Ostern am Gesundbrunnen – Irgendwas mit Jesus?

Was bedeutet Ostern heute noch – mitten in Gesundbrunnen? Pfarrerin Senta Reisenbüchler nimmt uns mit in ein Gespräch im Café Flying Roasters und erzählt, warum die Ostererzählung für sie mehr ist als Tradition: nämlich eine Geschichte über Schmerz, Hoffnung und Neubeginn im Alltag.

Ich sitze im Café Flying Roasters in der Hochstraße. Die Sonne fällt durch die großen Fenster, draußen läuft der Kiez langsam warm für den Frühling. Ich hole mir einen Kaffee und frage die beiden Barista hinter dem Tresen: „Sagt mal – wisst ihr eigentlich, was an Ostern passiert ist?“ Sie schauen sich an und lachen ein bisschen. „Irgendwas mit Jesus, oder?“, sagt einer. „Nicht die Geburt … das war Weihnachten, oder?“, ergänzt die andere. Beide grinsen verlegen. Sie wissen, dass ich Pfarrerin hier im Kiez bin.

Ein kleiner Realitätscheck in der eigenen Nachbarschaft. Also: Worum geht es an Ostern eigentlich?

Die Kirche St. Paul im Frühling 2026. Foto: Hensel
Die Kirche St. Paul im Frühling 2026. Foto: Hensel

Good to know: Was feiern Christen an Ostern?

Ostern ist das wichtigste Fest der christlichen Kirchen. Nicht Weihnachten, sondern Ostern ist der Dreh- und Angelpunkt für den christlichen Glauben. Denn hier geht es um die zentrale Frage: Was trägt – selbst über den Tod hinaus? Dabei ist Ostern mehr als ein einzelner Tag. Es gehört zu einer ganzen Woche, der sogenannten Karwoche.

Sie beginnt mit dem Palmsonntag: Jesus zieht in Jerusalem ein, viele Menschen feiern ihn wie einen Hoffnungsträger. Doch die Stimmung kippt schnell. An Gründonnerstag feiert Jesus gemeinsam mit seinen Jüngern ein ausgiebiges Mahl. Danach wird er verraten, verhaftet und vor Gericht gestellt. Der Karfreitag ist der Tiefpunkt: Jesus wird gekreuzigt und stirbt. Ein Tag voller Trauer, Ohnmacht und Schmerz.

Und dann – Ostersonntag: Die biblische Erzählung berichtet, dass Jesus nicht im Tod bleibt, sondern aufersteht. Für Christinnen ist das die zentrale Hoffnung: Dass das Leben stärker ist als der Tod. Dass es einen Neuanfang gibt, selbst da, wo alles zu Ende scheint. Am Ostermontag wird diese Hoffnung weitererzählt – sie kommt langsam in Bewegung und breitet sich aus.

Warum mich diese Geschichte nicht loslässt

Ich liebe Ostern. Vielleicht auch weil ich nicht kirchlich aufgewachsen bin. Meine Eltern kommen aus einem nicht-christlichen Land und haben uns Kinder weitestgehend religionsfrei erzogen.

Was mich als Jugendliche fasziniert hat, waren andere Jugendliche, die Christinnen waren – und die in dieser Geschichte vom Kreuz etwas entdeckt hatten, das ich so nicht kannte: eine bedingungslose Zuwendung Gottes. Die Vorstellung dahinter hat mich tief berührt: Dass ich nicht tiefer fallen kann als in Gottes schützende Hand. Dass alles, was mich ausmacht – auch meine Fehler und meine Brüche – schon angenommen ist. Dass ich nichts leisten muss, um wertvoll zu sein.

Und gleichzeitig hat diese Idee etwas Praktisches in mir ausgelöst: Wenn das so ist – wie will ich dann leben? Nicht aus Angst, etwas falsch zu machen. Sondern aus der Freiheit heraus, dass mein Leben Ausdruck dieses Gedankens sein kann. Das war kein fertiger Gedanke. Eher etwas, das langsam gewachsen ist.

Pfarrerin Senta Reisenbüchler. Foto: Duman Fotografie
Pfarrerin Senta Reisenbüchler. Foto: Duman Fotografie

Karfreitag aushalten – und dann?

Gerade schreibe ich meine Predigten für die Ostergottesdienste. Und ich merke: Mich beschäftigt immer wieder eine bestimmte Bewegung. Karfreitag fühlt sich an wie eine offene Wunde. Ein Tag, der einlädt, hinzusehen: auf das, was weh tut – im eigenen Leben, im Kiez, in der Welt. Wut und Trauer zuzulassen. Nicht sofort zu (ver)trösten. Nicht sofort zu agieren. Sondern innezuhalten und auszuhalten.

Das ist herausfordernd. Ich bin gut darin, mich abzulenken, Kaputtes zu reparieren und Brüche zu kitten – schnell wieder „funktionieren“ zu wollen. Aber genau dieses Innehalten am Karfreitag tut mir gut. Verborgenes und Verdrängtes wahrzunehmen und zuzulassen.

Und dann kommt Ostern.

Nicht als billiger Trost. Sondern als leiser, kraftvoller Neubeginn. Wie ein Reset-Button. Die Möglichkeit, dass sich etwas verändert. Dass Hoffnung zurückkehrt. Dass Leben neu aufbricht – manchmal ganz vorsichtig, manchmal überraschend stark. Für mich ist Ostern deshalb kein rein religiöses Ereignis, sondern eine Erfahrung, die mitten im Alltag passieren kann.

Osterglocken an der Kirche St. Paul in der Badstraße. Foto: privat
Osterglocken an der Kirche St. Paul in der Badstraße. Foto: privat

Ostern zwischen Hochstraße und Alltag

Zurück im Flying Roasters. Wir lachen noch ein bisschen über unser Gespräch. Und ich merke: Ostern lässt sich nicht einfach ‚wissen‘ – man kann es vielmehr erleben, spüren, in den Alltag hineinlassen.

Vielleicht heißt Ostern, sich in der kommenden Karwoche einen Moment Zeit zu nehmen. Für das, was gerade schwer ist. Und für das, was neu werden könnte. Bei mir. In meinem Kiez. In der Welt.

Falls Sie das gern gemeinsam mit anderen tun möchten, kommen Sie vorbei. Unsere Gemeinde ist offen: für Gespräche, für Stille, für Fragen. Und vielleicht auch für ein kleines Stück Osterhoffnung im Alltag.

Unsere Oster-Gottesdienste finden Sie über diese Link.

Schöne Osterfeiertage wünscht Ihnen

Pfarrerin Senta Reisenbüchler
von der Evangelischen Kirchengemeinde am Gesundbrunnen

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Kommentar

  1. Avatar von Rolf

    Schön, nach der Erklärung zu Ramadan und Zuckerfest jetzt eine Erklärung zu Ostern. Es ist gut zu wissen, was eigentlich dahintersteckt. Beim Blick in die Geschäfte und Kindergärten könnte man sonst glauben, es wäre ein seltsamer Hasen- und Hühnerkult. :-)

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