinen Bemühungen auf sehr fruchtbaren Boden gestoßen, denn man war im Wirtschaftsministerium, Neckermann korrigiert sich Reichswirtschaftsministerium, unbedingt der Meinung, dass ein solches Haus fortgesetzt werden müsse“. Mit ‚solches Haus‘ meinte Neckermann den Versandhandel von Karl Joel.

Karl und Meta Joel fliehen aus Berlin

Der Vertrag über den Verkauf von Karl Joels Versandhandel an Josef Neckermann wurde am 11. Juli 1938 unterzeichnet. Joel durfte den Vertrag nicht persönlich unterschreiben, dies übernahm eine bevollmächtigte Person. Die Tinte unter dem Vertrag war noch nicht trocken, da flüchteten Karl und Meta Joel aus Angst vor einer Verhaftung mit dem Nachtzug von Berlin nach Zürich.

Von der Schweiz aus versuchte Joel, an sein Geld zu kommen. Vergeblich. Die Bank lehnte die Auszahlung mit der Begründung ab, Joel sei Devisenausländer. Die Zeit drängte. Über komplizierte Umwege wanderten Karl, Meta und ihr Sohn Helmut schließlich in die USA aus.

Am 13. März 1940 wurde Karl und Meta Joel die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. In der Ausgabe des Deutschen Reichsanzeigers vom 13. Juni 1940 stand: „Das mit Bekanntmachung vom 13. März 1940 beschlagnahme Vermögen der ehemaligen deutschen Staatsangehörigen Karl Amson Joel, Meta Joel, geb. Fleischmann, … wird gemäß § 2 Abs. 1 des Gesetzes über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit vom 14. Juli 1933 (Reichsgesetzbl. I S. 480) als dem Reiche verfallen erklärt“. Mit einfachen Worten: Das Vermögen gehörte von nun an dem Deutschen Reich. Karl Joel hatte alles verloren.

Neckermann produziert weiter im Wedding

Nach der Übernahme durch Josef Neckermann ging der Versandhandel im Wedding weiter. Auf der Herbst-Preisliste von 1939, dem ersten Neckermann-Katalog aus Berlin, ist als Adresse seiner Wäsche- und Kleiderfabrik die Utrechter Straße 25–27 in Berlin N 65 angegeben. Neckermann übernahm nicht nur die Fabrikräume im Wedding, sondern auch Joels Villa samt Inneneinrichtung und Fahrer.

Historischer Stadtplan mit markiertem Standort von Josef Neckermanns Betrieb im Wedding
Der markierte Gebäudeteil an der Oudenarder Straße und der damaligen Utrechter Straße zeigt den Standort des Neckermann-Betriebs im Wedding. Grafik: HistoMap Berlin

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 erhielt Neckermann Aufträge aus dem Umfeld des Reichswirtschaftsministeriums. Sein damaliger Buchhalter Rudolf Weber sagte rückblickend: „Der Herr Neckermann war ein großer, dass kann ich nur so offen sagen, Kriegsgewinner. Er hat an dem Krieg ganz eminent verdient. Das kann ich deswegen mit gutem Gewissen sagen, weil ich im Betrieb in Bärringen (b. Karlsbad) die Kalkulation gemacht habe und wusste was an jeder Fliegerbluse verdient wird. Und er hatte noch einen Betrieb in Lodz“. Dieser Betrieb befand sich im Ghetto. Später kamen weitere Produktionsstätten in anderen KZs hinzu.

Fabriken in Deutschland stellten 1939 auf Kriegsproduktion um. Josef Neckermann galt zu Beginn des Krieges als „unabkömmlich“ und seine Unternehmen waren „kriegswichtig“. Was in dieser Zeit in Neckermanns Weddinger Betrieb produziert wurde, bleibt nach den bisherigen Recherchen offen. Fest steht, dass die von Karl Joel übernommenen Räume mindestens bis 1943 von Neckermann genutzt wurden. In den ausgewerteten Tageszeitungen fanden sich jedoch keine Stellenanzeigen oder Produktwerbung für den Weddinger Versandhandel.

Andere Betriebe Neckermanns waren in die Kriegsproduktion eingebunden. Dort wurden unter anderem Uniformen und Arbeitskleidung hergestellt; dabei kamen auch Zwangsarbeiter zum Einsatz. 1943 wurde Josef Neckermann Leiter der Reichsstelle Kleidung.

Neckermann und Joel: Zwei unterschiedliche Wege

Am Ende des Zweiten Weltkriegs waren auch Gebäude der Osram-Höfe beschädigt.Josef Neckermann war vor den Bombenangriffen auf Berlin nach Süddeutschland geflüchtet. Nach Kriegsende wurde er verhaftet. 1948 wurde er im Rahmen der Entnazifizierung als „Mitläufer“ eingestuft und zu einer Geldbuße von 2.000 Reichsmark verurteilt. Anschließend gründete Neckermann erneut einen Versandhandel, der ihn in den folgenden Jahrzehnten bundesweit bekannt machte.

Karl Joel führte dagegen in New York ein ganz anderes Leben. Er stellte Haarschleifen her und verkaufte sie an Warenhäuser. Nach einem langen Wiedergutmachungsverfahren erhielt Joel schließlich zwei Millionen D-Mark Entschädigung. 1964 kehrte er mit seiner Frau nach Nürnberg zurück. Auf dem dortigen jüdischen Friedhof befindet sich das gemeinsame Grab des Ehepaars. In den heutigen Osram-Höfen erinnert dagegen nichts mehr daran, dass Karl Joel hier einst einen der großen deutschen Versandhandelsbetriebe führte.

📍 Kiez:

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Brunnenmagazin

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen