Jüdische Geschäftswelt in der Brunnenstraße

Die Brunnenstraße hatte 1910 insgesamt 198 Hausnummern. Vom Rosenthaler Platz bis zum Bahnhof Gesundbrunnen verliefen rechts der Straße die Hausnummern 1 bis 106. Auf der anderen Seite zurück kamen erst der Humboldthain und dann die Nummern 107 bis 198. An ihr reihten sich Wohn- und Geschäftshäuser mit Seitenflügeln, Hinterhäusern und teilweise tiefen Grundstücken auf. Erst die Straßenbahn und später die U-Bahn sorgten für eine Personenbeförderung. Wir begeben uns auf Spurensuche nach Händlern und Betrieben, die für ihre Produkte oder Dienstleistungen in den jüdischen Tageszeitungen warben.

Anzeigen von jüdischen Geschäften  1890. Collage: Carsten Schmidt
Anzeigen von jüdischen Geschäften 1890. Collage: Carsten Schmidt

Erste Firmenanzeigen in den 1890er Jahren

Im Jahr 1879 gründete sich der jüdische Religionsverein Beth Zion, dessen Synagoge sich bis 1939 an unterschiedlichen Adressen entlang der Brunnenstraße befand (siehe: Die Beth-Zion-Gemeinschaft in der Brunnenstraße). Seine Mitglieder wohnten und arbeiteten oftmals ebenfalls in der Nachbarschaft. Aber nicht nur die Mitglieder waren potenzielle Kunden, sondern die schnelle Bevölkerungszunahme versprach zahlreiche weitere Käufer.

In den jüdischen Tageszeitungen der 1890er Jahre warben die Unternehmen: H. Klemm für Champagner-Weissbier und Tafel-Weissbier (Fabrik: Brunnenstraße 116), Bocklitz Deutsche Chocoladen- u. Honigkuchenfarbik (Laden: Brunnenstraße 177), Max Bloch Wäscherei und Färberei (Fabrik: Brunnenstraße 73), W. & G. Neumann Korsetts (Laden: Brunnenstraße 195) und Paul Otto für Jalousien (Fabrik/Werkstatt: Brunnenstraße 20). Das Unternehmen W. & G. Neumann wurde 1878 von William Neumann gegründet und existierte bis 1938, es erlosch 1940. Aus der Korsett-Fabrik mit deutschlandweit circa 90 Spezialgeschäften um 1910 wurde zunehmend ein Unternehmen für Hausbekleidung, wie es eine elegante Werbefotografie von 1930 dokumentierte.

Foto und Anzeige vom Geschäft von Max Bloch in der Brunnenstraße. Foto: Wikipedia, Collage: Carsten Schmidt
Foto und Anzeige vom Geschäft von Max Bloch in der Brunnenstraße. Foto: Wikipedia, Collage: Carsten Schmidt

Max Bloch an der Brunnenstraße 73

Etwas Besonderes war die Reinigung von Max Bloch, die als Kunstfärberei und chemische Waschanstalt bezeichnet wurde. Das Unternehmen veröffentlichte im Hauptkatalog der Berliner Gewerbeausstellung 1896 eine ganzseitige Anzeige. Demnach konnten sämtliche Haushaltstextilen, aber auch Teppiche gereinigt und aufgearbeitet werden. Max Bloch hatte sein Unternehmen bereits 1869 gegründet und betrieb um 1900 zahlreiche Annahmestellen in der Stadt, aber auch in Potsdam (Wilhelmsplatz), Schöneberg (Hauptstraße 1) und Spandau (Breite Straße 61).

Aus den Annahme-Filialen kamen die Sachen in die Hoffabrik Brunnenstraße 73. Es wurde geworben mit einer Reinigung „bei schonenster Behandlung und vorzüglicher Appretur“. Der Firmengründer starb am 24. Januar 1912 und wurde zwei Tage später auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beigesetzt. Trotz dieses Schicksalsschlags, denn Max Bloch verstarb im Alter von nur 68 Jahren, betrieben die Söhne Siegfried und Leopold das Unternehmen weiter: erst in der Brunnenstraße und in den 1920er Jahren in der Koloniestraße 91-93.

Anzeigen von jüdischen Geschäften  1900. Collage: Carsten Schmidt
Anzeigen von jüdischen Geschäften 1900. Collage: Carsten Schmidt

Hutmode, Klaviere und Genusswaren um 1900

In den Jahren nach 1900 warben zwar nicht deutlich mehr Firmen in den jüdischen Tageszeitungen, aber es kamen weitere Branchen hinzu. Es gab einen Hinweis auf die Piano-Firma von Rudolf Schmidt in der Brunnenstraße 11 mit Pianos, Flügeln und Harmoniums von den Firmen Steinway, Bechstein und Jes Leve Duysen.

Mit vornehmen Hüten bei Joseph Cohn in der Brunnenstraße 114 kam die Mode an die Brunnenstraße. Das Geschäft wurde 1905 gegründet. Es ging über drei Etagen und zeigte ab 1. März 1909 die neuesten Kreationen. Von Kinder- und Sporthüten bis hin zu Trauerhüten reichte das 1.000 Modelle umfassende Sortiment – geworben wurde mit „Grösstes Specialhaus Berlins“. Bei Cohn gab es nicht nur Mode, sondern auch Menschlichkeit: 1912 veröffentlichte Joseph Cohn eine Traueranzeige für seinen Mitarbeiter Sami Nacht – bestattet auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee. Das Unternehmen bestand bis 1935. Darüber hinaus warb Zuntz`Gebrannte Kaffee für seinen Probe-Ausschank in der Brunnenstraße 192. Und die Firma J. Fassmann für sein Getränk Sauerbrunnen, welches in der Brunnenstraße 181 erhältlich war oder dort abgefüllt wurde.

Foto und Geschäftsanzeigen aus der Brunnenstraße. Foto: Wikipedia, Collage: Carsten Schmidt
Foto und Geschäftsanzeigen aus der Brunnenstraße. Foto: Wikipedia, Collage: Carsten Schmidt

Koschere Fleisch-Fabrik an der Brunnenstraße

Im Jahr 1902 veröffentlichte die Wurst- und Fleischwarenfabrik E. Becker’s in der „Israelitischen Wochenschrift“ eine Anzeige mit dem Hinweis „koscher“. Hierbei handelt es sich um den Metzger Ernst Becker. Er teilte seinen Kunden in einer Anzeige in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums“ 1893 mit, dass er nach 12-jähriger Berufserfahrung in jüdischen Wurst- und Fleischwarengeschäften nun den seit zwei Jahren bestehenden Verkaufsstand seiner Frau in der Central-Markthalle, Stand 165, weiterführen wird. Dazu gab es zwei weitere wichtige Informationen: „unter Aufsicht des approbierten Schächters Herrn J. Samuel“ und „Fabrik Steinstraße 7“.

Um 1902 eröffnete Becker seine neue Wurst- und Fleischfabrik in der Brunnenstraße 148. Hier befanden sich die Herstellung und der Versand – vermutlich auf dem Hof, während der Verkauf in der Markthalle weiterging. In seinen Anzeigen warb Becker neben der ausgezeichneten Qualität und den günstigen Preisen auch mit zahlreichen Auszeichnungen.

Jüdische Geschäfte: Anzeigen aus dem Jahr 1920. Collage: Carsten Schmidt
Jüdische Geschäfte in der Brunnenstraße: Anzeigen aus dem Jahr 1920. Collage: Carsten Schmidt

Die wirtschaftlich schweren 1920er Jahre

Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren nicht nur von politischen Unruhen gekennzeichnet, sondern von wirtschaftlichen Einschnitten. Die Hyperinflation und große Arbeitslosigkeit erzeugten ein Gefühl von kaum gekannter Unsicherheit. Wir erfahren aus einer Stellenanzeige von der Schirmfabrik L. Weinmann in der Brunnenstraße 191. Sie warb damit, dass an Samstagen und zu den jüdischen Feiertagen geschlossen sei. In der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ warb die Firma Schuhhaus A. Klein 1924 mit Sonderpreisen, die auch in ihrer Filiale Brunnenstraße 179 erhältlich waren. Darüber hinaus betrieb Otto Babekuhl eine Dampf-Wäscherei an der Adresse Brunnenstraße 79; so auch eine Anzeige von 1933.

Koschere Qualität gab es bei der Gänseschlächterei Louis Kiewe in der Brunnenstraße 81. Die Ware lieferte man in Groß-Berlin frei Haus. Koschere Produkte von der Gans gab es ebenfalls bei E. Popper. Und auch das Geflügelhaus H. Raphael bot in der Brunnenstraße 195 erstklassige Ware. Musikalisch ging es bei Herer & Co in der Brunnenstraße 191 zu, wo es in der ersten Etage eine große Auswahl an Pianos und Flügeln gab. Das Geschäft wurde 1925 gegründet und erlosch 1941.

Das Kaufhaus Tietz. Foto: Wikipedia, Collage: Carsten Schmidt
Das Kaufhaus Tietz. Foto: Wikipedia, Collage: Carsten Schmidt

Jandorf und Tietz: Große Namen, markantes Gebäude

Das Warenhaus-Unternehmen Tietz veröffentlichte viele Jahre Anzeigen in jüdischen Zeitungen – sowohl für das Haus in München als auch die Berliner Einkaufstempel. Einige Anzeigen warben für rituelle Bedarfsartikel, wie beispielsweise 1926. An der Brunnenstraße 19-21 übernahm Tietz Ende 1926 das Kaufhaus Jandorf – hier seit 1904. Anschließend wurde auch dieses Tietz-Haus in den jüdischen Tageszeitungen mitbeworben.

Jandorf und Tietz aber auch Wertheim waren Jahrzehnte die Zielscheibe von antijüdischer Hetze. 1932 feierte Tietz sein 50-jähriges Jubiläum. Das „Israelitische Familienblatt“ berichtete in der Ausgabe vom 7. April 1932 das die Eigentümer „mit Rücksicht auf die gegenwärtige Zeitlage von einer Feier Abstand nehmen.“

Tietz war Bestandteil der populistischen NS-Strategie, denn unter anderem wurde im März 1933 im „Völkischen Beobachter“ der Nachdruck eines gefälschten Schreibens veröffentlicht, wonach Tietz angeblich die KPD mit einem erheblichen Betrag unterstütze. Damit sollte die antijüdische Stimmung weiter angeheizt werden. Bei der groß angekündigten Boykottbewegung am 1. April 1933 ließ Tietz seine Berliner Warenhäuser geschlossen – vermutlich auch in der Brunnenstraße.

Im Mai 1933 kündigte die Stadt Berlin ihre Lieferverträge mit Tietz. Die Propaganda nahm weiter zu. Im Januar 1934 wurde die Union Vereinigte Kaufstätten GmbH mit den Geschäftsführern Robert Lamm und Ernst Ritter gegründet. Sie übernahmen u.a. das Tietz-Kaufhaus in der Brunnenstraße. Zu diesem Zeitpunkt war der Tietz-Konzern schon nicht mehr zu 100 Prozent im Familienbesitz. Ende 1934 titelte die „Jüdische Zeitung“ zynisch: „Kaufhaus Hermann Tietz-Berlin Judenrein“.

Anzeigen von jüdischen Geschäften  1930. Collage: Carsten Schmidt
Anzeigen von jüdischen Geschäften 1930. Collage: Carsten Schmidt

1930er Jahre: Wettlauf ums wirtschaftliche Überleben

Die 1930er Jahren waren für jüdische Einzelhändler besonders schwierig: jüdische Geschäfte verzeichneten einen Umsatzeinbruch, weil viele Kunden wegblieben, während jüdische Kunden immer wenige Geld hatten und vor lauter Unsicherheit sparsam haushalteten. Am 1. April 1933 fand die groß angelegten Boykottbewegung „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden“ statt. An jüdischen Geschäften rund um das Rosenthaler Tor gab es Aufschriften wie „Juden Raus!“ und „Nicht kaufen, Lebensgefahr!“ Nach der Aktion schikanierte SA-Leute jüdische Händler und es begann, wie beim Warenhaus Tietz, die unrechte Enteignung – bis 1938 wurden circa 60 Prozent aller jüdischen klein- und mittelständischen Unternehmen enteignet.

Jüdische Unternehmer versuchten mehr als zuvor über Anzeigen in den jüdischen Tageszeitungen Kunden anzusprechen. In der Fabrik von Curt Wenzel in der Brunnenstraße 53 wurden sogenannte „Vervielfältiger“ hergestellt – ein Vorläufer unserer Kopiergeräte. In einer Beschreibung zu dem beworbenen Produkt hieß es, dass dieser Werbedrucker in einer Stunde bis zu 1.000 Abzüge bei günstigsten Produktionskosten erstellt. Um klassisches Handwerk ging es bei Franz Hermens, einem Tischlermeister in der Brunnenstraße 45. Er bot Reparaturen ebenso wie das Aufarbeiten von Möbeln an. Fritz Gertz bot Malerarbeiten aller Art; Brunnenstraße 175.

Anzeigen von jüdischen Geschäften. Collage: Carsten Schmidt
Anzeigen von jüdischen Geschäften. Collage: Carsten Schmidt

Für koschere Gänseartikel warb 1935 Eduard Wassermann in der Brunnenstraße 71. Er hatte 1932 das Geschäft von Alfred Kohn übernommen (vormals an der Putbusser Straße 2 ansässig). An der Adresse Brunnenstraße 67 gab es ein Fuchs-Schuh-Geschäft und an der Brunnenstraße 9 das Schuhhaus Hartmann. Über Fuchs ist bekannt, dass das Unternehmen von Fritz Fuchs um 1900 gegründet wurde und eine Besitzübernahme 1936 stattfand. Wiederum handwerklich ging es bei der Buchdruckerei Max Schneller (gegründet 1886) in der Brunnenstraße 196 zu. Im gleichen Haus betrieb Gerhard Bloch die Arcana-Parfümerie.

Möbel, Sofas und Dekorationen gab es in der Brunnenstraße 1-2 bei Feder. Bertold Feder könnte man als Platzhirsch am Rosenthaler Platz bezeichnen, denn an dem Eckgebäude Brunnenstraße 1 gab es große Reklametafeln für sein Credit-Geschäft mit Möbeln. Von hier aus baute er sein Unternehmen auf. Bei Feder gab es nicht nur klassische Möbel, sondern man zeigte 1929 Bauhaus-Möbel in der Ausstellung Neues Wohnen. Den Katalog zierte auf dem Cover der Wassily-Chair von Marcel Breuer (Entwurf 1925). Bertold Feder verkaufte zu Beginn 1938 sein Unternehmen an Alfred Altmann. In der Pogromnacht 1938 wurden die Schaufenster zerstört und das Geschäft geplündert.

Ein weiteres Möbelhaus befand sich an der Hausnummer 30: L. Hirschowitz. Das Unternehmen von Leopold Hirschowitz, gegründet 1913, warb mit selbst produzierten Sitzmöbeln. Die Auflösung des Unternehmens begann 1938 und war 1940 abgeschlossen. An der Adresse Brunnenstraße 53 wurden Möbel bei J. Peyser hergestellt. Dazu gab es die Hinweise: „Tropenfeste Spezialanfertigungen“ und „Zerlegbare Couches“. Eher klein und bescheiden wird die Filz- und Hausschuhfabrik von Elfriede Rosner in der Brunnenstraße 82 gewesen sein. Wiederum im großen Stil verkaufte Eduard Süsskind an zahlreichen Standorten Weine und Spirituosen. So auch an der Brunnenstraße 42.

Jüdische Geschäfte in der Brunnenstraße: Fazit

Die Brunnenstraße war eine von zahlreichen Geschäfts- und Wohnstraßen Berlins, wo sich jüdische Unternehmer ansiedelten und über viele Jahre und Jahrzehnte etablierten. Laut den gefundenen Anzeigen waren es kleine und mittelständische Unternehmen, die Waren des täglichen Bedarfs, koschere Lebensmittel, Mode und spezialisierte Dienstleistungen in den Bereichen Schneiderei, Reparaturen und Handwerk anboten.

Auffällig viele Anzeigen gab es in den 1930er Jahren, was die NS-Politik der Ausgrenzung und Isolierung widerspiegelt. Denn erstmals waren jüdische Kaufleute auf jüdische Kunden angewiesen. Diese verfügten jedoch über immer weniger Kaufkraft. Viele Kaufleute musste bereits vor der Zwangsschließung 1939 ihr Geschäft aufgeben. Innerhalb weniger Jahre wurde die Vielfalt an der Brunnenstraße aufgrund der NS-Ideologie vernichtet und somit das gewachsene Straßenbild und das Kiezleben unwiederbringlich zerstört.

Zum Weiterlesen

Carsten Schmidt ist Autor des Buches „Bittersweet: Jüdisches Leben im Roten Wedding, 1871-1933“. Das Buch ist 2023 bei Hentrich & Hentrich erschienen. Eine Rezension ist unter der Überschrift Buch über verlorenes jüdisches Leben erschienen.

Weitere Beiträge über das interkulturelle Leben im Wedding und in Gesundbrunnen stehen auf der Seite Interkulturelles Leben im Wedding. Mehr Beiträge speziell über jüdisches Leben im Wedding und in Gesundbrunnen gibt es hier: Jüdisches Leben

Transparenzhinweis zum Beitragsbild: Das Bild basiert nicht auf einer historischen Aufnahme. Es handelt sich um eine Bildbearbeitung (mit KI), die lediglich illustrativen Zwecken dienen soll.

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