Zwischen Wedding und Mitte liegt ein Restaurant, das mehr ist als nur ein Zwischenstopp. Eine kulinarische Reise ins Nguyen Kitchen.
„When you’re alone and life is making you lonely, you can always go downtown“, singt Petula Clark, und ich muss immer ein bisschen daran denken, wenn ich vom Gesundbrunnen die Brunnenstraße Richtung Mitte – Downtown – hinunterlaufe. Die futuristischen (?), brutalistischen (?) 70er-Jahre-Wohnhäuser, die die alte Geschäftsstraße säumen, begleiten meinen Weg zum Restaurantdistrikt Berlin-Mitte südlich der U-Bahn-Station Bernauer Straße und wirken dabei wie architektonische Mahnmale dafür, was Menschen überzeitlich als schön empfinden.

Auf dem Weg
Naja … die Architektur hat auch etwas für sich. Die den Hochhäusern vorgelagerten Gewerbepavillon vor und hinter denen der Bürgersteig entlangläuft, geben der Straße einen ganz eigenen Flair. In den letzten Jahren hat sich auch eine bescheidene Kreativszene angesiedelt. Es wirkt, typisch Berlin, als würde die Straße immer noch ihr letztendliches Sein suchen und verharrt im ewigen Übergang zwischen Wedding und Mitte. STOPP – da hält ein kleines kulinarisches Juwel den schnurstracks promenierenden Grenzgänger auf, erscheint doch auf der Höhe Stralsunder Straße linkerhand das vietnamesische Restaurant Nguyen Kitchen.
Hier treffe ich mich mit meiner Restaurantkritikerin-Freundin Jo*, um zusammen zu testen und uns beide in der Restaurantkritik zu üben. Aufgabe einer Kritik ist es, den Geschmack des Lesers zu schulen, behaupte ich frech. Warum überhaupt ein Restaurant besuchen? Der Hauptgrund: Hunger und Wunsch nach Geselligkeit und Atmosphäre.
Ankunft im Nguyen Kitchen
Als ich ankomme, schlürft meine Begleitung schon genüsslich einen Honey Passion, eine fruchtige, gelb leuchtende Passionsfrucht-Limonade mit Honig. Die Limo ist sehr süß, was den Vorteil hat, dass der Geschmack noch erhalten bleibt, nachdem die Eiswürfel geschmolzen sind und ein erfrischender Extraschluck bleibt. Ein perfekter Sommerdrink. Ich bestelle mir einen vietnamesischen Kaffee, bei dem das heiße Wasser über einen metallenen Filteraufsatz langsam in ein Glas mit Kondensmilch tropft, die man dann mit dem Kaffee zu einer süßen Melange verrührt.


Atmosphäre zwischen Straße und Insel
Das Nguyen Kitchen besticht gerade im Sommer mit seiner biergartenartigen Außenterrasse. Sie legt sich etwas erhöht als kleine Insel in den Fluss der schon erwähnten davor und dahinter vorbeilaufenden Bürgersteige. Ein schattenspendender Baum und eine kleine Holzbalustrade mit Tempelschreinen als Eckpfeiler umrahmen die Terrasse. Sie geben ihr gerade in der warmen Jahrenzeit einen südostasiatischen Flair, einen Hauch Hanoi.
Im Brunnenviertel mit seiner sehr gemischten Bewohnerschaft und verschiedenen Milieus, migrantische, akademische, urberlinerische – hier im Nguyen Kitchen treffen sie zusammen. Es ist ein Ort für alle, und die türkische Großfamilie sitzt gleich neben dem Hipstermann. Diese Vielheit der Besucher spiegelt sich auch in der Speisekarte, bei der es auch für jeden Geschmack etwas gibt – Stichwort Fusion Kitchen. So gibt es neben traditionellen vietnamesischen Speisen auch eine Sushi-Auswahl.
Zwischen Sushi und Erwartung
Als Vorspeise gönnen wir uns ein vegetarisches Sushi. Der schwarz-weiße Klebereis bildet ein Nest, aus dem Gürkchen und Möhrchen wie ein kleiner Blumenstrauß herausragen. Sushi-Karten, das müssen wir etwas kritisch anmerken, scheinen ja in den letzten Jahren obligatorisch geworden zu sein in Restaurants. Sollen wohl ein asiatisches Geschmackserlebnis ermöglichen, auch wenn sie vielleicht gar nicht zum eigentlichen Repertoire der nationalen Küche gehören, die das Restaurant repräsentiert.
Deswegen entscheiden wir uns, eine Spezialität des Hauses zu bestellen: Lachs Nu’ong. Das ist laut Karte „gegrilltes Lachsfilet von bester Qualität, dazu Saisongemüse, gebraten in cremiger Kokos-Curry-Sauce“. Wir warten gespannt und lesen derweil den Gründungsmythos des Restaurants, den wir ja mitessen. Denn was versüßt einen Restaurantbesuch mehr als eine gute Geschichte?

Es waren also drei Geschwister, die gerne kochen. In ihrer Heimat gab es kaum Restaurants, und die Straßengarküchen hatten nur eine sehr begrenzte Auswahl. Gut kochen zu können, hatten diese drei Geschwister schon als kleine Kinder gelernt. „Schließlich sollte jedes Mädchen dies gut beherrschen“ – und weil sie nicht nur kleine Mädchen bleiben wollten, die für das tägliche Essen der Familie sorgten, sondern auch kühnen Unternehmergeist besaßen, gründeten sie Nguyen Kitchen. Und begeistern uns nun mit ihrer Kochkunst.
Der Hauptgang
Und so kommt der Lachs auf einem kleinen Schiffchen, mit einem feinen Karottengespinst garniert. Dazu gibt es Reis, Salat, Zitrone und daneben das Gemüse in einem kleinen Topfgefäß. Wir probieren beide, und ich schaue gespannt auf ihre Reaktion, denn in kulinarischen Sachen ist meine Begleitung unbestechlich. „Das Gemüse ist auf jeden Fall ordentlich gegart und hat noch Biss, das erlebt man nicht oft. Meistens ist es verkocht und butterweich: Pluspunkt“, sagt Jo*. Auch der Lachs besteht vor ihrem kritischen Gaumen, er hat eine knusprige, leicht süßliche Kruste und zergeht schön im Mund. „Wollen wir noch ein Dessert?“, fragt Jo*.
Süßer Abschluss
Die Dessertkarte bietet eine kleine, gezielte Auswahl, und wir entscheiden uns für Sesambällchen, gefüllt mit süßer Bohnenpaste, dazu eine Kugel Vanilleeis. Das wird als eine Yin-Yang-Kombination angepriesen, und vielleicht ist damit der Gegensatz zwischen den warmen Sesambällchen und dem kalten Vanilleeis gemeint. Vielleicht aber ist es aber auch der sich versöhnende Widerspruch zwischen Hart und Weich. Die mit Sesam-Samen besetzte, knusprige Teigumhüllung ist das Harte; sie muss man mit der Zunge zerstoßen. Während man das Bällchen kühlend im Mundinnenraum herumführt, kommt die süße Paste – der kulinarische Schatz – durch.

Nach einer kleinen Verdauungsphase schauen wir uns den Innenraum der Gastwirtschaft an, der viel Atmosphäre hat. Er bietet auch bei kühleren Wetterlagen genug dekorative Elemente, um mit der Fantasie für einige Zeit nach Fernost zu reisen. Grüne Holzfensterläden, tropische Monstera-Wandbemalungen, allerlei Grünpflanzen und Regenwaldnuancen – die Wände sind dekoriert mit Garkörben. Ein mit grünen Plastikpflanzen umwucherter, leuchtender Neonröhrenschriftzug mit dem Schriftzug „Nguyen Kitchen“ gibt dem Ganzen noch eine poppige Note.
So bescherte uns das Nguyen Kitchen einige wunderbare Geschmackserlebnisse und einen durch und durch runden kulinarischen Sommernachmittag.

Nguyen Kitchen: Gut zu wissen
Das Restaurant Nguyen Kitchen befindet sich in der Brunnenstraße 63 in 13355 Berlin-Gesundbrunnen. Es hat täglich 12 bis 22 Uhr geöffnet. Web: www.nguyenkitchen.info
Das Restaurant Nguyen Kitchen bietet vietnamesische Speisen und Sushi an.

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