Nordbahnhofpark – unsere grüne Einöde

Meinung. Wie das Leben so geht, hat es mich nach bald 70 Lebensjahren an den Rand des Wedding verschlagen. Eigentlich wuchs ich im ländlichen Frankreich zu einer Zeit auf, als die Motorisierung der Landwirtschaft gerade erst begonnen hatte und es noch keine intensive Tierhaltung gab. Dementsprechend waren alle Felder und Wege von Hecken umrandet. Vögel, Insekten, Wildtiere, Fische waren in Massen vorhanden.

Park am Nordbahnhof. Foto: Hensel
Eingang zum Park am Nordbahnhof. Foto: Hensel

Von der Eroberung der Umgebung

Für Kinder, die nach der Schule mehr oder weniger sich selbst überlassen waren und höchstens kleine Pflichtaufgaben zu übernehmen hatten, bot sich eine schier unendliche Abenteuerwelt vor der Tür. Frei von Hort, Ganztagsbetreuung, musikalischer Früherziehung oder Nachhilfeunterricht, angeregt durch die Lektüre von Wildwest-Jugendromanen, machte ich mich, wie damals meine Altersgenossen, an die Eroberung der nahen Umgebung mit einer Mischung aus enzyklopädischem Eifer und grenzenloser Fantasie.

Kürzlich führte mich der nun altersgemäße Müßiggang – ich bin Rentner – zu diesem grünen Streifen hin, der dem Namen „Park am Nordbahnhof“ eigentlich nicht verdient. Typisch Berlin-Mitte dachte ich: Es wird versucht, schönzureden, alles, was kaputt und schmutzig ist; bis hin zum Rand des Wedding. Die Bezeichnung Park ist ein Euphemismus seitens der Stadtplanung, andere sprechen von Einöde. Egal, wie man den Ort nennt, Park oder Einöde, alles in der Gegend steht im Gegensatz zu den vornehmen Vierteln Berlins, wo sogar die Straßenbäume imposant und mächtig sind. (siehe die alten Eichenalleen in Dahlem).

Spuren von Tieren im Park

So war ich kürzlich am Nordbahnhof spazieren, da, wo viele mit dem Hund hingehen, wenn der muss. Die Tage vorher hatte es ununterbrochen geregnet. Der verlassene Spielplatz mit den vielen Graffitis, von denen man sich fragt, ob sie zum Konzept gehören, stand unter Wasser. Und da, vor einer riesigen Pfütze, badeten Spatzen, Meisen und Bachstelze in ungewohnter Eintracht. Ein paar Schritte weiter waren ebenfalls die Wege im Unterholz vom Regen durchspült und kaum passierbar. Beim mühsamen Suchen eines möglichst festen Untergrundes stieß ich auf Fußabdrücke … eines Marders?!

Stellen Sie sich vor, plötzlich sah ich mich ein ganzes Menschenleben zurückversetzt. Instinktiv ging ich leicht in die Beuge und hielt eine ganze Weile still. Mein Blick wanderte vorsichtig über die umliegenden Gebüsche, so wie damals, als – in Begleitung von David Crockett – wir uns dem Camp der Comanchen näherten. Da hinten, diese lang gepflasterte Linie (symbolischer Mauerverlauf) markierte die verlassene Siedlung früherer Wild-West-Pioniere (nicht zu verwechseln mit DDR-Pionieren) ;-). Auch die Spuren der ehemaligen Eisenbahnlinie mit Dampflok stehen noch fest in den Boden zementiert …

Klamme Kassen – Platz für Fantasie

Trotz all der Eroberungsversuche hat dieses Indigenenland seinen ursprünglichen Charakter nicht verloren. Noch bietet es, dank der klammen Kasse der städtischen Gartenämter in Mitte, eine perfekte Projektionsfläche für kindliche Fantasie und Erfindungsgeist.

Im Winter wandeln zwei fallschirmartige Traglufthallen einen Teil des Geländes zur Weltraumstation um. Im Sommer beleben sportlich-aktive junge Menschen die Gegend und können mit oder ohne Ball, in der Luft und im Sand, ganz nach Herzenslust springen, jumpen, klettern, trampeln. Während direkt am Nordbahnhof der Bär tanzt und das Leben pulsiert, erstreckt sich der Schatten der Vergangenheit in Gestalt dieser grünen Landzunge bis zur Liesenbahnbrücke. Auch hier eine Reminiszenz an frühere Zeiten; vermutlich das größte Rostdenkmal der Stadt.

Im Nordbahnhofpark. Foto: Hensel
Im Nordbahnhofpark. Foto: Hensel

Nordbahnhofpark, du sollst so bleiben!

Möge diese Ecke vor den besten stadthistorischen Absichten unserer Zeitgenossen noch lange geschützt bleiben. Wer sie nicht attraktiv genug findet, wohnt nicht da. Eigentlich ist es immer voll: Eltern mit Kinderwagen, Jogger:innen jeden Alters, Hundehalter:innen, Sprayer:innen und Künstler:innen, verliebte Paare, Handysüchtige, einsame alte Menschen mit vielen Erinnerungen … Möge diese unsere Einöde, die für mich kürzlich ein paar Sekunden lang Traumland wurde, lange noch vor jeglichem planerischen Impetus bewahrt bleiben.

Text: Alain Baillet

Dieser Text wurde von einem Menschen geschrieben.

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Kommentar

  1. Avatar von Meytadier Yolande
    Meytadier Yolande

    Nordbahnhofpark, du sollst so bleiben! Ja!
    Oder, falls er gestaltet werden müsste, möge die Hand des Menschen leicht sein! Möge er der Natur so weit wie möglich erlauben, ihre Rechte zurückzuerlangen – sie hat uns noch so viel zu lehren.

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